Fahrzeugverschiffung in Bremerhaven Eine Million Autos auf großer Fahrt

Die Bremer Lagerhaus-Gesellschaft ist auf Expansionskurs: Was in den Fünfziger Jahren mit dem Transport von US-Limousinen nach Bremerhaven begann, hat sich mit der Zeit zu einem umsatzstarken Logistikunternehmen der Hightech-Klasse entwickelt.


In Reih und Glied: Luxuskarossen vor der Verschiffung
BLG

In Reih und Glied: Luxuskarossen vor der Verschiffung

Die BLG Automobile Logistics ist eine von sechs Tochtergesellschaften, die unter dem Dach der BLG Logistics Group für kräftige Umsatzsteigerungen sorgt. Knapp 1,1 Millionen Fahrzeuge bewegen die Autoverschiffer pro Jahr - im ersten Quartal 2002 waren es bereits 316.000. Vor allem in die USA und nach Kanada gehen die Transporte, die Länder in Fernost gewinnen zunehmend an Bedeutung. "Auch Südafrika, der mittlere Osten und die Golfländer sind Märkte, die im Kommen sind", erklärt BLG-Vertriebsleiter Wolfgang Stöver. Die besten Auftraggeber beim Export seien zurzeit die "großen Drei" der Autoindustrie, DaimlerChrysler, BMW und VW. Beim Import kämen vor allem japanische und koreanische Wagen der Marken Toyota, Mitsubishi, Daihatsu oder Kia über Bremerhaven.

Fingerspitzengefühl und Weitsicht

Die 460 Mitarbeiter der BLG sind mit der Abfertigung von etwa 1400 Schiffen im Jahr ausreichend beschäftigt: Bis zu 6000 Fahrzeuge bugsieren professionelle Fahrer auf die Ladedecks der riesigen Car-Carrier. Um Verzögerungen zu vermeiden, werden in Windeseile Transportpapiere kontrolliert und Parkplätze koordiniert. Moderne Technik erleichtert die Registrierung der Automobile: Jedes Fahrzeug verfügt über einen eigenen Code, der beim Befahren und Verlassen des Schiffes per Laser abgelesen wird. Über eine zentrale Datenbank können damit sowohl Auftraggeber als auch Transportunternehmer den aktuellen Standort ihrer wertvollen Fracht nachvollziehen.

Für die Abfertigung selbst sind menschliches Fingerspitzengefühl und Weitsicht jedoch noch immer unabdingbar: Routinierte Einweiser nutzen auch den letzten Quadratmeter Ladekapazität, blitzschnelle Fahrer bringen sowohl Smart als auch den Mercedes der S-Klasse kratzerlos an ihren Platz. So genannte Lascher verankern die tonnenschwere Fracht per Gurtband am Boden der Parkdecks.

Logistik ist, wenn man trotzdem lacht

Zwei bis drei Unfälle mit Personenschaden verzeichnet die BLG im Jahr, die meisten von ihnen im so genannten High-and-Heavy-Bereich, in dem Bagger oder Busse verladen werden. "Die Schadensquote bei den Autos ist verschwindend gering", ergänzt Vertriebschef Stöver, der für BMW von einem beschädigten Pkw unter tausend spricht - auch das in der Regel kleine Lackschäden, wie er versichert. Während der Diebstahl einer Luxuslimousine auf offener See schwierig sein dürfte, sind die Sicherheitsvorkehrungen an Land groß: 90.000 Fahrzeuge finden in den vier Parkhäusern und auf dem riesigen Parkareal im Autohafen Platz. Sie werden per Videokamera überwacht. Diebstähle, so Stöver, habe es nur einmal vor sechs Jahren gegeben, als zwei Pkw entwendet und später in der Nähe von Hamburg wiedergefunden worden seien.

Vorbereitung auf die große Reise: Spezielle Folien sollen den Lack schützen
BLG

Vorbereitung auf die große Reise: Spezielle Folien sollen den Lack schützen

Als größtes Ärgernis im Logistikbereich bemängeln die Autoverschiffer begrenzte Bahnkapazitäten und die sinkende Fließgeschwindigkeit von Lkws auf Autobahnen. Diese läge zurzeit bei 40 Kilometern in der Stunde, empört sich Stöver: "Das sind Engpässe, die sehr viel Geld kosten!" Ein weiteres Problem seien die enormen Lagerbestände, die einige Kunden aufbauten. Während Export-Fahrzeuge innerhalb von vier bis sechs Tagen umgeschlagen werden, liegt die Lagerzeit der Importfahrzeuge bei durchschnittlich 42 Tagen, weil sie direkt an die Händler geliefert werden. Die Konsequenz: Die gegenwärtig 1,6 Millionen Quadratmeter Lagerfläche der BLG sollen im Rahmen eines umfangreichen Flächenausbauprogramms in den nächsten Jahren erweitert werden.

Lockruf der Märkte

In letzter Zeit hat der Logistikkonzern mit Unternehmensaufkäufe und Beteiligungen von sich reden gemacht. Auf die Beteiligung an dem Autotransport-Logistiker E. H. Harms folgte die Übernahme wichtiger Unternehmensbereiche der Paul Günther Logistik AG Hamburg. Zusammen mit der Hamburger Eurokai-Gruppe gründete die BLG das Gemeinschaftsunternehmen Eurogate zum Betrieb von Containerterminals. Dass der Vorstandsvorsitzende Detthold Aden seine Unternehmensgruppe auf dem internationalen Markt etablieren möchte, steht außer Frage. Zusammen mit der Eurokai-Gruppe baute die BLG im süditalienischen Gioia Tauro den Containerhafen aus, unlängst wurde die Beteiligung am Bau eines Autoterminals im slowenischen Hafen Koper beschlossen. Von dort aus sollen nicht nur die Märkte Italien, Spanien und Griechenland erschlossen werden. Vor allem die Türkei ist als Automobil-Produktionsstandort von Unternehmen wie Fiat und Ford mindestens so interessant wie die südost-europäischen Länder, die von Koper aus beliefert werden können.

BLG Automobile Logistics GmbH & Co.

Standort: Bremerhaven
Mitarbeiter: 460
Umschlag/Jahr: 1,1 Millionen Fahrzeuge
Schiffe/Jahr: 1400
Ladung pro Carrier: bis zu 6000 Fahrzeuge
Ladedecks: bis zu 13
Lagerfläche: 1,6 Millionen Quadratmeter
Parkkapazität: bis zu 90.000 Fahrzeuge



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.