Chaplins Abrechnung mit Hitler: Der Tramp und der Diktator

Neues über Chaplins "Großen Diktator": Eine von SPIEGEL TV koproduzierte Dokumentation, die auf der Berlinale uraufgeführt wird, überrascht mit farbigen Szenen von den Dreharbeiten zu dem Filmklassiker.

Sendetermin: Montag, 18.02.2002, 23.15 - 23.50 Uhr, Sat.1




Der kleine Tramp ganz groß: Charlie Chaplin als Diktator Adenoid Hynkel
SPIEGEL TV

Der kleine Tramp ganz groß: Charlie Chaplin als Diktator Adenoid Hynkel

Als Viktoria Chaplin wieder einmal im Nachlass ihres Vaters Charlie stöberte, fand sie per Zufall einige halb verrostete Filmbüchsen. Ein Koffer von Chaplins Bruder Sydney war in einem Kellerraum der Schweizer Villa des Starkomikers jahrzehntelang ungeöffnet geblieben. Auf den 16-Millimeter-Filmstreifen fand sich ein einzigartiges Dokument: Sydney Chaplin hatte 1939 die Dreharbeiten zum "Großen Diktator" mit seiner Amateurkamera begleitet - und er drehte in Farbe. Doch Victoria vergaß den ungewöhnlichen Fund. Erst viele Jahre später erinnerte sie sich des Films - anlässlich der Präsentation eines Buches über ihren Vater.

Das erstaunlich gut erhaltene Filmmaterial wirft ein Schlaglicht auf eines der ehrgeizigsten Projekte Chaplins: seine Abrechnung mit dem Naziregime Adolf Hitlers. Mit satirischem Genie hatte er den "Führer" nicht nur der Lächerlichkeit preisgegeben, sondern viel mehr das brutale Wesen des Diktators entlarvt. Nicht zuletzt Chaplins Spiel mit der Weltkugel, die unter den gierigen Blicken des Diktators zerplatzt, ist in die Filmgeschichte eingegangen.

Sensationeller Fund: Im Nachlass der Chaplins tauchte unvermutet Farbbildmaterial von den Dreharbeiten zu "The Great Dictator" auf
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Sensationeller Fund: Im Nachlass der Chaplins tauchte unvermutet Farbbildmaterial von den Dreharbeiten zu "The Great Dictator" auf

SPIEGEL TV Autor Michael Kloft hat in Zusammenarbeit mit dem britischen Filmhistoriker Kevin Brownlow eine Dokumentation erarbeitet, die kein klassisches "Making of" ist, sondern eine filmische Auseinandersetzung mit zwei der einflussreichsten Männer des 20. Jahrhunderts. Beide haben auf ihre Weise das Bild der vergangenen Epoche geprägt, und doch waren die zwei so unterschiedlichen Leben auf erstaunliche Weise miteinander verknüpft.

Der Geburt nach nur vier Tage auseinander, hatte Hitler gerade seine Wiener Zeit der Obdachlosenasyle überwunden, als Chaplin 1914 die unsterbliche Figur des Tramp erfand. Als der Schauspieler 1918 in den USA für die Zeichnung von Kriegsanleihen warb, erholte sich der Gefreite Hitler von einer Kriegsverletzung. Der Besuch des Weltstars Chaplin in Berlin 1931 wurde von der Nazi-Presse besonders heftig gegeißelt. Hitler ließ Chaplins Filme 1933 sofort verbieten.

Im April 1939 schrieb das britische Wochenmagazin "The Spectator" zum 50. Geburtstag der beiden Männer: "Beide spiegeln dieselbe Wirklichkeit wider - die Not des 'kleinen Mannes' in der modernen Gesellschaft. Beide sind Zerrspiegel, der eine zum Guten hin, der andere zum unsagbar Bösen." Die Schlussfolgerung lautet: "Aus dem Tramp ist ein Nazi-Stürmer geworden; nur der Schnurrbart ist der gleiche."

Als der Artikel erschien befand sich Chaplin schon mitten in den Dreharbeiten zu "Der Große Diktator". Für "Der Tramp und der Diktator" haben Kevin Brownlow und Michael Kloft unbegrenzten Zugang zum filmischen und schriftlichen Nachlass Chaplins erhalten. Zeitzeugen berichten von den schwierigen Dreharbeiten in Hollywood und von der Reaktion der Naziführung auf den unerwarteten Erfolg des Films - nicht zuletzt werden in dieser Dokumentation erstmals Ausschnitte aus dem farbigen Amateurfilm von den Dreharbeiten zu Chaplins Meisterwerk gezeigt.

Teil zwei der Dokumentation sehen Sie am:
Montag, den 25. Februar um 23.15 Uhr auf Sat.1


Mit zwei Millionen Dollar Produktionskosten ein damals exorbitant teurer Film: "The Great Dictator"
DPA

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CHARLIE CHAPLIN UND DER FÜHRER


Heil Hynkel!


Auf eine besondere kleine Ähnlichkeit zwischen Charlie Chaplin und Adolf Hitler ist in der britischen Zeitschrift "Spectator" in einem Artikel zu deren 50. Geburtstag im April 1939 (Charlie war vier Tage älter als Adolf) erstmals hingewiesen worden: Das gleiche schmale Schnäuzchen schmückte die Oberlippe des Slapstick-Tramps und des deutschen "Führers".mehr...






Groteske Großmannssucht beängstigend wirklichkeitsnah inszeniert: Chaplin als Diktator
SPIEGEL TV

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PATHETISCHER SCHLUSSAKKORD IN CHAPLINS "GROSSEM DIKTATOR"

"Wir denken zu viel und fühlen zu wenig"


Tomanien 1915: Während des Krieges verliert der tapfere jüdische Gefreite Charlie nach einem Flugzeugabsturz sein Gedächtnis. Als er nach 15 Jahren aus dem Hospital entlassen wird, hat sich in seiner Heimat vieles verändert...mehr...





Experte für zeitgeschichtliche Dokumentationen: Michael Kloft
Lars Hinsenhofen

Experte für zeitgeschichtliche Dokumentationen: Michael Kloft

INTERVIEW


"Chaplin war der Herr im Studio"


Der Autor von "Der Tramp und der Diktator" über das farbenfrohe "Making of" eines Schwarz-Weiß-Films, den Perfektionisten Chaplin am Set und die Kraft des Lachens im Angesicht des Grauens.mehr...





Der Große Diktator - Daten zu Chaplins Filmklassiker
Jahr: 1940
Länge: 127 Minuten
Land: USA
Farbe: schwarz-weiß
Tonverfahren: Mono
Format: 35 mm (1.37:1)
Regie: Charles Chaplin
Drehbuch: Charles Chaplin
Kamera: Roland Totheroh, Karl Struss
Schnitt: Willard Nico
Musik: Charles Chaplin, Meredith Wilson
Ton: Percy Townsend, Glenn Rominger
Ausstattung: J. Russell Spencer
Produktion: Charles Chaplin für United Artists
Verleih: United Artists
Premiere in New York: 15. Oktober 1940
Premiere in Deutschland: 26. August 1958

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