Menschenhandel: Deutschland hin und zurück

Von

Wie Thailand, die Philippinen, Sri Lanka oder Kenia ist die Dominikanische Republik eines der attraktivsten Reiseziele für Sextouristen aus aller Welt. Immer öfter jedoch können Reisende in Sachen Triebbefriedigung im eigenen Land bleiben, um ihren exotischen Vorlieben nachzugehen - diensteifrige Menschenhändler sorgen für ständigen Nachwuchs aus den Armenhäusern der Dritten Welt.

Animation in einer Diskothek der "Domrep"
SPIEGEL TV

Animation in einer Diskothek der "Domrep"

Das US-Außenministerium spricht von mindestens 50.000 dominikanischen Frauen, die nach Westeuropa und in die USA verschleppt und dort zur Prostitution gezwungen wurden. Geschätzte eine Million Bordellbesucher pro Tag allein in Deutschland scheinen sich über jeden Neuzugang zu freuen.

Ein tragischer Unglücksfall im Jahr 1987 machte die Weltöffentlichkeit darauf aufmerksam, dass Menschenhandel und Sklaverei keineswegs der Vergangenheit angehören: Während ihrer Verschiffung von St. Martin (Martinique) nach St. Thomas (Virgin Islands) waren 28 Prostituierte qualvoll in einem Container erstickt. Die Frauen pendeln üblicherweise zwischen den Karibikinseln oder werden von der Hauptstadt Santo Domingo aus angeworben und von Schleppern ins Ausland gebracht.

Die offizielle Arbeitslosenquote in der Dominikanischen Republik ist mit 40 Prozent unverändert hoch. Frauen in den Städten sind - auch auf Grund der desolaten Bildungssituation im Land - doppelt so häufig davon betroffen wie Männer. Da sowohl Dienstleistungen als auch die Arbeit in der Landwirtschaft sehr schlecht bezahlt sind, bleibt vielen Inselbewohnerinnen nur der Ausweg in die Prostitution, um sich und ihre Familie am Leben zu erhalten.

Die Internationale Arbeitsorganisation ILO geht davon aus, dass Frauen in Sextourismusländern mit ihren Körpern 2 bis 14 Prozent des nationalen Einkommens erwirtschaften. Längst übersteigen die Deviseneinnahmen durch von Exildominikanern in die Heimat geschickte Gelder den Erlös aus dem Zuckerexport, so dass der Staat wenig Interesse daran haben dürfte, dem Menschenhandel mit rigorosen Maßnahmen einen Riegel vorzuschieben.

Und das wäre dringend nötig, denn: Das Zusammenspiel von Massen- und Prostitutionstourismus ist mit der epidemischen Ausbreitung von Aids gekoppelt und fordert immer mehr und immer jüngere Opfer. Die ILO schätzt ihre Zahl auf weltweit eine Million, Kinderhilfswerke sprechen von zwei Millionen Prostituierten zwischen 6 und 14 Jahren. Die Nachfrage ist unbestritten: Allein im Bereich Kinderpornografie rekrutiert sich der deutsche Markt aus 30.000 bis 50.000 Konsumenten, die Filme, Bücher und andere Produkte herstellen, sammeln, verkaufen oder anbieten.

Narrenfreiheit auf der Insel?
DPA

Narrenfreiheit auf der Insel?

Zwar sieht das im September 1993 in Kraft getretene Strafrechtsänderungsgesetz erstmals die Bestrafung des Besitzes kinderpornografischer Darstellungen vor. Auch kann der sexuelle Missbrauch von Kindern durch Deutsche im Ausland unter Strafe gestellt werden. Die Realität jedoch beweist: Es ist mehr als schwierig, ein solches Delikt nachzuweisen. Die deutschen Behörden appellieren daher eindringlich an Reiseveranstalter, nichtstaatliche Organisationen und die Vertreter der Zielländer, ihr Wissen um solche Straftaten an die deutschen Strafverfolgungsbehörden weiterzuleiten.

Aber auch in Deutschland sind Verschwiegenheit und Angst vor Entdeckung groß: In Modellwohnungen fristen viele der illegal eingereisten Frauen ein isoliertes Dasein in vollkommener Abhängigkeit - ohne Arbeitserlaubnis, Pass und Kenntnis der Landessprache sind sie im Prinzip handlungsunfähig. Diese Frauen wissen erfahrungsgemäß nichts von ihren Rechten und wenden sich in den seltensten Fällen an die Polizei. Zwar bekommt eine Prostituierte, die sich in Deutschland entschließt, ihren Zuhälter anzuzeigen, eine Aufenthaltsduldung für die Zeit des Verfahrens. Nach Ablauf der Frist jedoch droht die Rache des Ex-Luden ebenso wie die Abschiebung.

Auch die vom BKA für 1999 konstatierte Aufklärungsquote von 92 Prozent bei Delikten im Bereich Menschenhandel kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass spektakuläre Verhaftungen wie die der Menschenhändler Karl-Heinz U. und Frank H. 1999 in Hamburg eher die Ausnahme sind. Laut Verbrechensbekämpfungsgesetz ist das LKA immerhin legitimiert, Vermögenswerte der Kriminellen abzuschöpfen und Bargeld, Immobilien, Autos oder auch Konten zu pfänden. Den Opfern ist damit nicht geholfen. Viele von ihnen werden bei Entdeckung abgeschoben und kehren schon mit dem nächsten Transport an ihren "Arbeitsplatz" zurück.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

© SPIEGEL ONLINE 2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback