WM-Aus gegen Japan Die Neid-Debatte

Im WM-Viertelfinale gegen Japan enttäuschte das deutsche Team maßlos. Nun wird allerorten gerätselt. Wie konnte es zu dem Debakel kommen? In der Kritik steht auch Bundestrainerin Silvia Neid. Ihr werden taktische Fehler vorgeworfen.

Von , Wolfsburg

AFP

Das Spiel war kaum vorbei, da wurde Silvia Neid schon nach den Gründen für das Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft bei der WM gefragt. Welchen Anteil sie denn habe? "Mein Anteil ist offenbar, dass ich den Ball nicht selbst in den Strafraum getragen und das Tor geschossen habe", antwortete sie schnippisch. Ansonsten werde sie "in Ruhe darüber nachdenken", ob sie selbst Fehler gemacht habe. Das unerwartete Scheitern des hohen Titelfavoriten im Viertelfinale gegen Japan (0:1) ist auch eine persönliche Niederlage der Trainerin.

"Ich kann mir nicht vorstellen, dass es eine Debatte um die Trainerin gibt. Silvia Neid ist das Beste, was wir kriegen können", hat DFB-Boss Theo Zwanziger gesagt. Und damit vorauseilend versucht, das zu verhindern, was unvermeidlich ist. Dass nach einem vorzeitigen Aus auch über die Arbeit der Trainerin geredet wird. Und dass darüber diskutiert wird, ob es richtig vom DFB war, vier Tage vor Beginn der WM den Vertrag mit Neid bis 2016 zu verlängern.

Das Ganze ist ja etwas paradox: Vor der Männer-WM 2010 verweigerte der DFB Bundestrainer Joachim Löw die vorzeitige Verlängerung des Vertrages. Die Männer spielten ein begeisterndes Turnier, und der DFB stand blamiert da. Dieses Mal wollte es Zwanziger besser machen - und steht wieder in der Kritik.

Erster echter Rückschlag für Neid

Was man nicht vergessen sollte: Bisher war der Erfolg der ständige Begleiter Neids, die im Sommer 2005 das deutsche Team übernommen hatte. Bei der Weltmeisterschaft 2007 und der Europameisterschaft 2009 triumphierte Deutschland. Bei den Olympischen Sommerspielen 2008 in Peking reichte es immerhin zu Bronze. Aber all diese Erfolge zählen jetzt nicht. Die WM im eigenen Lande war das Prestigeprojekt des DFB in Sachen Frauenfußball.

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Viertelfinal-Aus: Tränen und Verzweiflung in Wolfsburg
Bei diesem Turnier sollte unbedingt der Titel her, dafür hat der DFB viel getan, Millionen wurden für das Projekt Titelverteidigung investiert, die Nationalspielerinnen seit April zusammengezogen. Sämtliche Belange der Bundesliga wurden diesem Ziel untergeordnet, drei Monate lang ging es für den Kader ausschließlich darum, sich auf dieses Großereignis vorzubereiten - und daran gemessen ist das Ergebnis umso enttäuschender. Zumal die Deutschen nun nicht einmal für die Olympischen Spiele 2012 in London qualifiziert sind. Das letzte Ticket schnappten die Schwedinnen der DFB-Elf durch ihren Halbfinal-Einzug weg.

Laufwege funktionierten auf dem Platz nicht, überraschende Spielzüge waren gegen die Japanerinnen kaum zu sehen, das schnelle Passspiel funktionierte trotz monatelanger Einübungszeit viel zu selten. Gegen Japan blieb vieles in der Offensive dem Zufall überlassen. "Es war mehr oder weniger ein Stolpern über den Ball", sagte Neid am Tag danach.

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DFB-Einzelkritik: Verkrampft, verletzt, verloren
Immer wieder wurden die Bälle hoch in den Strafraum geschlagen, man setzte auf die körperliche Unterlegenheit der Japanerinnen, gepaart mit der eigenen Kopfballstärke. Als dies nicht funktionierte, offenbarte sich das ganz große Vakuum. Es fehlte ein Plan B.

Wenig Glück mit den Einwechslungen

Hinzu kam Neids fehlende Fortune bei ihren Wechseln. Ihr Schachzug, nach der Verletzung von Kim Kulig Linda Bresonik ins defensive Mittelfeld zu ziehen, erwies sich als wirkungslos. Darüber hinaus brachte sie erst spät in der Verlängerung Stürmerin Alexandra Popp, die während des gesamten Turniers merkwürdig gehemmt wirkte. Die 20-Jährige vom Bundesligisten FCR Duisburg kam für ihre Angriffs- und Vereinskollegin Inka Grings. Dies in einer Phase, in der man sich auch eine personelle Verstärkung der Offensive sehr gut vorstellen konnte.

Mit einer gewissen Garantie werden sich nach der Niederlage auch wieder die Kritiker zu Wort melden, die Neid vorwerfen, den Fall Birgit Prinz unglücklich gemanagt zu haben. Tatsächlich wirkte Neid in dieser Frage merkwürdig unentschlossen. Erst machte sie Prinz zur unverzichtbaren Stammspielerin, um ihr später in der Formkrise die Unterstützung zu versagen.

Die Trainerin vertraute im Vorfeld darauf, dass bei der Rekordnationalspielerin während der WM der Knoten platzen und sie so ihren würdigen Abschied aus der Nationalelf erhalten werde. Das hat nicht funktioniert. Stattdessen wurde die Kapitänin zum Problemfall - und das mitten im Turnier.

Spielerinnen von dem Drumherum beeindruckt

Letztlich war die Personalie Prinz für das Ausscheiden der Elf jedoch nicht verantwortlich. Vielmehr war das Team den hohen Erwartungen nicht gewachsen. Auf die Dimension einer Heim-WM, auf die mediale Aufmerksamkeit schien das Team nicht angemessen vorbereitet. "Wir haben den Druck gespürt", sagt Neid.

Viele Spielerinnen schienen über die Maßen beeindruckt von den großen Kulissen in den Stadien, von dem ganzen Drumherum. Dabei war dies vorhersehbar, der DFB hatte den Hype schließlich selbst angefacht. Der Verband wollte alles auf einmal: Er wollte das Turnier und die Spielerinnen perfekt vermarkten und gleichzeitig den maximalen sportlichen Erfolg. Das erste ist gelungen. Mit beidem war die Mannschaft überfordert.

Neid hat zwar immer gewarnt, dass auch der Fall eintreten könne, dass die Elf bei dieser WM vorzeitig ausscheidet. Richtig daran geglaubt hat aber auch sie nicht.

Forum - Fußball-WM der Frauen 2011 - was erwarten Sie vom Turnier?
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Seite 1
krafts 29.11.2010
1.
Zitat von sysopVom Sommermärchen 2006 schwärmen die Fans noch heute. Was bringt die nächste Fußball-WM in Deutschland? 2011 messen sich die besten Frauenteams der Welt. Kann das deutsche Team seinen Titel erfolgreich verteidigen? Wird die Stimmung so ausgelassen sein wie 2006?
Ich gehe mal davon aus, dass die Frauen-WM auch im eigenen Land nicht mit der von 2006 vergleichen kann. Auch bei vielen Fußballinteressierten wird sich das Interesse ziemlich in Grenzen halten.
Kanzla87 29.11.2010
2.
Zitat von kraftsIch gehe mal davon aus, dass die Frauen-WM auch im eigenen Land nicht mit der von 2006 vergleichen kann. Auch bei vielen Fußballinteressierten wird sich das Interesse ziemlich in Grenzen halten.
Aus welchem Grund?
Rockker, 29.11.2010
3.
Ein Wettbwerb aus der Kategorie *EIKS, aber dank den deutschen Medien wird er gehypt zu dem nächsten unsänglichen "Sommermärchen" wo die deutsche NM, alle Gegner sowieso mit 22:0 schlagen wird... *Eigentlich Interessiert Keine Sau
Flosse, 29.11.2010
4. Zu wünschen wäre es...
Zitat von sysopVom Sommermärchen 2006 schwärmen die Fans noch heute. Was bringt die nächste Fußball-WM in Deutschland? 2011 messen sich die besten Frauenteams der Welt. Kann das deutsche Team seinen Titel erfolgreich verteidigen? Wird die Stimmung so ausgelassen sein wie 2006?
Die Stimmung wird wohl kaum so ausgelassen sein wie 2006, weil es auch einfach viel kleinere Stadien sind. Das Medieninteresse wird da sein, aber ob die Fans so mitziehen? Zu wünschen wäre es. Ich fände es übrigens auch klasse, wenn mal die Herren-N-11 gegen die Damen-N-11 spielen würde. Vor vier Jahren waren die Frauen zumindest spielerisch überlegen...
CaptainSubtext 29.11.2010
5. !
Zitat von FlosseDie Stimmung wird wohl kaum so ausgelassen sein wie 2006, weil es auch einfach viel kleinere Stadien sind. Das Medieninteresse wird da sein, aber ob die Fans so mitziehen? Zu wünschen wäre es. Ich fände es übrigens auch klasse, wenn mal die Herren-N-11 gegen die Damen-N-11 spielen würde. Vor vier Jahren waren die Frauen zumindest spielerisch überlegen...
mmmmh. Wenn die Damenelf noch nicht mal in der Lage ist gegen eine Vereins-B-Jugend zu gewinnen, wieso.....?
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