Vom bescheidenen Rinnsal zum mächtigen Fluss Der Lauf des Orinoco

Er ist über 2000 Kilometer lang und bis zu 20 Kilometer breit: Durch dichten Regenwald schlängelt sich der mächtige Orinoco und lockt Abenteurer wie Wissenschaftler mit atemberaubender Artenvielfalt und ungeahnten Gefahren.


So spektakulär wie faszinierend: Sonnenuntergang auf dem Orinoco
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So spektakulär wie faszinierend: Sonnenuntergang auf dem Orinoco

Nach Amazonas und Rio de la Plata ist der Orinoco mit einer Länge von 2140 Kilometern der drittgrößte Strom des Subkontinents. Die an seinen Ufern lebenden Ureinwohner nannten ihn Uriaparia, Uyapar, Parawa oder Baraguan. Der mächtige Fluss entspringt nahe der Grenze zu Brasilien, bildet einen großen Teil der Westgrenze zu Kolumbien und nimmt dann seinen Lauf in Richtung Osten, wo er sich über ein weit verzweigtes Delta im Staat Amacuro in den Atlantik ergießt.

Ein Mündungsgebiet so groß wie die Schweiz


Das beeindruckende Labyrinth von Wasserwegen erstreckt sich über 41.000 Quadratkilometer bewaldete Inseln, Lagunen und Morast. Auf seinem Weg in den Atlantischen Ozean teilt sich der Orinoco in über 60 Caños genannte Seitenarme und zahllose kleine Flüsse. Über tausende von Jahren hat der machtvolle Strom mit seinen Millionen Tonnen von Sediment das Delta geformt. Allein im letzten Jahrhundert kamen etwa 1000 Quadratkilometer Fläche hinzu. Die durchschnittliche Ausdehnung in Richtung Ozean liegt bei etwa 40 Metern pro Jahr - und das auf einer Küstenlinie von insgesamt 360 Kilometern Länge.

In der Regenzeit liegt der Wasserstand des Orinoco bisweilen 15 Meter über dem normalen Pegel
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In der Regenzeit liegt der Wasserstand des Orinoco bisweilen 15 Meter über dem normalen Pegel

Das Delta ist die Heimat der Warao, auch als "Kanu-Volk" bekannter Indianer, die seit Jahrhunderten in Harmonie mit der kapriziösen Natur des verzweigten Wassersystems lebt. Mit 24.000 Stammesangehörigen sind die Warao die zweitgrößte Gruppe von Ureinwohnern in Venezuela. Die Durchschnittstemperatur in ihrem Lebensraum liegt bei 26 Grad, die Niederschlagsmenge bei 2000 mm im Jahr. Die Regenzeit dauert von Mai bis Dezember, Trockenzeit ist von Januar bis März, dem Monat, in dem der niedrigste Wasserstand gemessen wird.

Das in den sechziger Jahren eingeführte Flutkontrollprogramm führt zu einer Aufteilung des Deltas in höhere und tiefer gelegene Regionen zu beiden Seiten des Caño Macerao. Am Caño Manamo wurde ein Damm gebaut, der die Zahl saisonbedingter Überflutungen im Norden deutlich verringern konnte und damit Viehzucht in dieser Region überhaupt erst möglich machte. Seit 1991 sind rund 3000 Quadratkilometer des unteren Deltas im "Parque Nacional Mariusa" geschützt.

Im Dutzend gefährlicher: Im kollektiven Blutrausch fressen Piranhas ihr Opfer binnen weniger Minuten bis auf das Skelett ab
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Typisch für die Vegetation der Delta-Region ist ein von Palmen dominierter gemischter tropischer Regenwald mit Orchideen, Ananasgewächsen und Baumfarnen. Zahlreiche Wasserpflanzen und Mangroven wachsen entlang der Caños. Die Tierwelt ist überwältigend in ihrer Vielfalt und -farbigkeit: Jaguar, Puma und Ozelot sind hier ebenso Zuhause wie Kapuziner- oder Brüllaffen. Kolibri, Ara, Tukan oder Kormoran, Silberreiher, Falken und Habichte machen das Orinoco-Delta zu einem Paradies für jeden Ornithologen. Amphibien, Reptilien und zahlreiche Fischarten bevölkern zudem Ufer und Wasserwelt. Während vom Aussterben bedrohte Süßwasserdelphine zur Unterhaltung der wenigen Touristen beitragen, sorgen gefährliche Vipern, Stachelrochen und Piranhas dafür, dass selbst waghalsigste Abenteurer sich dem Dschungel und seinen Bewohnern mit gebührendem Respekt nähern.

"Einsamkeit und Großartigkeit"


Die erste Landkarte, auf welcher der Orinoco verzeichnet ist, stammt aus dem Jahr 1529 und geht auf Diego Ribeiro zurück, der im Dienste Kaiser Karls V stand. Bis Mitte des 18. Jahrhunderts wurde das Gebiet des oberen Orinoco kaum besucht. Bis zu ihrer Ausweisung im Jahre 1767 errichteten jesuitische Missionare eine Reihe von Siedlungen entlang seiner Ufer. Die südlichste Station lag 1745 am Rio Meta, einem linken Zufluss des Orinoco.

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts begann man mit der Erkundung des mittleren Orinoco. Unter der Leitung von José Solano stieß eine Gruppe spanischer Gesandter und Abenteurer nach der Durchquerung des oberen Orinoco-Tals bis zum Rio Negro vor. Auf die Jesuiten folgten Kapuziner, Franziskaner, Dominikaner und Augustiner, die für neue Verkehrsrouten und den Bau von Kirchen und Siedlungen sorgten. Missionare wie Manuel Román oder José Gumilla waren ausgezeichnete Chronisten und hinterließen der Nachwelt Landkarten sowie anschauliche Berichte über die Menschen und das Leben in der Region.

Nur etwas für professionelle Abenteurer: Nächtlicher Fang eines jungen Kaimans mit der bloßen Hand
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Der deutsche Forscher Alexander von Humboldt reiste im Jahr 1800 von der Mündung des Rio Apure ins Orinoco-Tal. Zusammen mit seinem Begleiter, dem französischen Botaniker Aimé Bonpland sammelte er wichtige geographische, zoologische und botanische Daten, die viele Mythen um die unerforschte Region entkräften oder richtig stellen konnten. Humboldt faszinierten vor allem die für den gewaltigen Strom so charakteristischen "zerstreuten Landschaftszüge, dieses Gepräge von Einsamkeit und Großartigkeit."

Erst im November 1951 gelang es einer Gruppe französisch-venezolanischer Forscher, die Quelle des Orinoco zu finden. Nach mehrmonatiger beschwerlicher Reise gelangten sie zu seinem Ursprung auf dem Bergrücken der Sierra Parima nahe der Grenze zu Brasilien. Auf 2,18 Grad nördlicher Breite und 63,15 Grad westlicher Länge entspringt er 1100 Meter über dem Meeresspiegel als bescheidenes Rinnsal.



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