Während der laufenden Entführung vom 14. bis 16. Dezember 1976 war das Polizeipräsidium München für die Ermittlungen im Fall Oetker zuständig.
Helmut Bauer: Ja, die Tat fiel zunächst in den Zuständigkeitsbereich des Präsidiums, bevor die Ermittlungen dem LKA übertragen wurden. Am 1. April 1977 wurde die Sonderkommission gegründet.
SPIEGEL ONLINE: Worauf lag Ihr Hauptaugenmerk?
Bauer: Es galt, die von den Kollegen bereits aufgenommen Spuren vom Tatort zu prüfen, weitere zu finden und dann ein Ermittlungskonzept zu entwerfen.
SPIEGEL ONLINE: Was war Ihre Aufgabe dabei?
Bauer: Ich war zunächst Leiter in einer zentralen Sachbearbeitungsgruppe, die sämtliche Ergebnisse der einzelnen Ermittlungsgruppen sammelte und auswertete. Im Herbst 1978, als man die Kommission auf die Beamten des LKA reduzierte, wurde ich dann Leiter der Soko.
SPIEGEL ONLINE: Im Herbst 1977 lösen die Mitarbeiter der neuen Soko eine große Öffentlichkeitsfahndung aus.
Bauer: Ja, wir konzentrierten uns dabei auf drei Ermittlungsstränge: Da war zunächst die Suche nach dem Lösegeld: Bankangestellte und Privatpersonen wurden aufgefordert, ihre Scheine selbst zu kontrollieren oder durch die Polizei bewerten zu lassen - entsprechende Listen mit den Seriennummern waren in den meisten Banken erhältlich. Nach Angaben des Händlers, der Zlof den Opel Commodore verkauft hatte, in dem man Oetker nach seiner Freilassung fand, wurde ein Phantombild angefertigt. Als wichtigster Aspekt erwies sich jedoch die Täterstimme, die man bei einem Anruf des Erpressers bei den Oetkers aufgezeichnet hatte. Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik konnte jeder Bürger diese Stimme über eine Sammelnummer der Bundespost abhören so oft er wollte und gegebenenfalls identifizieren. Dieses Angebt wurde sehr gut genutzt.
SPIEGEL ONLINE: Und führte zumindest dazu, dass Zlofs Ex-Freundin die leicht verzerrte Stimme erkannte. Sie haben die Frau, die von dem Entführer sitzengelassen wurde, vernommen. Wie glaubwürdig erschien Sie Ihnen?
Bauer: Das ist eine schwierige Frage. Vor Gericht hat man sie als nicht sehr glaubwürdig eingeschätzt, weil sie offenbar befangen war. Daher hatte ihre Aussage in der Hauptverhandlung kein allzu großes Gewicht. Ich persönlich war mir damals ziemlich sicher, dass sie die Wahrheit gesagt hat. Das wurde leider erst durch das späte Geständnis des Täters bestätigt.
SPIEGEL ONLINE: Trotz aller Ermittlungen wurden weder Tatwerkzeuge noch Geld gefunden. Die Beweislage waren war mehr als schlecht. Hielten Sie Zlof schon während der laufenden Ermittlungen für schuldig?
Bauer: Es war nicht unsere Aufgabe, nur Beweise für seine Schuld zu finden. Wir haben natürlich auch in seinem Sinne ermittelt und nach Beweisen für seine Unschuld gesucht - aber es gab während der ganzen Zeit keinen einzigen Punkt, der seiner Entlastung gedient hätte.
SPIEGEL ONLINE: Im Dezember 1978 tauschte Zlof in einer Kufsteiner Wechselstube sechs Lösegeld-Tausender ein. Auch bei seiner Münchner Hausbank versucht er, einen Schein aus der Bargeld-Beute loszuwerden. Obwohl Zlof wusste, dass die Nummern der Banknoten registriert waren, beging er diesen Fehler.
Bauer: Dass der Schein erkannt wurde, ist einem puren Zufall zu verdanken. Sehen Sie, die registrierten Scheine wurden damals auf Mikrochip festgehalten. Bei der Datenübertragung sind 40 Fehler passiert - der Tausender, mit dem Zlof in der Bank auftauchte gehörte zu den Banknoten, die fehlerhaft dokumentiert wurden und dementsprechend nicht auf den öffentlich zugänglichen Lösegeldlisten verzeichnet waren. Zlof war also davon ausgegangen, dass dieser Geldschein nicht verzeichnet war.
SPIEGEL ONLINE: Wie verhielt sich Zlof, als er in der Bank enttarnt wurde?
Bauer: Nachdem die Bankangestellte ihn davon in Kenntnis gesetzt hatte, dass sie jetzt die Polizei alarmieren müsse, schlug er vor, den Lösegeldschein selbst zur Polizei zu bringen. Als die Dame dem nicht zustimmen wollte, hat Zlof sich aus der Bank entfernt. Wir haben dann die übliche Fahndung gestartet. Der VW-Kastenwagen, in dem das Opfer in einer Kiste entführt wurde, konnte festgestellt werden. Bei der Personenüberprüfung stießen wir auf immer mehr Punkte, die Zlof verdächtig machten: Seine ungeordneten Vermögens- und Scheinarbeitsverhältnisse, zum Beispiel. Auch wurde er bei einer Gegenüberstellung von einem Mann wiedererkannt, der ihn beim Kauf des Opel Commodore beobachtet hatte. Des Weiteren identifizierte ihn ein Zeuge als Einzahler eines aus der Lösegeldsumme stammenden Tausendmarkscheins.
SPIEGEL ONLINE: Am 30. Januar 1979 wird Zlof verhaftet. Wie kam es dazu?
Bauer: Unser Verdacht wurde mit der Zeit immer stärker. Die Beweise reichten aber für einen Haftbefehl noch nicht aus. Da wir uns damals sehr sicher waren, dass es sich um eine größere Tätergruppe handeln musste, wollten wir alle Möglichkeiten nutzen, um mögliche Mittäter aufzutreiben. Verdeckte Ermittlungen waren allerdings schwierig geworden, weil Zlof ja bereits alarmiert war. Dann passierte etwas Unerwartetes: Zlof fühlte sich offensichtlich verfolgt und verursachte einen sehr schweren Verkehrsunfall, bei dem eine Person zu Tode kam. Für uns war er dadurch zwei Tage verschwunden. Wir glaubten natürlich an Flucht und haben nach langen Überlegungen beschlossen, doch einen Haftbefehl wegen erpresserischen Menschenraubs zu beantragen.
SPIEGEL ONLINE: Wo haben Sie ihn gefunden?
Bauer: Zu Hause.
SPIEGEL ONLINE: Warum glauben Sie, ist Zlof nicht sofort nach dem Vorfall in der Bank geflüchtet?
Bauer: Um es auf einen einfachen Nenner zu bringen: Er war bis zum Ende seiner Haftzeit davon überzeugt, schlauer zu sein als alle Strafverfolgungsbehörden dieser Welt. Zudem hat er sich wohl ausgerechnet, dass auch bei einem längeren Gefängnisaufenthalt der jährliche Verdienst aus dem Lösegeld noch ausreichend gewesen wäre.
SPIEGEL ONLINE: War Zlof periodisch größenwahnsinnig in seinem Glauben, man könne ihn nicht erwischen?
Bauer: Ich würde sagen, er war dauerhaft größenwahnsinnig.
SPIEGEL ONLINE: Sie waren auch als Zeuge bei der Verhandlung am Münchner Landgericht vor Ort. Wie haben Sie den Entführer wahrgenommen?
Bauer: Er legte ein vollkommen übersteigertes Selbstbewusstsein an den Tag, das ihm auch das Gericht nicht abgenommen hat. Ich glaube, dass sein Verhalten während des Prozesses eher negative Folgen für ihn gehabt hat.
SPIEGEL ONLINE: Das Verbrechensopfer Oetker ist seinem Peiniger Zlof in der Hauptverhandlung begegnet.
Bauer: Ich war selbst nicht dabei, aber natürlich war das Verhältnis zwischen den beiden sehr gespannt. Für Oetker war diese Begegnung wie für alle Entführungsopfer nicht leicht.
SPIEGEL ONLINE: Der Verdacht, dass mehrere Täter an der Entführung beteiligt waren, hat sich hartnäckig gehalten. Wann haben Sie sich von dieser Vorstellung verabschiedet?
Bauer: Eigentlich nie. Auch das Landgericht hat festgestellt, dass Zlof zwar alle wesentlichen Handlungen der Tat selbst begangen hast, dass es aber durchaus Mittäter oder Gehilfen geben könnte, die für geringfügigere Tätigkeiten bereit standen.
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