Die "Neue Vahr" in Bremen "Ein Denkmal edler Einfalt"

Als der Bremer Bürgermeister Wilhelm Kaisen 1957 den Grundstein für die damals größte deutsche Wohnsiedlung legte, galten moderne Mietunterkünfte als Mangelware. Über 60.000 Wohnungen waren im Krieg komplett zerstört worden, große Teile der Hansestadt lagen 1945 in Trümmern.


Wochenmarkt an der Berliner Freiheit

Wochenmarkt an der Berliner Freiheit

Noch Mitte der fünfziger Jahre waren rund 25.000 Bremer auf der Suche nach einer neuen Bleibe. Die Konsequenz: Vor der Verabschiedung des "Gesetzes zur Behebung der Wohnungsnot im Lande Bremen" verpflichtete sich das Land, innerhalb von vier Jahren 10.000 Mietwohnungen und 3000 Eigenheime jährlich zu bauen und deren Finanzierung über Bürgschaften und Zinshilfen sicherzustellen. In einem selbst für heutige Verhältnisse rekordverdächtigen Tempo entstanden in der "Neuen Vahr" 10.000 dringend benötigte Wohnungen.

Die mit dem Mammutwerk beauftragten Architekten Ernst May, Hans Bernhard Reichow, Max Säume und Günter Hafemann schufen eine moderne Schlafstadt mit den prototypischen Merkmalen der Trabanten- oder Satellitenstädte: Der Mikrokosmos an der Peripherie verfügt mit Schule, Post, Kirche und kleinen Läden über ein eigenständiges Zentrum. Entlang der vielfarbigen Fassaden verbindet ein Fußwegesystem die in geometrischer Gleichförmigkeit angeordneten Eigentums- und Hochhäuser mit mehrgeschossigen Mietshäusern.

Auch in Zeiten des Plattenbau-Hypes nicht jedermanns Sache: Blick auf die "Neue Vahr"

Auch in Zeiten des Plattenbau-Hypes nicht jedermanns Sache: Blick auf die "Neue Vahr"

Flächensparende Baukonzepte mit einer bewusst erhöhten Wohndichte waren die Antwort der sechziger Jahre auf die Anforderungen des Nachkriegs-Städtebaus. Eine auch größere Einzugsbereiche abdeckende Infrastruktur, Gemeinschaftseinrichtungen, sowie kurze, witterungsgeschützte Wege sollten die Attraktivität der neuen Mikrozentren fördern – und einer vielbeschworenen "neuen Urbanität" Rechnung tragen.

Die schönen neue Wohnanlagen waren dabei vor allem eines: praktisch und funktional. Die wenig verwöhnten Mieter freuten sich über zentrale Müllsammelsysteme, Fernheizung und komplett verkabelte Wohnungen. Die Einkäufe erledigte man direkt vor der Tür, soziale Kontakte wurden zwischen Waschküche und Gemeinschaftsraum gepflegt.

Stimmungsaufheller: Skateboard fahrender Bär

Stimmungsaufheller: Skateboard fahrender Bär

Zwar wollten die Planer Natur und Landschaft durchaus in ihre Entwürfe integrieren. Allzu oft jedoch fand das grüne Element nur in geometrisch gebändigter Form Eingang in die Welt der Zweckmäßigkeit. Gemäß dem weit verbreiteten Dogma einer "Wohnstadt im Grünen" versuchte man in der "Neuen Vahr" auf 31 Hektar Grünfläche, regionaltypische Elemente aus der Landschaftsgärtnerei einzubinden. Neben dem Vahrer See gibt es in der "Gartenstadt" mehrere Teiche.

Für Kenner und Liebhaber gewöhnungsbedürftiger Formen im sozialen Wohnungsbau hält das Zentrum der "Neuen Vahr" einen architektonischen Leckerbissen bereit: Für den Bau des 22 Stockwerke hohen Hauses an der Berliner Freiheit haben die Bremer seinerzeit einen der einflussreichsten Vertreter der Moderne engagiert: den Finnen Alvar Aalto. Der Architekt und Designer aus dem hohen Norden (1898 – 1976) war für seine ungewöhnlichen Grundrisse bekannt. Neben dem Komplex "Neue Vahr" baute er in Deutschland ein Wohnhaus für die Interbau Berlin (1957) und war an der Planung des Opernhauses in Essen beteiligt.

Sozialer Wohnungsbau aus finnischer Hand: Aalto-Hochhaus in der "Neuen Vahr"

Sozialer Wohnungsbau aus finnischer Hand: Aalto-Hochhaus in der "Neuen Vahr"

Das Vahrer Hochhaus aus Stahlbeton und vorfabrizierten Sichtbeton-Elementen birgt 189 Wohneinheiten mit ein bis zwei Zimmern. Die Wohnungen werden über einen innenliegenden Laubengang erschlossen, der in einen offenen Gemeinschaftsraum im Süden übergeht. Bei Aalto gelangt man über einen so genannten Allraum im Zentrum der Wohnung in alle anderen Räume - einer seiner Grundgedanken war die "Eingangshalle als Zentrum des Hauses".

1963 war auch die letzte der begehrten Wohnungen von den "Vahraonen" besetzt. Während die ersten Mieter aus allen Stadtvierteln und verschiedenen gesellschaftlichen Schichten stammten, änderte sich die Sozialstruktur mit den Jahren erheblich. Heute findet man in der Neuen Vahr deutlich mehr ältere Leute und auffallend weniger Kinder als zu Beginn der Besiedlung. Die Zahl der berufstätigen Mieter ist gesunken, immer mehr Arbeitslose und Menschen ohne Ausbildung leben an der Vahr. Nichtwähler sind überproportional häufig vertreten, der Anteil von Aussiedlern vor allem aus der Russischen Föderation wird immer größer.

Die "Neue Vahr" gehört längst zu jenen "Stadtteilen mit besonderem Entwicklungsbedarf", die im Bund-Länder-Programm "Die soziale Stadt" versammelt sind. Ob die von der Wohnungs- und Aktiengesellschaft "GeWoBa" jetzt durchgeführte Totalsanierung des Komplexes zu einer heterogeneren Mieterstruktur führen kann, ist fraglich. Mit Aufhebung der Bindung der Sozialwohnungen erwarten die Planer noch mehr "Wohnungsnotstandsfälle" in den frei werdenden Räumen.

Was für die Erbauer der "Neuen Vahr" einen Demonstration sozialen Fortschritts, ein Musterbeispiel modernen Städtebaus war, bezeichnen andere als Meisterstück der Ideenlosigkeit. Eberhard Kulenkampff, Mitglied der ehemals gewerkschaftseigenen "Neue Heimat" in Bremen, heute "GeWoBa", brachte das Problem auf den Punkt. Anlässlich des 30. Geburtstags der Trabantenstadt bemerkte er: "Die Vahr ist ein Denkmal edler Einfalt, gut gemeint, aber keine Stadt. Sie ist auf gute Weise nützlich, aber Spaß macht sie nicht."





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