Geburtshäuser Von Moxa-Zigarren und Nadeln im Bein

Wer eine Hausgeburt vorzieht, aber die kurzfristige Verlegung in eine Klinik nicht ausschließen will, entscheidet sich in der Regel für eine Entbindung im Geburtshaus. Rund 40 solcher Einrichtungen gibt es zurzeit in Deutschland.


Geburtshaus Hamburg e.V.
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Meist in unmittelbarer Nähe von Krankenhäusern gelegen, bieten die Geburtshäuser auf der einen Seite die Intimität einer Hausgeburt und unkonventionelle Geburtsmethoden, auf der anderen Seite ist moderne medizinische Versorgung im Ernstfall garantiert. Speziell ausgestattete Geburtsräume bieten zudem Komfort und hygienische Standards, die im eigenen Heim gar nicht so einfach zu realisieren sind.

Das Geburtshaus Hamburg Ottensen ist ein eingetragener Verein mit zehn Hebammen, die maximal 30 Frauen zur Entbindung aufnehmen können. In den vergangenen neun Jahren erblickten hier über eintausend Säuglinge das bewusst gedämpfte Licht der Welt. Natürliche Geburtshilfe wollen die ausgebildeten Hebammen leisten und verzichten dabei auf jede Art von Medikamenten. Statt Schmerzmittel oder Wehentropf werden allenfalls homöopathische Mittel oder Akupunktur eingesetzt, um den Lauf der Dinge zu erleichtern oder gegebenenfalls zu beschleunigen.

Schmerzstillend, entspannend oder wehenfördernd: Akupunktur hilft auch bei der Geburt
Foto: GMS

Schmerzstillend, entspannend oder wehenfördernd: Akupunktur hilft auch bei der Geburt

Die Akupunkturbehandlung wird geburtsvorbereitend eingesetzt: Rund vier Wochen vor dem Entbindungstermin werden vier Punkte am Bein stimuliert, die eine schnellere und problemlose Öffnung des Muttermundes bewirken sollen. Präzise gesetzte Nadeln auf den Punkten "Magen 36", "Gallenblase 34", "Milz Pankreas 6" und "Blase 67" sorgen für ungehemmten Energiefluss in den so genannten Meridianen, den zwölf Regionen an der Körperoberfläche, die mit bestimmten inneren Organen verbunden sind.

Was sich kompliziert anhört ist in vielen Fällen außergewöhnlich erfolgreich. Hebamme Nicole Grell aus dem Hamburger Geburtshaus spricht aus Erfahrung: "Durch diese Maßnahme können wir die Eröffnungsphase um durchschnittlich zwei Stunden verkürzen."

Bei falscher Lage des Kindes, der so genannten Malposition des Fötus, greift man in Hamburg zur Moxa-Zigarre. Die Moxibustion, das "Moxa verbrennen", ist eine Kombination aus chinesischer Pharmatherapie und gezielter Wärmebehandlung. Das Moxa-Kraut ist nichts anderes als getrocknetes Beifuß- oder Wermutkraut, lateinisch Artemisia vulgaris genannt. Die aus dem heimischen Unkraut gedrehten Zigarren werden in die Nähe der bereits gesetzten Akupunkturnadeln gebracht, bis die Haut um die Einstichstelle beginnt sich zu röten. "Diese Behandlung führen wir lieber bei den Frauen zu Hause durch - den heftigen Zigarrengestank mag nicht jeder". Und die Erfolgsquoten? "Nicht immer dreht sich das Kind, aber einen Versuch ist es allemal wert", meint Nicole.

Aktive Helfer: Bei Wassergeburten werden Säuglinge als "kompetente Partner" geschätzt
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Aktive Helfer: Bei Wassergeburten werden Säuglinge als "kompetente Partner" geschätzt

Selbstverständlich verfügt das Geburtshaus auch über eine Gebärwanne – die Niederkunft im Wasser erfreut sich seit einigen Jahren so großer Beliebtheit, dass auch die Krankenhäuser nicht um die Whirl-Pool-artigen Wannen mit Haltegriff herum kommen. In Hamburgs einzigem Geburtshaus wählten im letzten Jahr knapp 12 Prozent der Frauen diese Entbindungsmethode – nur die Geburt im Vierfüßlerstand (24,8 Prozent) oder auf dem Hocker (39 Prozent) waren beliebter.

"Das Wasser nimmt den Frauen viel von ihrem Gewicht, sie können sich in der Wehe besser bewegen und leichter umdrehen. Die angenehme Temperatur wirkt außerdem entspannend und damit schmerzlindernd", erklärt Nicole die Beliebtheit dieser Geburtsmethode. Es gäbe aber auch eine Menge Frauen, die zwar ein Entspannungsbad nähmen, in der Austreibungsphase allerdings wieder "an Land gingen". Generell profitierten die Kinder von dem Zwischenmedium Wasser, dass sie sanft in die Welt gleiten ließe.

Im Regelfall bleiben die Frauen noch vier Stunden nach der Geburt im Haus, bis die erste hormonell bedingte Euphorie abgeklungen ist. Dann werden sie nach Hause entlassen. Während die Nachbehandlung von der Krankenkasse bezahlt wird, ist die Entbindung kostenpflichtig: 1200 Mark muss Frau für eine natürliche Geburt berappen, Beratungsgespräche und Informationsabende inbegriffen.

Da die neuen Erdenbürger sich erfahrungsgemäß herzlich wenig darum scheren, zu welcher Uhrzeit sie ihren Antrittsbesuch unternehmen, sind 24-Stunden-Bereitschaften für die Hebammen die Regel. Für Nicole kein Problem, aber ein Grund, noch nicht an eigenen Nachwuchs zu denken: "Bei solchen Arbeitszeiten kann man sich wirklich kein Kind erlauben."



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