Interview mit Fluchthelfer Burkhart Veigel "Ein Koffer voller Blanko-Pässe"

Burkhart Veigel war als Medizinstudent an der FU Berlin für das studentische Fluchthilfeunternehmen "Reisebüro" im Osten der Stadt unterwegs. Mit SPIEGEL ONLINE sprach er über die Schmuggelei von gefälschten Pässen, Fluchtwege durch die Kanalisation und hilfsbereite Diplomaten.


Fluchthelfer Burkhart Veigel: "Man konnte mir nichts nachweisen"
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Fluchthelfer Burkhart Veigel: "Man konnte mir nichts nachweisen"

SPIEGEL ONLINE: Herr Veigel, wie kamen Sie zu der vom SPIEGEL 1962 als Unternehmen Reisebüro bezeichneten Fluchthilfegruppe um Detlef Girrmann, Dieter Thieme und Bodo Köhler?

Veigel: Ich studierte seit dem Sommersemester 1961 Medizin an der Freien Universität. Bei Beginn des Mauerbaus am 13. August war ich allerdings gar nicht in der Stadt, sondern in Griechenland. Als ich von dort zurückkehrte war ich ganz unvermittelt mit der neuen Situation konfrontiert. Da ich weder Verwandte noch Bekannte im Osten hatte, war ich zwar persönlich nicht betroffen. Ein Kommilitone, der bereits in der Girrmann-Gruppe aktiv war, sprach mich jedoch an und fragte, ob ich mithelfen wollte. Da bin ich dann sofort eingestiegen.

SPIEGEL ONLINE: Das Fluchthilfeunternehmen wurde mit Beginn des Mauerbaus am 13. August gegründet. Welche Aufgabe hatten Sie innerhalb der Gruppe?

Veigel: Ich habe zunächst als so genannter Läufer gearbeitet, das heißt, die Flüchtlinge über die Abläufe der Aktionen informiert und ihnen die wichtigsten Instruktionen übermittelt. Als Westdeutscher konnte ich schnell und relativ problemlos in den Osten reisen.

SPIEGEL ONLINE: Viele der von Ihnen in den Westen geholten DDR-Bürger kamen mit einem gefälschten Pass nach West-Berlin. Wer kümmerte sich um den Transfer der Papiere?

Veigel: Das haben in erster Linie dafür engagierte Spezialisten sowie Diplomaten und deren Angestellte erledigt.

"Hilfsbereitschaft im Ausland viel größer als in Deutschland"
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"Hilfsbereitschaft im Ausland viel größer als in Deutschland"

SPIEGEL ONLINE: Wo kamen diese Pässe her?

Veigel: Girrmann, Thieme und Köhler wachten als Köpfe des Unternehmens über den Dokumenten-Fond. Die Pässe kamen vor allem aus dem europäischen Ausland, aus Belgien, der Schweiz, Dänemark und Schweden. Ich denke, wir haben mindestens 200 bis 300 Pässe aus den verschiedenen Ländern erhalten.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie selbst auch Pässe besorgt?

Veigel: Sicher. Ich erinnere mich sehr gut an den 24. Dezember 1961, als ich allein nach Zürich geflogen bin, um mich mit dem Sohn eines damals hochrangigen Generals, Rolf Bracher, zu treffen. Bracher hatte hauptsächlich in der Schweiz Pässe organisiert und bereits während des Ungarn-Aufstandes 1956 Leute rübergeholt. Da er Jurastudent war, hat er vor allem bei seinen Kommilitonen Reisedokumente gesammelt.

SPIEGEL ONLINE: Wie groß war denn die Bereitschaft, zu helfen?

Veigel: Die war im Ausland mit Sicherheit sehr viel größer, als in Deutschland. Sie müssen sich das mal vorstellen: Aus Belgien kam ein Mann mit einem ganzen Koffer voller Blanko-Pässe und dem Originalstempel seiner Heimat-Gemeinde angereist. Wir waren zwar längst in der Lage, Fotos auszutauschen und mit einem neuen Stempel zu versehen. In diesem Fall allerdings wurde uns die Arbeit sehr erleichtert – da hatten wir plötzlich völlig freie Hand. Was uns überrascht hat, war die Tatsache, dass hier dieselben Gruppen aktiv wurden, die Jahre zuvor bereits gegen die Nationalsozialisten gekämpft hatten.

SPIEGEL ONLINE: Waren die deutschen Behörden über ihre Aktionen informiert?

Veigel: Nein, außer dem Verfassungsschutz und einigen Mitarbeitern der Polizei, wusste kaum jemand etwas. Die Menschen in Deutschland hatten auch große Angst davor, sich für unsere Sache einzusetzen. Sie wollten kein Aufsehen erregen, fürchteten Strafverfolgung auf Grund illegaler Projekte und wollten einfach schön angepasst weiterleben. Ich habe bei mehr als drei Dutzend Landratsämtern vorgesprochen, bevor ich das Glück hatte, auf einen stellvertretenden Landrat zu stoßen, der schon für Wilhelm Canaris, den Chef der Abwehrabteilung im Reichskriegsministerium, gearbeitet hatte – dieser Mann hatte kein Problem damit, um der Sache willen auch mal ein paar Pässe zu fälschen.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Menschen waren in Ihr Fluchhilfeprogramm involviert?

Veigel: Das ist schwer zu sagen, es gab außer mir noch sehr viele andere Läufer und eine Menge Helfer im Osten wie im Westen. Ich kann aber wohl sagen, dass ich einer der erfolgreichsten Schleuser war: Bis zum 6. Januar 1962, als neue Kontrollmaßnahmen an der Grenze eingeführt wurden, war ich fast täglich unterwegs und habe jedes Mal bis zu sechs Personen rübergeholt.

SPIEGEL ONLINE: Was waren die bevorzugten Arten der Flucht?

Veigel: Die meisten Menschen haben wir sicherlich mit falschen Pässen rübergebracht. Das war die erfolgreichste Variante, die über vier bis fünf Monate hervorragend funktionierte. Fluchtwege durch die Kanalisation wurden meist innerhalb kürzester Zeit entdeckt – die waren häufig schon nach einer Woche tot, das heißt unbrauchbar, weil gefährlich. Ich habe mit Harry Seidel auch an dem Tunnel in der Kiefholzstraße nach Treptow gebaut – aber der Aufwand war für die Zahl der tatsächlich Geflüchteten meist zu hoch.

  • Auch Grenzläufer Burkhart Veigel musste bisweilen vor unangenehmen Verfolgern flüchten. Im zweiten Teil des SPIEGEL ONLINE Interviews berichtet der Fluchthelfer über die Arbeit der DDR-Spitzel, Flüchtlinge im Armaturenbrett und seine zwiespältigen Gefühle bei Einsicht der Stasi-Akten. mehr...



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