"Das Ziel der Bewegung der Freikörperkultur hat sich nicht geändert. Es ist einfach der Spaß an der Sache", so sieht es Wolfgang Weinreich, Vizepräsident des Deutschen Verbandes für Freikörperkultur (DFK) und seit Mitte letzten Jahres Präsident der Internationalen Naturisten Föderation (INF). Seit frühster Jugend ist Weinreich überzeugter FKKler oder genauer: "Seit dem 20. Februar 1946, denn da bin ich nackt geboren."
Eingefleischte FKKler sind keine normal Nacktbadenden, deren Streben häufig darin besteht, sich im Jahresurlaub, eine möglichst nahtlose Körperbräune anzueignen.
Die ursprüngliche Freikörperkultur ist eine Ideologie und, wie es in einem Grundsatzpapier heißt, "eine Lebensform zur Pflege von Körper, Seele und Geist."
Die Bewegung der Nackten als Spiegel der Zeit
Angefangen hat alles im Berlin der Jahrhundertwende. "In den Hinterhöfen war es dunkel, und es gab junge Leute, die haben gesagt: Wir müssen hier raus. Außer Steinwüsten und Arbeit gibt es noch was anderes!", so DFK-Vize Weinreich.
Also gingen sie hinaus in die Natur und entdeckten das Nacktsein wieder. "Nacktheit ohne erotischen Touch." Unbekleidete Körper als Gegenbewegung der Verstädterung, als Ausbruch aus bürgerlichen Zwängen.
In der Öffentlichkeit verstießen die Nackedeis zu Kaisers Zeiten gegen jede Moral und gute Sitten. Dabei wollten die Verfechter der Nacktkultur nur eine Erneuerung der Lebensführung erreichen. Der Mensch sollte sich aus der industriellen Lebensweise lösen.
Überzeugt: Unbekleidet ist gesund
In den zwanziger Jahren hatte die Bewegung ihre Blüte und verbreitete sich über Berlin hinaus. Der Titel einer damaligen FKK-Zeitschrift wurde zur Losung der ganzen Bewegung: "Wir sind nackt und nennen uns Du".
Die Ideologie der Nackten und ihr Erscheinungsbild wurde von verschiedenen politischen Richtungen beeinflusst - von bürgerlich-mondänen über links-proletarischen bis völkisch-nationalen Gruppierungen.
Nackten gegenüber skeptisch
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden zunächst alle naturistischen Tätigkeiten verboten. Einige der FKKler - diejenigen, die "sich tief einbräunen" ließen, so Weinreich - passten sich jedoch an und der "Bund für Leibeszucht" wurde zu ihrem Verein, der seinen möglichen Beitrag für die "rassische, gesundheitliche und sittliche Hebung der Volkskraft" betonte. Alsbald fand die Freikörperkultur im Dritten Reich Gefallen. Das Ideal des "germanischen Menschen" zeigte sich unter anderem in den umstrittenen Fotos der Leni Riefenstahl.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Leibeszucht-Bund verboten, und es fanden Bemühungen zur Wiederbelebung der FKK-Vereine statt. Doch die Nudisten wurden weiterhin mit argwöhnischen Blicken betrachtet. Das Moralverständnis während der Adenauer Ära war zurückhaltend und gipfelte in einem so genannten "Schund- und Schmutzgesetz", das den öffentlichen Verkauf der FKK-Zeitschriften verbot.
Bis heute verschwimmt bei manchen die Grenze zwischen der Lust am Nacktsein und der Lust am Voyeurismus, was die Freikörperkultur in ein schräges Licht rückt. Manche FKK-Magazine grenzen gar an Pornografie.
"Bis in den letzten Tümpel"
FKK-Vereine schrumpfen: Der Nachwuchs will nicht beitreten
Überalterte Naturisten
Im Zuge der 68er fielen die meisten und schließlich alle Hüllen, bis im Laufe der Zeit nackte Hintern und blanke Busen kaum noch empörte Aufschreie auslösten.
So ist es wenig verwunderlich, dass "die Vereine überaltern", wie der DFK klagte. Anfang der Siebziger lag die Zahl der Mitglieder noch bei 150.000. Ende der Neunziger sind es nur noch rund 60.000.
Einer der "Höhepunkte" der Freikörperkultur war für Weinreich noch das Jahr 1963, denn da wurde der DFK in den Deutschen Sportbund aufgenommen. Heute will die Internationale Naturisten Föderation eine Kommission einrichten, um Wege aus der Krise zu suchen.
Die Zeit der Vorurteile gegenüber der Freikörperkultur ist zwar mittlerweile vorbei - aber das einst revolutionäre Vorhaben zur Anerkennung der natürlichen Nacktheit auch überholt.
Petra Märlender
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