Niedere Beweggründe Mord oder Totschlag?

Im Strafgesetzbuch werden Mord und Totschlag neben Tötung auf Verlangen und Schwangerschaftsabbruch unter den "Straftaten gegen das Leben" aufgeführt.


Paragraf 211 sieht für den Mörder eine lebenslange Freiheitsstrafe vor. Als Mörder gilt, wer aus Mordlust, zur Befriedigung seines Geschlechtstriebs, aus Habgier oder anderen niedrigen Beweggründen, "heimtückisch oder grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln oder um eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken, einen Menschen tötet".

Wer einen Menschen tötet, ohne dieser Definition eines Mörder zu entsprechen, wird laut Absatz 1 des § 212 des Strafgesetzbuches als Totschläger bezeichnet. Der Tatbestand des Totschlages wird mit mindestens fünf Jahren Freiheitsentzug bestraft - in besonders schweren Fällen muss der Täter mit einer lebenslangen Freiheitsstrafe rechnen.

Hartnäckig hält sich die Meinung, ein Mord bedeute eine "vorsätzliche und mit Überlegung" ausgeführte Tötung. Diese Interpretation stammt allerdings aus der ursprünglichen Fassung des Reichsstrafgesetzbuches von 1871. Die Todesstrafe für Mord wurde erst 1953 mit dem Artikel 102 des Grundgesetzes abgeschafft.

"Niedrige Beweggründe" - im Sinne eines juristisches Merkmals für Mord - liegen vor, wenn das Motiv der Tötung nach "allgemeiner sittlicher Würdigung auf tiefster Stufe" steht und deshalb "besonders verachtenswert" ist. Eine recht schwammige Formulierung: Darüber, wo genau diese "tiefste Stufe" beginnt, scheinen sich Entscheidungsträger und Rechtsgelehrte nicht immer einig zu sein.

Auch die Definiton der mordspezifischen "Heimtücke" (§ 211 StGB) lässt an Deutlichkeit zu wünschen übrig: Heimtückisch tötet, wer die "objektiv gegebene Arg- und Wehrlosigkeit seines Opfers bewußt zur Tötung ausnutzt". Wer einen Schlafenden tötet, handelt also immer heimtückisch. Erstaunlich: Bei der Tötung eines Besinnungslosen handelt es sich nicht um Heimtücke, weil dessen Wehrlosigkeit nicht auf Arglosigkeit beruht.

Es gibt Juristen, die der Meinung sind, dass sich der Mord vom Totschlag weder im Unrechtsgehalt noch was die Schuldfrage betrifft gravierend unterscheidet. Die Koppelung von Mord an eine lebenslange Freiheitsstrafe hat den Gesetzgeber in gewisser Weise in ein Dilemma geführt: Auch in minder schweren Fällen werden Mordmerkmale entdeckt, was zu einer bisweilen unangemessenen Ausweitung des Tatbestandes führen kann.



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