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Promillekrieg in Irland: Drei Guinness gehen noch, oder?

Von Roman Lehberger

Gut geölt vom Pub nach Hause? Fehlanzeige! Seit der Einführung der 0,5-Promille-Grenze hadert die irische Landbevölkerung mit den strengen Alkoholkontrollen. In der Grafschaft Kerry kämpft ein Politiker für mehr Umdrehungen hinterm Steuer - "Drink and Drive" heißt die Kampagne.

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Francie sitzt an der Bar vor seinem Guinness-Bier und versteht die Welt nicht mehr. Der 70-jährige Rentner sieht mit seinen grauen, dicken Koteletten und dem grünen Hut genau so aus, wie man sich einen echten Iren vorstellt. Irgendwo in den Bergen rund um das Örtchen Kilgarvan lebt er, tief in der irischen Provinz in der Grafschaft Kerry am südwestlichen Zipfel der Insel. Er setzt zu einem Lied über seine schöne, raue Heimat an, doch es erklingt nur Gejaule: "Killarney… where the wild winds are blooowwinnggg.."

Francie ist betrunken. Schon immer kam er mit dem Auto zum Pub, und zwar mit der festen Absicht, den Wagen auch wieder heimzufahren - wie sollte er hier auch anders nach Hause kommen? Seit 2011 herrscht in Irland allerdings die 0,5-Promille-Grenze im Straßenverkehr. Vorbei sind die Zeiten, als man noch mit ordentlich Umdrehungen im Blut gemütlich die Heimfahrt antreten konnte.

Mit der Angleichung an den EU-Standard kamen natürlich auch die Kontrollen. Auf dem Land, wo es keine Taxis oder Busse gibt und der Dorfpolizist bislang gerne mal beide Augen zudrückte, hagelt es jetzt Geldstrafen und Fahrverbote. "Ein Mann muss ein paar Pints trinken dürfen! Er hat ein Recht darauf. Und bei Gott: nach zwei oder drei oder vier Pints sollte man noch auf die Straße dürfen!", sagt Francie und nimmt schlürfend einen Schluck von der braunen Brühe in seinem Glas.

Francies Unmut trifft nicht auf taube Ohren: "Drink and Drive" heißt eine Kampagne, mit der ein Lokalpolitiker landesweit für Aufsehen sorgt. Was wie eine Schnapsidee klingt, ist die Kernforderung der Initiative von Danny Healy-Rae, der gleichzeitig auch Besitzer von Francies uriger Stammkneipe ist. Sein Ziel: eine Drei-Guinness-Toleranz für Autofahrer, in Pint-Gläsern gerechnet, wohlgemerkt. Das macht also 1,5 Liter Bier.

"Auf den Straßen, auf denen das erlaubt sein sollte, würde niemand zu Schaden kommen", sag Healy-Rae, "nicht auf Bundes- oder Landstraßen, sondern hier auf unseren kleinen, hügeligen Wegen", erklärt der Wirt, während er ein frisches Guinness geschmeidig in ein Glas fließen lässt. "Die Menschen vereinsamen auf dem Land, weil sich keiner mehr traut, in den Pub zu fahren. Die trinken dann unkontrollierte Mengen Whisky zu Hause und werden depressiv. Ich kenne drei Leute, die sich deswegen umgebracht haben."

Die Stimme des rustikalen Volksvertreters hat Gewicht; Danny entstammt einem berühmt-berüchtigten Politikerclan. Sein Vater Jackie saß im Bundesparlament und nervte als ruraler Poltergeist jahrzehntelang die feinen irischen Großstadtpolitiker. Sohn Danny sitzt nun in der Ratsversammlung der Grafschaft Kerry und kämpft dort für die Interessen seiner Stammwählerschaft in der Provinz.

Sein eigenes Haus befürwortete den unorthodoxen Vorstoß mit knapper Mehrheit, doch im fernen Dublin ist der Widerstand stärker ausgeprägt, führende Minister verweigern ihre Unterstützung. "Leute in höheren Rängen spotten vielleicht über meinen Vorschlag, aber die werden schon sehen, was bei der nächsten Wahl passiert", sagt Healy-Rae. "Dann müssen sie nämlich hier an die Türen klopfen und um Stimmen betteln". Und eine bessere Idee, wie man der Vereinsamung auf dem Land wirksam bekämpfen kann, hätten seine Gegner schließlich auch nicht.

Unterdrückung, Hungersnot, Wirtschaftskrise - fast alles hat das Inselvolk erlebt, doch die strengen Alkoholkontrollen treiben viele Iren in die Verzweiflung und den zivilen Ungehorsam. Es ist jetzt Abend geworden in Dannys Pub, Rentner Francie leert sein Glas und wankt zu seinem Auto. Heute ist er die Sturmspitze der Guinness-Front, die angeschickerte Heimfahrt ein Akt des Widerstands: "Ich mache mir keine Sorgen, dass ich erwischt werde. Ich habe meinen Hund dabei, der wird mich jetzt nach Hause fahren". Und dann gibt Francie Gas, den Mittelstreifen fest im Blick.

Mehr zum Thema im SPIEGEL TV Magazin am Sonntag 30.06. ab 22.10 Uhr bei RTL.

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