Hochseefischerei "Die Freiheit der Meere ist Geschichte"

Die Kutterfisch-Zentrale in Cuxhaven ist Deutschlands größter Verarbeiter von Frischfisch, der per Kutter an die deutsche Küste gelangt. Sinkende Fangquoten und eine europaweit nicht immer einheitliche Gesetzgebung erschweren den Hochseefischern das Geschäft.


Große Aufgabe für die internationale Gemeinschaft: Illegale Fangpraktiken gefährden Fischbestände weltweit
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Große Aufgabe für die internationale Gemeinschaft: Illegale Fangpraktiken gefährden Fischbestände weltweit

Die Flotte der Kutterfisch-Zentrale kann sich sehen lassen: Neben den firmeneigenen Fischtrawlern "Christina Jarchau", "Mercator", "Nymphe" und "Sachsen-Anhalt" hält die Vermarktungsgesellschaft Beteiligungen an weiteren fünf Schiffen - darunter auch dem Trawler "Susanne".

An den Standorten Cuxhaven und Sassnitz beschäftigen die Kutterfischer mittlerweile 165 Mitarbeiter an Bord und 60 an Land. Die Ostseefischer vor Rügen fahren für ein bis zwei Tage aus und landen ihren Fisch bei der Tochterfirma Kutter- und Küstenfisch GmbH in Sassnitz an. Von dort wird der Fang mit der eigenen Fahrzeugflotte direkt an die Kunden, den Verarbeitungsbetrieb in Cuxhaven oder Auktionen geliefert. Die in Cuxhaven beheimatete Hochseeflotte ist zwischen sechs und acht Tagen in den Fanggebieten um Südnorwegen, Färöer und Island unterwegs.

Getreu dem Firmenmotto "Alles bleibt in einer Hand" widmen sich die Geschäftsführer neben dem Unterhalt der eigenen Flotte, der Weiterverarbeitung, dem Großhandel und Vertrieb auch der heimischen Gastronomie: Restaurants wie der Cuxhavener "Fischertreff" oder der "Kutter 4" in Sassnitz werden direkt beliefert - bei regionalen Veranstaltungen wie dem Cuxhavener Fischerfest wird das Sortiment der Kutterfischer in mobilen Verkaufsständen angeboten.

Weil sein Bestand zurzeit als gesichert gilt und die Fangquote im laufenden Jahr um die Hälfte erhöht wurde, macht der Seelachs auf Kuttern wie der "Susanne" etwa 80 Prozent der Fangmenge aus. Bei Island wird zudem Rotbarsch gefischt. Lange Sturmphasen im Frühjahr sowie rückläufige Fangquoten bei Kabeljau, Seehecht und Schellfisch bereiten den Hochseefischern allerdings Probleme. "Einige Fangquoten sind um die Hälfte gekürzt worden", berichtet Horst Huthsfeldt, einer der beiden Geschäftsführer der Kutterfisch-Zentrale.

"Alles in einer Hand": Weiterverarbeitung und Transport der Fische in lückenloser Kühlkette gehören bei der Kutterfisch-Zentrale ebenso zum Geschäft wie die Belieferung von Spezialitätenrestaurants
Kutterfisch

"Alles in einer Hand": Weiterverarbeitung und Transport der Fische in lückenloser Kühlkette gehören bei der Kutterfisch-Zentrale ebenso zum Geschäft wie die Belieferung von Spezialitätenrestaurants

"Die eingerichteten Sperrgebiete und Schutzzonen finden selbstverständlich unsere Zustimmung", meint Huthsfeldt, der sich dem Erhalt der Fischbestände verpflichtet fühlt. Er hofft allerdings auf mehr Verständnis für die spezielle Lage der deutschen Hochseefischer: Bruttoraumzahl und Kilowatt-Leistung aller hiesigen Fischereischiffe würden nur 3,4 Prozent der gesamten EU-Kapazitäten ausmachen. Während allein die dänische Flotte jedes Jahr etwa 1,5 Millionen Tonnen Fisch zur Produktion von Fischmehl fangen würde, brächten es die deutschen Kollegen auf gerade einmal 250.000 bis 280.000 Tonnen Gesamtanlandungen. Einer der Gründe: Den deutschen Fischern ist die Industriefischerei verboten.

Diese so genannte Gammelfischerei gilt als besonders umweltzerstörend, weil dabei Sandaale, Sprotten oder Stintdorsche nahezu unkontrolliert und in riesigen Mengen gefangen werden - den potenziellen Speisefischen wie Kabeljau oder Hering wird die Nahrungsgrundlage entzogen. Weil Jungfische anderer Arten in den engen Netzen der Gammelfischer hängen bleiben, ist auch deren Bestand gefährdet. Zudem wird das aus den kleinen Tieren gewonnene Fischmehl oder Fischöl bei der Aufzucht von Speisefischen in Aquakultur verwendet. Man geht davon aus, dass für jedes Kilo Zuchtfisch etwa fünf Kilo Fisch gefangen werden müssen - laut Huthsfeldt ein "völliger Irrsinn".

Um die ökologisch so bedenkliche Gammelfischerei zu sanktionieren, sind selbst große Konzerne wie Unilever dazu übergegangen, kein Fischöl mehr zu beziehen. Die Produzenten von Iglo-Tiefkühlkost haben sich zudem verpflichtet, bis spätestens 2005 den gesamten Fischeinkauf aus bestandschonender Fischerei zu beziehen.

Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen FAO hält ihre Mitglieder seit Jahren dazu an, illegale Fangpraktiken zu bekämpfen. Fangquoten können dabei nur ein Mittel zur Bekämpfung der Überfischung sein. Der World Wide Fund for Nature (WWF), Greenpeace und die Welthandelsorganisation OECD diskutieren bereits Ansätze, wie man mittels international einheitlicher Richtlinien den Raubbau an der Meeresfauna stoppen könnte. Sollten langfristig auch gefährdete Speisefische in das Washingtoner Artenschutzabkommen Cites aufgenommen werden, könnte der Handel mit bestimmten Arten kontrolliert oder sogar ganz verboten werden.

Auch Fische wollen beworben werden: Transporter der "Kutterfischer"
Kutterfisch

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Kutterfischer Huthsfeldt hält das Kontrollnetz in den Fanggründen für mittlerweile nahezu lückenlos. "Jedes Schiff ist mit einer Black Box ausgerüstet, über die das Bundesamt für Landwirtschaft und Ernährung jede volle Stunde die Position des Kutters per Satellit abfragen kann." Bei Einfahrt in ein Fanggebiet, wie zum Beispiel die norwegische Wirtschaftszone, muss sich der Schiffsführer beim Fischereidirektorat anmelden. Auch das Verlassen des Gebietes erfolgt nur mit Zustimmung der Behörden. Zusätzlich muss jedes Schiff zwölf Stunden vor Einlaufen in einen Hafen bei den Fischereibehörden die ungefähre Ankunftszeit und Größe des Fangs angeben. "Die Freiheit der Meere ist längst Geschichte."



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