Endstation Babystrich: Anschaffen hinterm Hauptbahnhof

Sie sind blutjung, oft drogenabhängig und obdachlos. Für ihren Lebensunterhalt verkaufen sie ihre Körper. Wer auf dem Dortmunder Babystrich landet, hat kaum Chancen auf Rückkehr in ein geregeltes Leben.

Endstation Babystrich: "Es sollte nur ein Mal sein"
AFP

Endstation Babystrich: "Es sollte nur ein Mal sein"

Dortmund - Der schwarze Kombi fährt langsam heran. Neben einer jungen Frau hält der Fahrer und spricht sie an. "Französisch 30 Euro, Verkehr 40 Euro, beides 60 Euro", anwortet Angelique. Sie ist 18, Prostituierte und schafft seit drei Jahren auf dem illegalen Straßenstrich nördlich des Dortmunder Hauptbahnhofs an.

Angelique K. ist bei den Freiern beliebt, weil sie jung ist. Auf dem Babystrich gehört sie allerdings zu den Ältesten. Erst 14 oder 15 Jahre alt sind manche der Mädchen, die hier ihr Geld verdienen. Viele sind drogenabhängig, obdachlos, wurden oft schon als Kind missbraucht. Zu ihren Eltern hat Angelique seit langem keinen Kontakt mehr. Ihre Ersatzfamilie sind die Schäferhunde Shadow und Tequila und der 16-jährige Andi. Die Biographie des Jungen ist - ähnlich wie bei Angelique - geprägt von Heimaufenthalten. Seiner Mutter wurde er zu schwierig, seinen Vater hat Andi nie kennen gelernt.

Wer so früh wie die beiden durch das soziale Netz fällt, findet nur noch sehr schwer in ein normales Leben zurück. Das ist auch die Erfahrung von Katja Barthel. Die Streetworkerin der Dortmunder Mitternachtsmission kümmert sich um die jungen Prostituierten. Sie verteilt Kondome, ist Ansprechpartnerin und versucht, die Jugendlichen von der Straße zu holen. Das wäre auch für Angelique und Andi ein erster Schritt Richtung Normalität, doch der ist nicht ganz einfach.

Zurzeit finden die beiden Unterschlupf in der Wohnung eines Bekannten - 45 Quadratmeter Sperrmüll sind die einzige Form von Geborgenheit im Leben von Andi und Angelique. Nun hat die 18-Jährige beim Sozialamt eine eigene Wohnung beantragt, doch das Amt zahlt nur, wenn sie von der Prostitution herunterkommt. Das erste Mal sei sie mit 15 auf den Strich gegangen. "Es sollte auch nur ein Mal sein", erzählt sie. Doch sie ging immer öfter Anschaffen, das schnelle Geld lockte - auch zur Finanzierung von Drogen. Der Drogenkonsum ist bis heute geblieben. "Rauch' ich mir eine und zieh' mir Koks, dann bin ich zufrieden", sagt sie. Drogen sind für die junge Frau der Rettungsanker. "Um die Welt nicht normal erleben zu müssen."

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