Der Fall Marc Dutroux "Bestellt, gezahlt, Ware erhalten"

Acht Jahre nach den schlimmsten Verbrechen in der belgischen Kriminalgeschichte suchen die Eltern der Opfer noch immer nach der Wahrheit. Nach einer Serie von Ermittlungspannen setzen sie nicht mehr auf die Polizei, sondern auf den mutmaßlichen Mörder ihrer Kinder: Marc Dutroux, der in zwei Wochen vor Gericht aussagen könnte.


Marc Dutroux bei seiner Festnahme am 16. August 1996: Entführt, vergewaltigt, verscharrt
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Marc Dutroux bei seiner Festnahme am 16. August 1996: Entführt, vergewaltigt, verscharrt

Am 15. August 1996 befreien Polizeibeamte zwei junge Mädchen aus einem Kellerverlies. Die 14-jährige Laetitia und die zwölfjährige Sabine waren wie Tiere gefangen gehalten und mehrfach sexuell missbraucht worden.

Verantwortlich für die Grausamkeiten ist der damals 39 Jahre alte Marc Dutroux. Er hatte die beiden Mädchen von der Straße weg entführt und vergewaltigt - immer wieder. Nach seiner Verhaftung werden Details der beispiellosen Verbrechensserie bekannt. Im Keller seines Hauses hatte der arbeitslose Elektriker eine ehemalige Wasserzisterne zu einem Verlies umgebaut. 2,15 Meter lang, nicht einmal einen Meter breit und 1,64 Meter hoch war die Zelle, in der er seine Opfer bis zu 100 Tage gefangen hielt. Polizeifotos der Kammer zeigen Antibabypillen auf dem kleinen Tisch, einen Fernseher, auf der Matratze ein zerknittertes Laken. Nach den Vergewaltigungen soll Dutroux seinen Opfern Schokolade gegeben haben, manchmal steckte er ihnen auch ein paar Geldscheine zu.

Am Tag ihrer Befreiung glaubt die damals 14 Jahre alte Laetitia, nun sei ihr Ende gekommen. Zitternd versteckte sie sich unter einer Decke. "Ich hörte laute Stimmen und dachte: 'Jetzt kommen sie und bringen uns um'", sagte sie in einem Interview drei Jahre nach ihrer Rettung. Laetitia und Sabine waren die einzigen, die lebend davonkamen. Mélissa und Julie (beide acht Jahre) hingegen starben einen qualvollen Tod, ebenso wie die 19-jährige Eefje und die 17-jährige An. Zwei Wochen nach seiner Festnahme führte Dutroux die Fahnder zu den verwesten Leichen der vier Mädchen. Er hatte die Körper in verschiedenen Gärten verbuddelt. Untersuchungsrichter Jean-Marc Connerotte und Staatsanwalt Michel Bourlet stehen an den Gruben und weinen.

An wog zum Zeitpunkt ihres Todes nur noch 30 Kilo. Wie sie wirklich gestorben ist, wissen ihre Verwandten bis heute noch nicht. "Bei An kann es sehr gut sein, dass sie bei lebendigem Leib vergraben wurde", sagt Ans Vater, Paul Marchal, gegenüber SPIEGEL TV. Auch Jean Lambrecks versteht nicht, warum seine Tochter Eefje sterben musste: "Jedes Mal, wenn ich diesen Mann sehe, frage ich mich, wie er das nur tun konnte. Ob er begreift, was er angerichtet hat und was er uns und den anderen Familien für Schmerzen zugefügt hat."

Immer neue Pannen und Schludrigkeiten

Die Akte Dutroux ist zwar inzwischen 400.000 Seiten stark, doch Anwälte und Hinterbliebene meinen noch immer, der Wahrheit keinen Schritt näher gekommen zu sein. Im Gegenteil: Sie vermuten, dass die immer neuen Pannen und Schludrigkeiten System haben. "Wir haben den Eindruck, dass man der Sache nicht auf den Grund gehen wollte, um Strukturen und Personen, die sich dahinter verbergen, nicht offen zu legen", sagt Jean Denis Lejeune, Vater der kleinen Julie. "Das ist das einzige, was man für meine Tochter noch tun kann - ihr eine letzte Ehre zu erweisen, indem man nach der Wahrheit sucht", erklärt Ans Vater.

Eingang zum Verlies in Dutrouxs Keller: Hinter der Wand verhungert
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Eingang zum Verlies in Dutrouxs Keller: Hinter der Wand verhungert

Auch Jan Fermon, Anwalt der Nebenklage, kritisiert die schleppende Ermittlungsarbeit: "Mich stört, dass wir nach acht Jahren nicht mehr Antworten haben als nach einem Monat." So lag den Behörden bereits einen Monat nach der Entführung von Mélissa und Julie im Juli 1995 ein Bericht zu einem Verdächtigen vor. Der Name lautete Marc Dutroux, ein verurteilter Mädchen-Entführer und Vergewaltiger. In dem Bericht behauptet ein Informant, Dutroux habe ihm erzählt, wenn er Geld verdienen wolle, müsse er nur vor einer Schule junge Mädchen entführen. Dafür bekomme er 150.000 Francs. Im Übrigen richte er im Keller seines Hauses Zellen ein.

Trotz dieser Aussage wird das Haus Dutrouxs erst Monate später durchsucht - ohne Ergebnis. Dem Ermittler fällt die neu eingezogene, frisch verputzte und strahlend weiße Wand im Keller des ansonsten recht heruntergekommenen Hauses nicht weiter auf. Die Wand verdeckt das Horrorverlies, in dem Mélissa und Julie zu dieser Zeit eingesperrt gewesen sein müssen. Auch die Kinderschreie, die der Beamte hört, irritieren ihn nicht - auch wenn es 11 Uhr morgens ist und Kinder normalerweise in der Schule sitzen sollten.

Wenig später sind die beiden Mädchen tot. Verhungert. Der Obduktionsbericht vermerkt, die Kinder seien an Hunger und Durst gestorben und mehrmals vergewaltigt worden. Dutroux selbst will am Tod der Mädchen nicht Schuld sein. Er habe wegen eines Autodiebstahls drei Monate in Haft gesessen und einem Komplizen gesagt, er solle sich um die Kinder kümmern. "Als ich freikam, habe ich sie fast verhungert angetroffen. Eine von ihnen lag schon im Sterben, die andere ist sozusagen in meinen Armen gestorben."

"Sie haben ein bisschen gelacht"

Zwei Monate nach der Entführung der beiden Achtjährigen verschleppt Marc Dutroux mit einem Komplizen An, 17, und Eefje, 19. Die beiden Freundinnen hatten in ihrem ersten Urlaub nach dem Abitur an einer Hypnoseshow in einem Kasino teilgenommen. Als An und Eefje nicht in die Ferienwohnung zurückkehren, machen sich ihre Freunde Sorgen. Das sei nicht ihre Art gewesen, erzählt Michael van Luijk. Die Polizei habe gemeint, die beiden seien sicher noch mit ein paar Jungs in eine Disco gegangen. "Sie haben gesagt, das sei kein Problem, und haben ein bisschen gelacht." Derweil bringt Dutroux seine Opfer in sein Haus in Charleroi, allerdings nicht in den Keller, denn dort liegen vermutlich noch Julie und Melissa. Stattdessen sperrt er die offenbar betäubten jungen Frauen in ein Zimmer im ersten Stock. Dort vergewaltigt er sie mehrfach. Fluchtversuche der Mädchen scheitern.

Was hinter den Entführungen steckt, ist Fahndern und Eltern bislang ein Rätsel. Das liegt auch daran, dass Ermittlungen in bestimmten Kreisen unterbunden wurden. Dutroux selbst behauptet, er sei nur Handlanger gewesen. "Er sagte, die Mädchen seien nicht nur für ihn allein da gewesen, sondern auch für andere", sagt der Journalist Thomas van Hemeldonck, der Dutroux im Januar 2002 im Gefängnis interviewte. Bereits im Jahr 2000 hatte der Kinderschänder in einem Brief an einen privaten Ermittler von Hintermännern berichtet. Er nannte den Namen Michel Nihoul, der Protektion "von ganz oben" genieße. Der Mann habe Kontakte zum Brüsseler Jetset, darunter viele Kunden einschlägiger Sado-Maso-Partys.

Fahnder auf einem Grundstück Dutrouxs, wo An und Eefjes Leichen liegen: Suche nach der Wahrheit als letzte Ehre
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Fahnder auf einem Grundstück Dutrouxs, wo An und Eefjes Leichen liegen: Suche nach der Wahrheit als letzte Ehre

Die Verbindung zwischen Nihoul und Marc Dutroux bestätigt eine Zeugin, Regina Louf, die von ihrer eigenen Großmutter an interessierte Kunden vermittelt worden war. Aus der Zeit, als sie an Sexpartys teilnehmen musste, kennt sie beide Männer. "Michel Nihoul bestellte bei Marc Dutroux Kinder zwischen zwölf und 14 Jahren für einschlägige Pädophilenfeste", berichtet sie. Die Fahnder halten die Zeugin für glaubwürdig. Dank Regina Louf kommen die Ermittlungen zunächst rasch voran, werden dann aber plötzlich eingestellt: "Wir wurden von einem auf den anderen Tag abgesetzt, ohne Erklärung", erinnert sich der ehemalige Ermittler Rudy Hoskens. Ihm und seinen Kollegen habe man nur mitgeteilt, "dass einige Personen nicht mehr mit uns zusammenarbeiten wollen und dass wir die Dossiers nicht mehr weiter bearbeiten sollen". Auch Dutrouxs Verteidiger, Xavier Magnée, ist überzeugt davon, dass sein Mandant nicht alleine vorgegangen ist. Er habe hinter sich Personen gehabt, "die stärker waren, die gezahlt haben, die bestellt haben, die Ware erhalten haben und die entschieden haben", sagt Magnée.

Die Schlampereien und Ungereimtheiten bei den Ermittlungen erschüttern das ganze Land. Das Misstrauen gegenüber der Obrigkeit wächst, und der Verdacht bleibt bei vielen Belgiern, dass die Reichen und Mächtigen protegiert werden, während Staat, Justiz und Polizei den Normalbürger nicht schützen können. Im Oktober 1996 rufen Eltern vermisster Kinder zu einer Demonstration auf. 300.000 Menschen nehmen an dem "Weißen Marsch" nach Brüssel teil - die größte Kundgebung, die es in Belgien je gegeben hat.

Im April 1998 erreicht der Dutroux-Skandal einen weiteren Höhepunkt. Der Gefangene entreißt einem seiner Bewacher die Dienstwaffe und entkommt aus einem Gerichtsgebäude in Neufchâteau. Das belgische Parlament unterbricht sofort seine Sitzung, die Polizei löst Großalarm aus: Tausende Beamte sind im Einsatz, Dutzende Hubschrauber kreisen am Himmel. Nach dreieinhalb Stunden Flucht stöbern Spürhunde den Kinderschänder in einem Waldstück auf. Er lässt sich widerstandslos festnehmen. Einem Gendarmen sagte Dutroux, er sei glücklich, wenn er das Chaos sehe, in das er Belgien gestürzt habe. Wenig später treten Innenminister Johan Vande Lanotte, Justizminister Stefaan de Clerck und Polizeichef Willy Deridder von ihren Ämtern zurück.

Die Eltern der Opfer fordern nach all den Jahren endlich Klarheit. Nachdem die Ermittlungen keine Aufklärung gebracht haben, hoffen sie nun, dass Dutroux in dem Prozess, der am 1. März im belgischen Arlon beginnt, sein Schweigen bricht. Neben Dutroux sind drei Komplizen angeklagt, darunter seine Frau Michelle.

Friederike Freiburg



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