SPIEGEL Reporter Wie ich ich werde

Warum wird ein Mensch zu Bill Gates oder Madonna oder Angela Merkel? Haben Eltern überhaupt Einfluss auf die Entwicklung ihrer Kinder? Gen- und Hirnforscher, Philosophen und Psychologen geben neue Antworten auf die alte Frage: Was macht uns zu dem, was wir unter "Ich" verstehen?


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Nein, bei der Zeugung waren die Kameras der BBC noch nicht dabei. Aber kurz danach. Sie filmten, wie die werdenden Eltern Nigel und Tracy sich Sorgen machten, ob ihre Drillinge wirklich überleben würden, alle drei. Sie sprachen mit Helen, die sich bis zu 30-mal am Tag fast die Eingeweide aus dem Leib kotzte und tagelang an den Tropf musste, weil ihr Körper die Schwangerschaft nicht vertrug. Sie dokumentierten das hoffnungsvolle Glück von Richard und Jacqui, die ein Zwillingspaar erwarteten, und zeigten deren ungläubige Trauer, als der Junge tot zur Welt gekommen war. Sie waren dabei, als Alison, die keine Arme und nur verkümmerte Beine hat, per Kaiserschnitt ihren Sohn entband.

"Millennium-Babys" heißen sie im BBC-Jargon, um die Jahreswende 2000 kamen sie zur Welt: Sie sind Teil eines Experiments des Londoner Gynäkologen Robert Winston, das 20 Jahre lang im Fernsehen übertragen werden soll, erst halbjährlich, später in größeren Abständen. Es sind Kinder aus zehn Familien, aus allen Schichten der Gesellschaft; es ist ein ehrgeiziges Projekt, das eine der großen Fragen der Menschheit klären will: Wie werden wir, was wir sind? Durch "nurture", die Umwelt, oder "nature", die Natur? Was tragen die Freunde, die Eltern dazu bei, wenn ein Mensch zu einem Bill Gates oder zum Serienmörder wird, zu einer Angela Merkel oder einer neuen Madonna?

Was ist Ich? Woher kommt es? Gibt es das überhaupt? Und wer oder was bringt mich auf die Idee, dass ich ein Ich habe? Fragen sind das, mit denen sich immer schon Teenager quälen. Jetzt aber hat das Grübeln die gesamte Gesellschaft erfasst. Die alten Gewissheiten stimmen nicht mehr. Es ist die Zeit der Biowissenschaften, die permanent neue Erkenntnisse vorlegen in einer Geschwindigkeit, dass der Rest der Menschheit nur staunend hinterhergrübeln kann: Wo sitzt denn nun das Ich? Im Gen? Im Gehirn?

Reagenzglasbefruchtung
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Reagenzglasbefruchtung

Der Mensch - für Gen- und Gehirnforscher ist er Materie, die aufgespalten wird in Einzelteile, zergliedert, zerlegt. Spätestens im Jahr 2003 will das "Human Genome Project" die komplette Landkarte des Erbguts präsentieren. Und Neurologen dringen immer tiefer in die Regionen des Bewusstseins vor: Denken, Fühlen, Wahrnehmen, Erinnern sind für sie nichts anderes als biochemische und elektrische Prozesse, die speziellen Hirnregionen und Nervenzellen zuzuordnen sind. Man beschreibt sie in der Sprache von Technikern und Ingenieuren.

Ist er das, der Homo sapiens: bloß ein komplexes System, das analysierbaren Bau- und Schaltplänen gehorcht? Ist in dieser Welt der Neuronen und Nukleotide überhaupt noch Platz für eine Psyche, für jenes "Selbst", auf dem die Gedankengebäude der Philosophen, die Seelentherapien der Psychologen, die Erziehungsversuche der Eltern und Pädagogen basieren?

Die Millennium-Babys werden in eine Welt hineingeboren, die einem Elternpaar umso verwirrender erscheinen muss, je mehr es über neue Forschungsergebnisse weiß. Erziehung sei praktisch sinnlos, versichert die amerikanische Psychologin Judith Rich Harris, der Einfluss von Vater und Mutter werde "bei weitem überschätzt": Den größten Anteil an der Entwicklung der Kinder hätten die Gene, der Freundeskreis der Kinder erledige den Rest. Im Gegenteil, melden die Vertreter der "Null-bis-drei-Hypothese", die sich auf neurologische Forschungen berufen: In den ersten drei Lebensjahren eines Babys werden so viele Nervenverbindungen gebildet wie später nie mehr im Leben, und nur was benutzt wird, bleibt erhalten. Also: Es ist an den Eltern, dem Kind einen guten Start zu geben. Sonst haben sie dessen Chancen unwiederbringlich verspielt.

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Die Botschaften widersprechen sich, stiften eher Verwirrung, statt Antworten zu geben auf die Frage: Wie kann man ein Kind fit machen für die Welt, die da kommt? Und für welche Welt eigentlich? Früher war es normal, dass der Mensch eine Vorstellung hatte von der Wirklichkeit, die seine Nachkommen erleben würden - wie ihr Alltag aussehen würde, ihre Familie, ihr Beruf. Das ist vorbei.

Niemand kann heute wissen, welche Art von Mensch morgen gefragt sein wird für welche Art von Arbeit, für welche Art von Existenz. Die Apologeten der Globalisierung fordern nicht einen klar definierten Typus, sondern jenen, der perfekt darin ist, sich anzupassen. Wo die permanente Veränderung zum Prinzip erhoben wird - wie sollen Erwachsene da wissen, welche Fähigkeiten und Eigenheiten Kinder brauchen werden, damit sie später in der globalisierten, vernetzten Gesellschaft bestehen?

Im Internet, dem Stück Zukunft, das heute schon besteht, sind die Kinder den Eltern längst voraus. Was sie dort erleben, ist nicht zu kontrollieren; mit großer Selbstverständlichkeit surfen junge Profis im World Wide Web, von dem die Großen oft nur wissen, dass man dort genauso schnell eine Anleitung zum Bombenbasteln finden kann wie ein Shakespeare-Sonett.

Die modernen Medien, das glauben schon zwei von fünf Jugendlichen, haben einen größeren Einfluss auf ihre Entwicklung als ihre Erzieher. Jedes Wissen, das sie brauchen, können sie sich besorgen, es gibt keine Geheimnisse mehr - die Grenzen zwischen Kindheit und Erwachsenenwelt lösen sich auf. Computerkinder wie diese erleben schon die neue Art des Denkens, die ihren Eltern erst noch bevorstehen wird: Den Abschied vom Linearen, von der Verknüpfung von Ursache und Wirkung, von der Chronologie.

Es gibt die Pioniere der "Generation @", die nicht nur E-Mails verschicken und virtuelle Moorhühner schießen, sondern die wissen wollen, welche neuen Lebensformen das Internet birgt. Sie sind fasziniert von diesem Medium, von dem die amerikanische Soziologin Sherry Turkle sagt, dass es die Menschheit zwinge, "ihre Identität neu zu bestimmen": Der Benutzer spaltet sich auf in Netzpersönlichkeiten, schafft sich selbst seine Identitäten, unüberprüfbar, vielfältig, nach eigener Wahl. "Ich bin viele" - das, so meint Turkle, sei das große Versprechen, der Reiz in dieser virtuellen Welt.

In der Gen- und der Computertechnologie, im Cyberspace werden Grenzen überschritten zwischen Artifiziellem und Realem. Da entsteht eine Zwischenwelt, die vor allem Denker und Künstler fasziniert. "Ich ist etwas Anderes", hieß eine Ausstellung der Kunsthalle Düsseldorf zur Jahrtausendwende, die die Zweideutigkeit zum Leitmotiv erhob. Über das "Verschwinden des Subjekts" räsonierte da der Literaturwissenschaftler Peter Bürger, und der Kunsthistoriker Armin Zweite verkündete, dass die "Sphären von Ich und Welt", die ohnehin nicht säuberlich zu trennen seien, nun vollends "ineinander verfließen". Es herrscht der Zweifel, das Zwiespältige, die Selbst-Sicherheit geht verloren.

Das Ich löst sich auf in viele Ichs. Eine "globale Identitätskrise" sieht der amerikanische Politologe Walter Truett Anderson ("Die Zukunft des Selbst"), und die "multiple Persönlichkeit" ist für ihn eher eine Zustandsbeschreibung des Normalmenschen als ein Krankheitsbild. Das Ich, so sagt er, sei so etwas wie eine "bedrohte Art" geworden, und diagnostiziert: "Wir erleben eine mentale Revolution."

Wenn das wahr ist, was diese Zweifler sagen; wenn keiner weiß, was dieses Ich ist, in welcher Welt es sich bewegen wird und wie es möglicherweise zu beeinflussen wäre - wie soll man da überhaupt noch erziehen?

Die erste Begegnung mit dem eigenen Kind: Die britische Säuglingsforscherin Stella Acquarone beschreibt sie "wie die Begegnung zweier Menschen auf einer Party - man weiß, dass das ein Mensch ist. Aber man weiß noch nicht, wie er sich benimmt".

Da ist Matthew zum Beispiel, eines der Millennium-Babys, das noch nicht einmal geboren ist, als sich Wissenschaftler schon für ihn und seine Persönlichkeit interessieren. Seine Mutter Kathryn ist Opernsängerin und will wissen, ob der Junge musikalisch ist. Per Fötal-Telefon, eine Art Verstärker, den sie sich auf die Bauchdecke drückt, überträgt sie ihm ihre Stimme. Gleichzeitig beobachten Neurologen die Aktionen in seinem Gehirn.

Schon im Mutterleib, das stellen sie fest, kann der Kleine eine Verdi-Oper von der Musik aus "Pulp Fiction" unterscheiden. Sind es die Gene, die ihn maßgeblich steuern? Oder Kathryns Stimme, die seine Umgebung färbt?

Dass beides eine etwa gleich wichtige Rolle spiele, "nature" und "nurture", galt lange als Konsens - doch das hat sich geändert. Es ist Mode geworden, an die Allmacht der Gene zu glauben, und wenn das "Human Genome Project" demnächst das "genetische Buch" des Menschen vorlegen kann, folgt sicherlich ein neuer Schub. Noch ist das, was Genforscher finden, reiner Buchstabensalat - Kombinationen der vier Nukleinsäuren CAGT, die man aufschreiben, aber noch nicht deuten kann. Noch weiß niemand genau, welches Gen, oder welche Kombinationen von Genen, welche Auswirkungen haben können und was passieren muss, damit sie wirksam werden.

Doch genau das ist es, wovon Biotech-Gläubige träumen. An allem sollen plötzlich die Gene schuld sein: Wie jemand aussieht, woran er leidet, wie er sich benimmt. Plötzlich erscheint der Mensch, so beschreibt es der britische Biologe Matt Ridley, als "Opfer, Spielball, Schlachtfeld und Vehikel für den Ehrgeiz seiner Gene". Und der amerikanische Genforscher Dean Hamer behauptet: "Wir kommen größtenteils vorgefertigt aus der Fabrik."

Ein Regime der Biologie wird da beschworen, das als Erster und Einflussreichster der Soziobiologe Richard Dawkins verkündet hat. Seine Botschaft: Wir glauben nur, dass wir selbstbestimmt handeln. In Wahrheit sind es die "egoistischen Gene", die uns regieren.

Anmaßend klingt das in seiner Absolutheit, und doch: Es hat die Wissenschaft geprägt. Vieles wollen die Forscher schon gefunden haben: Gene für das Gedächtnis, für Alzheimer, für Risikofreude. Für Kreativität, für Geselligkeit, für Parkinson, für Schizophrenie.

Neurologen recherchieren an Gedankenvorgängen herum. Erinnern - in ihrer Sprache heißt das, dass "ein NMDA-Rezeptor Glutamat empfängt und an seiner Neuronenwand elektrisch Aktionspotenziale entlädt". Lernen - das ist, wenn sich "eine neuronale Verbindung verstärkt". Es zeige sich "mehr und mehr", sagt der Frankfurter Hirnforscher Wolf Singer, "dass das Verhalten der Menschen, ihre Persönlichkeit und ihre Individualität allein auf dem Zusammenspiel der Nervenzellen im Gehirn beruht".

Da gibt es dieses berühmte Experiment des kalifornischen Neurophysiologen Benjamin Libet, der belegen wollte, dass der Mensch nicht weiß, was er tut. Der Forscher bat Versuchspersonen, die Hand zu bewegen; wann genau, das sollten sie selbst bestimmen. Er registrierte währenddessen die Hirnströme und stellte fest: In dem Moment, da die Probanden glaubten, ihre Entscheidung zu treffen, waren die Neuronen im Hirn längst aktiv. Mindestens eine drittel Sekunde vorher schon hatte das Hirn die Entscheidung gefällt - das Bewusstsein kam zu spät.

Das Ich - ein Selbstbetrug? Die Seele - nichts als ein bisschen Chemie?

Es ist, als sei die gesamte Menschheit auf die Zweifel zurückgeworfen, die einst den jungen Dichter Arthur Rimbaud bewegten. "Es ist falsch, zu sagen: ich denke", schrieb der 17-jährige Rimbaud im Jahr 1871. "Man müsste vielmehr sagen, es denkt mich." Und er fügte den berühmten, rätselhaften Satz hinzu: "Ich ist ein anderer." Aber wer?

Ist es eine "fortschreitende Erfindung", dieses Ich, so wie es schon der Denker Michel de Montaigne Ende des 16. Jahrhunderts in seinen "Essais" befand? Eine, die "aus lauter Flicken und Fetzen und so kunterbunt unförmlich zusammengestückt ist, dass jeder Lappen jeden Augenblick sein eigenes Spiel treibt"?

Für die klassische Psychologie und Psychoanalyse wäre so ein Zustand nicht Normalfall, sondern Krankheitsbild, und für die meisten Pädagogen auch.

Ein menschliches Wesen - das lehren psychologische Theoretiker und streben die Therapeuten an - braucht das Gefühl, für seine Handlungen selbst verantwortlich zu sein, als Erzähler seiner eigenen Geschichte, als Regisseur seines eigenen Films.

Der Freud-Schüler Erik Erikson hat es so formuliert: Das Ziel der Entwicklung sei seelische Stabilität, sei ein "sicherer Sinn für die innere Kontinuität und die soziale Identität" zwischen dem Kind, das man war und dem Erwachsenen, der man wird. Demnach gibt es ein Ich, und es muss eines geben, und wer auf ein Baby in der Wiege blickt, der sieht kein Bündel von Genen oder Neuronen, sondern ein Subjekt auf dem Weg zu seiner persönlichen Identität.

So sehen es auch Eltern, normalerweise jedenfalls. Sie haben Pläne für die Kleinen und glauben, dass sie etwas bewirken können. So wie der Tierarzt Neil aus dem BBC-Projekt, der in seinem Sohn William unbedingt den künftigen Sportler erkennen will. Er streichelt die Finger des Säuglings, schwört, mit ihm später seinen Lieblingssport zu trainieren, eine Art Squash. Die Sängerin Kathryn will ihr Kind später mit "reichlich Mozart" umgeben. Und die werdende Mutter Carol, obdachlos, verunsichert, ungebildet, blickt in die Kamera und beantwortet die Frage, was sie ihrem Jungen vererben wolle: "Nichts. Ich will, dass er klug wird. Ich will nicht, dass er so wird wie ich."

Jede Erziehung basiert auf der Überzeugung: "Nurture" hat Einfluss. Die Umwelt prägt. Jetzt aber, beeindruckt von den neuen Biowissenschaften, beginnt ein Teil der Sozialwissenschaftler den Rückzug anzutreten, blickt bewundernd auf die Befunde der Neuro- und Genforscher und fragt sich, ob er sich von seinem bisherigen Denken verabschieden soll.

So glaubt der Gießener Philosoph Thomas Metzinger, dass durch die Erkenntnisse der Hirnforschung "der klassische Begriff der Seele endgültig zu einem leeren Begriff" werden könnte, und was das dann bedeuten würde, beschreibt er so: "Wir hätten uns selbst entzaubert."

Die Abschaffung des Ich - eine Horrorvision? Nein, findet die britische Psychologin Susan Blackmore. Sie arbeitet daran. Blackmore ist Senior Lecturer an der University of the West of England in Bristol und sagt: "Wenn man jemand den Schädel öffnet, dann findet man keine Seele. Man findet Gehirnzellen. Kein ,Selbst'."

Was es ihrer Meinung nach gibt, sind Bruchstücke von Kultur, Gedanken, Konzepten, die in der Welt kursieren, sich verdoppeln, sich vermehren und sich des Menschen als eine Art Wirt bedienen, so wie das Parasiten tun: "Meme" heißen diese Splitter, die sich zu Komplexen zusammenschließen. Ein Dreieck ist so ein Mem, oder ein Gewehr, oder das Leitmotiv von Beethovens Fünfter Sinfonie: "Tatatataaa".

All das ist ein Mem oder eine Kombination von Memen, was kopiert wird und sich durchsetzt in der menschlichen Gesellschaft - was also erfolgreich ist, im darwinistischen Sinn. Viel schneller als früher vermehren sich diese Meme im World Wide Web. Eine Internet-Seite - ein Mem-Komplex. Eine Fernsehsendung mit ein paar Babys - ebenso. Der Versuch, deren Entwicklung zur Persönlichkeit zu verfolgen - ein absurdes Projekt.

Erdacht hat dieses Mem-Konzept der Darwinist Richard Dawkins, der Erfinder des "egoistischen Gens". Es dient ihm dazu, all das zu erklären, was genetisch nicht erklärbar ist - Kultur, Denken, die soziale Realität. Aus ein paar Randbemerkungen Dawkins' hat nun eine Fraktion von Geisteswissenschaftlern, allen voran Susan Blackmore, so etwas wie eine Gesellschaftstheorie entwickelt. Die gipfelt in einem Satz, den Susan Blackmore furchtlos spricht: "Es gibt keine Freiheit, zu entscheiden. Es gibt nicht einmal ein Ich, das diesen Mangel an Freiheit erlebt."

Es gibt Überraschungen in der Welt der Wissenschaft, sagt der britische Hirnforscher Steven Rose, und eine der Überraschungen "ist die, dass jemand solche Ideen ernst nehmen kann". Steven Rose ist Professor an der Open University in Milton Keynes bei London, er erforscht die biochemischen Prozesse des Erinnerns am Beispiel von Hühnern und Menschen; ein Natur- und Neurowissenschaftler, der sich geschmeichelt fühlen könnte durch den übergroßen Glauben an alles Biologistische oder Darwinistische, der derzeit Mode ist. Er tut das nicht.

Er ist nicht die Art Mensch, die von Idealismus redet; das Wort "Seele" kommt in seinem Sprachschatz nicht vor. Er ist "Materialist", so sagt er. Aber er bleibt dabei, es für wissenschaftliche Hybris zu halten, "dass man Gedankenvorgänge vollständig erklären kann".

Der Forscher Rose besteht auf einer Unterscheidung zwischen Materie und Gedanken, zwischen "Geist" und "Gehirn", und er sagt: "Die Sprache der beiden ist verschieden. Man kann nur nach einer Übersetzung suchen. Das ist es, was mich interessiert." "Darwins gefährliche Erben" heißt Roses neues Buch; eine Art Gegendarstellung zu der Einseitigkeit, die derzeit die Debatte prägt, zu einem, wie er sagt, "fast schon religiösen Glauben an die Vorherbestimmung durch das Gen".

Heute, da es nicht mehr üblich ist, an die Veränderbarkeit der Gesellschaft zu glauben, findet Dawkins umso mehr Jünger mit seinem Glauben an den "Egoismus der Gene". Ein "Ultra-Darwinismus", sagt der Kritiker Rose, beherrsche heute die Debatte; ein Enthusiasmus sei entstanden, der ihn "an die Nuklearphysiker in den fünfziger Jahren erinnert".

Dieser neue Enthusiasmus speist sich nicht mehr aus politischen Ideen, wie jener der siebziger Jahre, als die Träume darum kreisten, eine neue Gesellschaft zu schaffen. An die Stelle der sozialen Utopie tritt die in der Biologie: Als veränderbar gilt nicht mehr die Gesellschaft, wenn das Zusammenleben nicht funktioniert. Als veränderbar gilt der Mensch.

Manipulationen am Erbgut, Mikrochips und Drogen fürs Gehirn - da wird ein Charakter zu etwas Gestaltbarem, beliebig Veränderbarem, und wer da noch "Ich" sagt, muss in Erklärungsnot geraten. Vieles ist ja schon möglich. "Human engineering" gibt es längst; durch Chemie zum Beispiel, durch Drogen, die direkt und unmittelbar das "Selbst" des Menschen verändern können. Menschliches Leiden, oder abweichendes Verhalten, wird zunehmend als chemischer Vorgang begriffen - und behoben.

Was dabei geschieht, beschreibt die amerikanische Psychologin Lauren Slater in ihrem "Prozac Tagebuch". In einer Krise bekommt sie den Stoff verschrieben; sie schluckt und erlebt "gruselige Erleichterung" ; sie fragt sich, wer eigentlich "sie selbst" ist - die Frau mit oder ohne Drogen? Und ob eine Menschheit, die sich glücklicher, klüger, tapferer macht, ob die sich nicht aller Würze im Leben beraubt? Ob "wir nicht dabei sind, unsere Spezies zu einer grässlichen Gesundheit" zu verdammen?

Weltfremd erscheinen solche Bedenken in den Augen vieler amerikanischer Ärzte. Prozac gegen Unglücklichsein, Ritalin gegen Unruhe und Aggression - das ist Alltag in den USA. Schon Zwei- bis Fünfjährige bekommen harte Psycho-Drogen wie Ritalin zu schlucken, schätzungsweise 1,25 Prozent der Kleinen im Kindergarten-Alter werden solche Pillen verpasst. Bei den Sechs- bis Zwölfjährigen sind es schon 3 Prozent. Und oft sind es "schwierige" Kinder, sozial benachteiligte in großen Klassen mit überforderten Lehrern, bei denen die Droge die einfachste Methode ist, Ruhe herzustellen.

Da beginnt ein mechanistisches Weltbild die Pädagogik zu bestimmen, eines, das erwünschtes Verhalten produzieren will wie Seife oder Kartoffeln. Das Verhalten des Kindes wird als "hyperaktiv" oder "depressiv" diagnostiziert, seine Störung wird als biochemische, nicht als psychische oder soziale begriffen, und biochemisch soll sie behandelt werden: Das geht schneller, als auf soziale Veränderungen oder Psychotherapie zu setzen, und billiger ist es auch.

Ist sie das also, die Zukunft der Erziehung? Die Zukunft des Ichs?

"Wird man Gehirnteile wie Nervenzellen züchten und auswechseln können? Wann gehen die ersten Gehirne der Luxusklasse vom Fließband? Muss man noch zur Schule gehen, wenn es erst Neuro-Software gibt?"

Was der Dichter Durs Grünbein in der Dresdner Ausstellung "Kosmos im Kopf" sich und die Besucher fragt, wirkt noch fern und abwegig, scheint wenig zu tun zu haben mit der pädagogischen Wirklichkeit. Aber es gibt einen Einfluss der neuen Biowissenschaften auf Erziehungstheorie und -praxis, und der nimmt zu.

Da ist diese "Null-bis-drei-Hypothese", die beispielsweise Hillary Clinton vertritt. 1997 lud sie zu einer Konferenz über "Neue Hirnforschung und unsere Kinder" ins Weiße Haus ein, für eine landesweite Kampagne zum Thema "Early Head Start". Seit die älteren Kinder immer mehr den Erziehungsversuchen ihrer Eltern entgleiten, seit sie sich immer früher absetzen in ihre eigene Pop-, Computer- und Internet-Welt, konzentrieren sich die Bemühungen umso mehr auf die Kleinen, die noch erreichbar sind. Und seit sich die Sache mit den Neuronen und Synapsen und Gehirnstrukturen herumgesprochen hat unter Eltern und Pädagogen, steht sowieso Früh- und Frühestförderung auf dem Programm: Das Kind soll durchstarten, möglichst jung.

Die Ansprüche wachsen. In Kindergärten sitzen Vierjährige am Computer und üben die Arbeit mit der Maus. In Duisburg schicken Erstklässler einander Botschaften per E-Mail auf den Monitor. In Berlin berichtet der Humboldt-Wissenschaftler Peter Frensch über Experimente mit Kind und Gameboy: Sechs Stunden konzentriertes Herumschieben von virtuellen Klötzchen, so fand er, steigere das räumliche Vorstellungsvermögen. In Baden-Baden parlieren Dreijährige auf Französisch, weil der Freiburger Erziehungswissenschaftler Norbert Huppertz der Auffassung ist, dass man "die Kapazitäten der Kinder nicht vergeuden" darf.

In den USA beginnt das Rattenrennen um Geld und Karriere schon mit vier, wenn Kinder von ehrgeizigen Eltern von Test zu Test geschleppt werden, damit sie einen Platz im richtigen Kindergarten bekommen: in einem, der zur Elite zählt. Diese begehrten Einrichtungen sind sehr wählerisch geworden, und was das bedeutet, beschrieb das "New York Magazine" so: "Das ganze vierte Lebensjahr verbringen diese Kleinen mit Vokabel-Lernspielen und Rechenaufgaben." Manche schicken ihren Nachwuchs zu Tutoren, damit sie dort den Test trainieren.

Dass dieser Aufwand nicht nur blödsinnig, sondern möglicherweise gefährlich ist, haben kritische Forscher jetzt klargestellt. Früher Stress im Leben kann Hirnschäden bewirken - Neurologen haben bei Stress-Kindern eine Veränderung von Hirnstrukturen beobachtet und einen Zusammenhang zwischen solchen Schäden und aggressivem oder anti-sozialem Verhalten entdeckt.

Zu viel Eltern-Ehrgeiz kann für Kleinkinder fast so schädlich wie Vernachlässigung sein. Gerade in den ersten drei Jahren, versichert der US-Erziehungswissenschaftler Matthew Melmed, brauchen Kinder Zeit, die Welt selbst zu entdecken, sonst lasse die Neugier nach und die Fähigkeit, mit Neuem fertig zu werden. Zu viel Stimulation könne eine Art "Burnout-Syndrom" provozieren, ähnlich, wie man es von Managern kennt.

Überhaupt, das kritisiert der Mediziner John Bruer in seinem Buch "Der Mythos der ersten drei Jahre", würden die Befunde der Kognitionswissenschaften grob überschätzt. Es gebe "praktisch keine" gesicherten Erkenntnisse, die für Erzieher von Nutzen sein könnten, versichert er. Was bleibt, sei der Ratschlag eines Neurowissenschaftlers, den er zitiert: "Zieh deine Kinder nicht im Kleiderschrank groß, und hau ihnen nicht die Bratpfanne auf den Kopf."

Es bleibt noch ein bisschen mehr, es bleiben ein paar neurologische Nachrichten, die eher beruhigend klingen. Es stimmt zwar, dass ein Zweijähriger doppelt so viele Synapsen im Gehirn hat wie ein Erwachsener, und dass er verliert, was er nicht benutzt. Es stimmt auch, dass ein Kind möglichst bis zum vierten Geburtstag die Grammatik seiner Muttersprache beherrschen, bis zum elften mit einer Fremdsprache in Kontakt kommen sollte, um sie wirklich fehlerfrei zu sprechen.

Aber bekannt ist neuerdings auch, dass das Menschenhirn sehr viel flexibler ist, als man es ihm bisher zugetraut hat. In der Pubertät setzt ein zweiter Wachstumsschub der grauen Zellen ein, und sogar viel später, das wurde jetzt als kleine Sensation vermeldet, können Nervenzellen nachwachsen und neu verschaltet werden. Offenbar sind diese späten Neuronen besonders gut darin, Synapsen zu bilden.

Das Gehirn ist nicht nur ein Organ, das über sich selbst nachdenken kann; es kann auch beschließen, sich zu ändern. Niemand bekommt den kompletten Bauplan für seinen Geist in die Wiege gelegt. Der Mensch wird geprägt durch das, was er in frühen Jahren erlebt. Aber es bleibt ihm auch die Chance, als Erwachsener Verlorenes nachzuholen.

Da wird man dann also geboren als Millennium-Baby unter der Obhut der BBC, als Sohn der Opernsängerin Kathryn, oder als eine von Nigel und Tracys Drillingstöchtern, oder als Kind der Künstlerin Alison, die keine Arme hat, nur verkümmerte Beine, mit denen sie streicheln kann.

Man ist sportlich oder hat eine Leseschwäche oder ist unmusikalisch, man wird zum nächsten Bill Gates oder zur nächsten Madonna, man entwickelt sich und wird beobachtet dabei und hat womöglich Glück gehabt, dass man nicht 20 oder 50 Jahre später als Forschungsobjekt auf die Welt kommt. Denn der BBC geht es hauptsächlich darum, zu beobachten, wie man groß wird. Spätere Forscher werden vielleicht nicht mehr so zurückhaltend sein. Sie werden wissen wollen, wie welche Droge, welcher Chip in der Nervenbahn, welcher Eingriff in das Erbgut wirken kann und welche Art Mensch so ein Eingriff produziert.

Möglich, dass das BBC-Projekt nur Altbekanntes belegt: Ein stabiles Elternhaus ist besser als ein instabiles, und wer arm ist, hat es schwer. Es gibt ja schon Ergebnisse aus einem ähnlichen Versuch; auf Hawaii hat ein Forscherteam Kinder aus diversen Milieus und Familien jahrelang beobachtet, und das Ergebnis war, man mag es überraschend finden oder nicht: Vor allem die soziale Schicht, aus der sie stammten, war entscheidend für ihren Lebensweg.

Trotzdem, die BBC-Serie hat ihren Reiz. Jeder kann zuschauen, wie der sportliche Tierarzt Neil die Hände seines drei Wochen alten Sohnes prüft und noch nicht recht weiß, ob er darin große oder kleine Hände erkennen soll: Für seine Lieblingssportart braucht man große. Ein Tierarzt braucht kleine, sonst kommt er nicht recht mit dem Arm in die Kuh. Man kann miterleben, wie Carols Baby in ihrer Billigwohnung geboren wird. Sie hat das Obdachlosenheim verlassen können, und sogar ein Vater ist jetzt da.

Kathryns Sohn wird Opern singen oder auch nicht, Maries Sohn TJ wird vielleicht besonders gut rechnen können; mit ihm hat ein Forscher schon vor der Geburt Zählen geübt. Das Baby Charlotte wird damit fertig werden müssen, dass sie einmal einen Zwillingsbruder hatte, den sie nur aus der Zeit im Mutterleib kennt.

Und ein paar kleine Wunder gibt es auch. Calvin zum Beispiel, der mit sechs Monaten auf die Welt kam, weil seine Mutter die Schwangerschaft nicht vertrug - ein paar Jahre früher, und der Junge hätte nicht überlebt. Oder Parys, das Kind der Künstlerin Alison, die seit ihrer Geburt keine Arme hat und kaum gewagt hatte, sich ein Baby zu wünschen - jetzt hat sie eines. Einen gesunden Sohn.

Barbara Supp/ Corinna Holthusen



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