Etwa 1000 Fahrzeugdiebstähle und ein Sachschaden von geschätzten 25 Millionen Mark gehen auf das Konto von Dennis, der seine Karriere als Autodieb bereits im Alter von zwölf Jahren beginnt. Bei einer Verfolgungsjagd mit der Polizei rammt er einen Streifenwagen und wird dafür kurzfristig in die geschlossenen Psychiatrie des Hamburger Universitätskrankenhauses Eppendorf eingewiesen. Der in Niedersachsen und Schleswig-Holstein aufgewachsene Junge hat massive schulische und familiäre Probleme, die dazu führen, dass seiner Mutter Christel Nienstedt das Sorgerecht entzogen wird.
"Nicht geachtet, aber gefürchtet"
Dennis untersteht nun der Fürsorge des Jugendamtes und kommt in das Kinderheim Waldenau bei Bad Segeberg. Der schwer Erziehbare ist reizbar, gewalttätig und innerhalb der Gruppe "nicht geachtet, wohl aber gefürchtet", wie sich Heimleiter Klaus Bauer erinnert. "Ich habe damals alle gehasst", meint Dennis heute, "Lehrer, Erzieher, alle, die etwas von mir wollten." Immer häufiger zieht es ihn auf dem Hamburger Hauptbahnhof. Hier trifft er sich mit gleichaltrigen obdachlosen oder von Zuhause ausgerissenen Kids, die sein liebstes Hobby teilen: Autos aufbrechen, kurzschließen und über Landstraßen und Autobahnen jagen.
Nur selten verlaufen diese Eskapaden glimpflich: Im Geschwindigkeitsrausch fahren die Teenager die meisten Wagen schrottreif und werden schnell zu einer reale Gefahr für sich selbst und andere. Zwar kann die Polizei den Serientäter Dennis immer wieder erwischen. Weil er jedoch mit zwölf Jahren noch nicht strafmündig ist, müssen die Beamten ihn nach Aufnahme des Protokolls ziehen lassen.
Ende einer Ausfahrt: Crash-Kid Sven starb auf dem Weg nach Berlin
Schwer erziehbar in Finnland
Nach der tödlichen Spritztour wird der öffentliche Druck auf das Hamburger Jugendamt immer stärker. Doch anstatt den jugendlichen Wiederholungstäter in ein geschlossenes Heim zu bringen, setzt man in Hamburg auf liberale Politik: Ganz im Sinne des von Jugendsenatorin Rosemarie Raab propagierten Konzeptes "Menschen statt Mauern" kommt "Autoknacker Nummer 4" in den Genuss eines erlebnispädagogischen Ausflugs: Im August 1992 fährt Dennis mit 21 Lehrern, einem Koch und weiteren 33 Kindern ins finnische Jugenddorf Kuttula.
Das Modellprojekt für schwer erziehbare Jugendliche soll den hemmungslosen Speed-Junkie auf den Weg der Besserung bringen. Immerhin zweieinhalb Jahre verbringt Dennis in Kuttula, dem einzigen Ort, von dem er nie geflohen ist. Doch dann wird er auf eigenen Wunsch von der Hamburger Jugendbehörde aus dem Jugenddorf genommen und an Projekte in Schweden, Dänemark und Mecklenburg-Vorpommern weitergereicht.
"Du kannst uns mal"
Ab Weihnachten 1995 schlägt er wieder richtig zu: In zwei Wochen klaut er zwölf Autos. Man bringt ihn zurück nach Finnland, diesmal zusammen mit seiner Freundin und zwei Betreuern der Hamburger Jugendbehörde. Weil der Aufenthalt satte 40.000 Mark im Monat verschlingt und die Steuerzahler davon offenbar wenig begeistert sind, wird das Crash-Kid zurück nach Hamburg gebracht. Im Februar 1996 muss er sich für die zwölf Diebstähle verantworten und erhält eine Bewährungsstrafe von einem Jahr. Seine Freilassung setzt den Kreislauf von Flucht, Autoklau und Rückkehr an den Hamburger Hauptbahnhof wieder in Gang.
Der Fall des unverbesserlichen und offenbar therapieresistenten Crash-Kids lässt bundesweit den Ruf nach neuen Konzepten in der Jugendarbeit laut werden. Immer wieder verweisen die Medien auf den "jugendlichen Intensivtäter" Dennis, wenn es darum geht, Sinn und Zweck von offenen Heimen und Erlebnispädagogik in Frage zu stellen. Jede noch so gut gemeinte pädagogische Maßnahme oder kostenaufwendige Resozialisierungsmaßnahme erweist sich als Fehlinvestition - das Prinzip "Menschen statt Mauern" prallt an dem schmächtigen Teenager ab wie ein frisch geklauter Opel an der Leitplanke. Er habe den Eindruck, so der mittlerweile Volljährige 1999 in einem Interview, "dass die Behörden schon lange mal hätten sagen sollen: Du kannst uns mal." Taten sie aber nicht.
Kein Pardon für Wiederholungstäter: Dennis geht in den Knast
Ab 1996 nimmt Dennis an dem deutsch-polnischen Resozialisierungsprojekt Grodek bei Krakau teil, das vom Internationalen Bund (IB) getragen wird. Wegen zahlreicher Autoaufbrüche und anschließendem Verkauf von Radios und Ersatzteilen wird er im September 1999 zu einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren verurteilt. Nachdem er erneut rückfällig wird, reicht es den polnischen Behörden endgültig: Dennis halte die polnischen Gericht zum Narren, sagt ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Tarnow bei Krakau, nachdem man den unverbesserlichen Autodieb im südpolnischen Brzesko in einer Wohnsiedlung festgenommen hatte. Das Ergebnis: Dennis wird zu insgesamt sechs Jahren Gefängnis verurteilt.
Schon bei Verhängung der Bewährungsstrafe meldet sich Dennis Mutter Christel zu Wort, die im Westen Hamburgs mit seinen drei Geschwistern zusammenlebt. In einem Interview mit Radio-Hamburg-Reportern erklärt sie: "Dennis ist ein Opfer." In den Knast gehörten die Behörde und die Betreuer, nicht ihr Sohn. Der gehöre in die Psychiatrie und nicht in ein Gefängnis.
Hamburg verweigert Rückkehr
Nach einem Jahr und vier Monaten hinter polnischen Gittern beantragt Dennis bei der Hamburger Staatsanwaltschaft, seine Reststrafe in der Hansestadt verbringen zu dürfen. Das Hamburger Landgericht entspricht diesem Antrag am 15. Oktober 2001 unter der Bedingung, dass der zum Zeitpunkt der letzten Straftat strafmündige junge Mann in Deutschland eine Jugendstrafe verbüßt. Nachdem die polnischen Behörden zugestimmt haben, soll Dennis im Frühjahr nach Deutschland überstellt und ins Hamburger Jugendgefängnis gebracht werden.
Er hat die Rechnung allerdings ohne die Politik gemacht: Nachdem die ehemalige Hamburger Justizsenatorin Lore Maria Peschel-Gutzeit (SPD) dem Antrag zugestimmt hatte, erklärte ihr Nachfolger Roger Kusch (CDU), er fühle sich nicht an das Votum seiner Vorgängerin gebunden. Seit Mitte Januar steht deshalb fest: Hamburg verzichtet auf eine Überstellung des jungen Gefangenen in die Hansestadt. Dennis Nienstedt muss seine gesamte Strafe in Polen absitzen. Hier allerdings fühlt sich der notorische Autoknacker nicht wohl. Seine 15-Quadratmeter-Zelle teilt er mit einem Mörder und vier Räubern. Seit drei Jahren hat er keinen Besuch mehr erhalten: "Ich fühle mich allein, einsam", sagte er vor der Kamera. "Es gibt niemanden mehr."
Annette Langer
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