Hochbegabte Kinder Wenn Intelligenz zum Fluch wird

Sie geben als Knirpse Klavierkonzerte, basteln komplizierte Maschinen, während Gleichaltrige im Sand buddeln, oder merken sich meterlange Zahlenreihen - nur so zum Spaß. Hochbegabte Kinder sind zwar klüger als ihre Altersgenossen, aber Freunde haben sie selten. SPIEGEL TV hat die kleinen Genies beim Denken beoachtet.


Mark Ehrenfried: Klaviervirtuose ohne Freunde
BMG

Mark Ehrenfried: Klaviervirtuose ohne Freunde

Mark Ehrenfried soll der "zweite Mozart" sein, jubelt die Presse. Am Klavier ist er ein Virtuose, er mag Bach und Beethoven. Im Alter von vier Jahren gab er bereits Konzerte. Mit neun Jahren nahm er seine erste CD auf. Inzwischen ist er zwölf, hat eine eigene Homepage, auf der man Tourdaten abrufen und Autogramme bestellen kann.

Mark gehört zu den Kindern, die einen Intelligenzquotienten von über 130 haben, zu den Hochbegabten. Zwar wird er für seine Leistungen oft bewundert, gleichaltrige Freunde hat er aber kaum. Der Berliner Junge mit der lockigen blonden Mähne hat bereits einmal die Schule gewechselt, weil er von seinen Mitschülern gehänselt wurde. Mit normalen Spielsachen konnte Mark schon als Kleinkind nichts anfangen, sagt seine Mutter Petra Ehrenfried gegenüber SPIEGEL TV. "Kontakt zu anderen Kindern hat er gemieden, er hat regelrecht Angst vor ihnen gehabt." Sie kämen ihm vor wie Marsmenschen.

Auch Cara Nadler ist hochbegabt. Besonders die Zahlen haben es ihr angetan. Das Einmaleins beherrscht die Sechsjährige fast perfekt. "Ich bin in der ersten Klasse, aber Mathe mache ich in der zweiten mit", sagt die Kleine stolz. Mutter Diana Nadler ist vom Redefluss ihrer Tochter oft genervt: "Die quatscht, wenn sie morgens aufsteht, dann fängt's an. Und hört auf, wenn sie die Augen zumacht. Die quatscht und quatscht und quatscht." Verbieten lasse die kluge Tochter sich nur ungern etwas: "Sie diskutiert das ewig lang aus. Ewig lang."

"Ich habe leider ein hochbegabtes Kind"

Die kleinen Intelligenzbestien brauchen ständig Beschäftigung. Unterforderung ist Gift für die schlauen Kinder, und die Schule allein lastet sie oft nicht aus. Doch in Deutschland gibt es nur wenige Angebote für Kinder wie Mark und Cara. Eine Möglichkeit ist die Bochumer Hochbegabtenförderung, allerdings sind die Kurse dort kostenpflichtig. In Braunschweig und im sächsischen Meißen gibt es Internate, die speziell auf Hochbegabte zugeschnitten sind. Die Christophorusschule Braunschweig startete die erste Förderklasse für Hochbegabte schon 1981. Das Angebot wurde seitdem stetig ausgebaut. Seit August 2001 bildet das Sächsische Landesgymnasium Sankt Afra überdurchschnittlich intelligente Schüler aus. In beiden Einrichtungen sind die Kinder unter Gleichgesinnten und fühlen sich nicht ständig in einer Sonderrolle.

Das ist auch für die Angehörigen eine große Erleichterung, weiß Schuldirektor Werner Esser. "Es gibt Eltern, die beginnen das Telefonat mit: 'Ich habe leider ein hochbegabtes Kind'." "Schwer oder schwerst hochbegabt?", frage er dann mitunter zurück. Die gequälte Reaktion der Eltern mache die Not der Familien deutlich. Trotz Spitzen-IQ scheitern viele Kinder in der Schule. Noten im unteren Bereich sind keine Seltenheit bei Hochintelligenten. Zudem falle es den meisten schwer, Freundschaften zu schließen. "Die Eltern sehen, dass ihr Kind abstürzt", sagt Esser. Dann ist das Internat für manche die letzte Hoffnung.

Hochbegabte Kinder: Für manche wird Intelligenz zur Qual
DDP

Hochbegabte Kinder: Für manche wird Intelligenz zur Qual

Für die Eltern wird die Intelligenz ihrer Sprösslinge zur Qual. Sie leiden darunter, dass ihre Kinder ausgegrenzt werden - ein Besserwisser hat selten Freunde. Der neunjährige Jonathan wehrt sich, allerdings allzu tatkräftig: "Manchmal ärgern sie mich so doll, dass ich sie hauen muss, aber die sind stärker als ich." Mutter Birgit Rauch fühlt sich hilflos. "Mit den anderen Kindern hat er natürlich Probleme und die anderen Kinder auch mit ihm", sagt sie. Ihr Sohn leide sehr darunter, dass er keine Freunde hat. Und auch den Eltern macht das zu schaffen. "Das ist das Schmerzhafteste für Eltern: zu sehen, dass das Kind einsam ist."

Das Alleinsein kennt auch Arno Funke, der in den neunziger Jahren als Kaufhauserpresser "Dagobert" die Polizei zum Narren hielt. Funke hat einen IQ von über 145 - so schlau ist nur ein Prozent der Bevölkerung. Zwischenzeitlich hatten über 2000 Ermittler den findigen Ganoven gejagt - ohne Erfolg. Immer wieder hatte "Dagobert" technische Geräte gebastelt, mit denen er die Beamten austrickste - und dabei akribisch darauf geachtet, niemanden zu verletzen.

Während seiner Schulzeit litt Arno Funke unter ständiger Unterforderung. "In der Schule war ich sehr schlecht, ich wusste eigentlich nicht, was die Lehrer von mir wollten", sagt Funke. Während des Unterrichts sei er mit anderen Dingen beschäftigt gewesen, erinnert er sich. Aber nach der Schule ging er in die Bibliothek und besorgte sich Bücher "über Philosophie, Chemie, Physik, Astronomie - das war das, was mich interessiert hat". Das habe es in der Schule nicht gegeben. Seine Interessen konnte er mit keinem seiner Mitschüler teilen. "Und das", seufzt er, "macht auch manchmal ein bisschen einsam."

Während Hochbegabte an normalen Gymnasien oftmals Außenseiter bleiben, fällt ihnen das Leben und Lernen in speziellen Einrichtungen leichter. Dann steht zum Beispiel Gedächtnistraining auf dem Stundenplan. Zehn Minuten haben die Kinder Zeit, sich die Abfolge von 130 wild aneinandergereihten Tennisbällen und Holzklötzchen einzuprägen. "Ball, Ball, Ball, Klotz, Ball, Klotz, Klotz ...", übersetzen die Schüler in einen Code, den sie sie Minuten später wiedergeben können. Natürlich fehlerfrei.



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