Mietschuldenberater bei der Arbeit Die letzte Rettung

Wenn sich die unbezahlten Rechnungen stapeln und das Geld immer knapper wird, sparen viele zuerst am dicksten Brocken: bei der Miete.

Sendetermin: Donnerstag, 27.02.2003, 22.20 - 23.15 Uhr, VOX



Hausbesuch: Beraterin auf dem Weg zu einem Mietschuldner
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Hausbesuch: Beraterin auf dem Weg zu einem Mietschuldner

Allein die Rostocker Wohnungsgesellschaft "Wiro" hat monatlich etwa 800 Fälle von nicht bezahlter Miete zu beklagen. Der wirtschaftliche Schaden ist enorm, dennoch gilt: Ein Rausschmiss sollte vermieden werden, denn eine Räumung wäre ausgesprochen kostspielig. Aus diesem Grund setzen immer mehr Wohnungsgesellschaften Mietschuldnerberater ein. Deren Aufgabe ist es, Lösungswege aus der Finanzkrise aufzuzeigen und milden Druck auf zahlungsunwillige Mieter auszuüben. Sie kommen erst, wenn die fristlose Kündigung schon unterschrieben ist. Für viele Schuldner sind die Berater die letzte Rettung. Manche wollen sich jedoch gar nicht helfen lassen. Sie haben sich schon lange ihrem Schicksal ergeben. Dann müssen die Schuldnerberater das veranlassen, was sie mit aller Macht verhindern wollten: die Zwangsräumung.

SPIEGEL TV Extra begleitet die Schuldenfeuerwehr und beobachtet Menschen, die bereits mit einem Bein auf der Straße stehen.


MIETSCHULDNERHILFE IN DARMSTADT


Beraten an der Grenze der Belastbarkeit


Projektleiter bei der Neuen Wohnraumhilfe Darmstadt: Andreas Roß

Projektleiter bei der Neuen Wohnraumhilfe Darmstadt: Andreas Roß

Die Neue Wohnraumhilfe (NWH) ist eine gemeinnützige Gesellschaft, die neben Mieter- und Mietschuldnerberatung auch Projekte im Bereich Obdachlosenhilfe, Betreutes Wohnen und Frauenbildung unterhält. Verschiedene sozialpädagogische Vereine gründeten die GmbH im Jahre 1991, als die Wohnungsnot in Darmstadt am größten war. Seit ihrem Entstehen ist die Neue Wohnraumhilfe kontinuierlich gewachsen und verfügt inzwischen über eigenen Grundbesitz - im Rahmen des Sozialen Wohnungsbaus errichtete die NWH ein Haus mit zwölf Kleinwohnungen und vier Eigentumswohnungen. Von den insgesamt 13 Mitarbeitern arbeiten elf in Teilzeit oder auf Honorarbasis.

Seit 1997 bietet die Gesellschaft Baugesellschaften auch sozialpädagogische Dienste an: Bei Mietschulden und Mietstreitigkeiten beraten Profis wie Projektleiter Andreas Roß Menschen, die aus den verschiedensten Gründen nicht mehr in der Lage sind, ihre Miete zu bezahlen und Gefahr laufen, ihren Wohnraum langfristig zu verlieren. Auch Fälle von "Störung des Hausfriedens" fallen in den Aufgabenbereich der professionellen Schlichter. Kardinalziel ist es, Räumungsklagen und drohende Zwangsräumungen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu vermeiden.

Zwischen 7000 und 14.000 Euro kostet eine Räumungsklage und ist damit um einiges teurer als der Stundensatz, den die Wohnraumhilfe ihren Auftraggebern, den Baugesellschaften, in Rechnung stellt. Durchschnittlich fünf Stunden Zeit investieren die Berater in einen Fall. "Wir versuchen, möglichst schon beim ersten Kontakt die Spreu vom Weizen zu trennen und nur jene Fälle weiter zu verfolgen, in denen eine Kooperation der Mieter wahrscheinlich ist", erklärt Projektleiter Roß das Vorgehen der Berater.

Viele hoch verschuldete Mieter entkommen ihrer Finanzmisere nicht mehr ohne Hilfe von außen
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Viele hoch verschuldete Mieter entkommen ihrer Finanzmisere nicht mehr ohne Hilfe von außen

Die Ursachen für die graduelle Verarmung einiger Mieter kennen die Vermittler nur zu gut: Durch den Verlust des Arbeitsplatzes, Alkohol-, Drogen- oder Spielsucht sind viele der Gesprächspartner bereits hoch verschuldet, bevor sie ihre Mietzahlungen überhaupt einstellen. "Da die Praktiken einiger Schuldeneintreiber dabei sehr viel rabiater sind als die der Baugesellschaften es je sein können, sparen die Schuldner zuerst an der Miete." Oft bekämen Familien, die auf die finanzielle Unterstützung verschiedener Ämter angewiesen sind, mehrere Monate gar kein Geld, weil die Bearbeitungszeiten zu lang seien oder Unterlagen fehlten.

Die Berater der NWH wollen vor allem Hilfe zur Selbsthilfe bieten und jeden einzelnen Mieter dazu bringen, seine anstehenden Probleme selbständig zu lösen - in der Regel mit der Unterstützung weiterer sozialer Hilfseinrichtungen. In Fällen, bei denen eine intensive Betreuung notwendig ist, vermittelt die Wohnraumhilfe an Schuldner-, Ehe- oder Suchtberatungstellen sowie allgemeine Lebensberatung der kirchlichen Einrichtungen weiter.

Schon jetzt arbeiten die Vermittler der Wohnraumhilfe an der Grenze der Belastbarkeit: Seit 1996 hat sich die Zahl der Haushalte, in denen beraten wird, um die Hälfte erhöht, die Zahl der Hausbesuche stieg gar um 78 Prozent.

Neue Wohnraumhilfe in Darmstadt
Gemeinnützige GmbH
Lauteschlägerstr. 13/15
64289 Darmstadt
Tel.: 06151 66843 60
Fax: 06151 66843 70
Im Web: www.neue-wohnraumhilfe.de
E-Mail: mieterberatung@neue-wohnraumhilfe.de





MIETSCHULDNER IN ROSTOCK

Zwei von Hundert zahlen nicht

Die Wohnungsgesellschaft "Wiro" bewirtschaftet knapp 37.000 Mietwohnungen in der Hansestadt und ist damit Wohnungsgeber für fast 40 Prozent der Rostocker. Etwa 100 Millionen Euro investiert die Gesellschaft laut Selbstaussage jährlich in Instandsetzungs- und Modernisierungsmaßnahmen. In der Innenstadt verfügt die Haus- und Eigentumsverwaltung bereits über mehr als 600 Gewerbeeinheiten, ihre Bautätigkeit konzentriert sich auf die neuen Wohngebiete Rostocks - hier entstehen "familienfreundliche und preiswerte Eigenheime auf schönen Grundstücken." Wie viele andere Wohnungsgesellschaften in Deutschland hat auch die "Wiro" mit den Folgen offener und versteckter Armut zu kämpfen: Jeden Monat versäumen es etwa 800 Menschen, ihre Miete zu bezahlen. Um den Kostenaufwand so gering wie möglich zu halten, setzt man in Rostock auf intensive Schuldnerberatung.

WIRO Wohnen in Rostock Wohnungsgesellschaft mbH
Lange Str. 38
18055 Rostock
Tel.: 0381 4567 2247
Fax: 0381 4567 2380
Im Web: www.wiro.de
E-Mail: info@wiro.de


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