Charlie Chaplin und der Führer: Heil Hynkel!

Von Urs Jenny

Neues über Chaplins "Großen Diktator": Eine von SPIEGEL TV co-produzierte Dokumentation, die auf der Berlinale uraufgeführt wird, überrascht mit farbigen Szenen.




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uf eine besondere kleine Ähnlichkeit zwischen Charlie Chaplin und Adolf Hitler ist in der britischen Zeitschrift "Spectator" in einem Artikel zu deren 50. Geburtstag im April 1939 (Charlie war vier Tage älter als Adolf) erstmals hingewiesen worden: Das gleiche schmale Schnäuzchen schmückte die Oberlippe des Slapstick-Tramps und des deutschen "Führers".

Filmszene aus "Der große Diktator": "Bester Dokumentarfilm über das Dritte Reich"
ARTE

Filmszene aus "Der große Diktator": "Bester Dokumentarfilm über das Dritte Reich"

Gemeinsam war den beiden auch die Herkunft aus drückend elenden Verhältnissen und wohl der rasende Ehrgeiz, dieses Elend weit, weit hinter sich zu lassen. Während aber der eine strahlend aufstieg und mit 30 Jahren bei weitem der bestbezahlte Schauspieler der Welt war, fand der andere sich nach dem Ersten Weltkrieg als gescheiterter Künstler tiefer als je in seine Misere zurückgestoßen. Ob er die bejubelten Burlesken je gesehen hat, in denen Chaplin sich über die armen Frontschweine mit den Pickelhauben und ihren Kaiser hermachte, ist nicht bekannt.

Zwanzig Jahre später hatte es Hitler auf seine Weise zu mindestens so großer Berühmtheit wie der Komödiant gebracht, und der war ­ was der Autor des Doppelgeburtstags-Artikels im "Spectator" wohl nicht ahnte ­ inzwischen fast ein wenig obsessiv damit beschäftigt, sich Führer-Wochenschauen anzusehen: Chaplin bereitete seinen Film "Der große Diktator" vor.

Wie brillant er seine Beobachtungen genutzt hat, führt eine neue, von SPIEGEL TV co-produzierte Dokumentation suggestiv vor Augen, die an diesem Donnerstag bei der Berlinale uraufgeführt und dann zweiteilig im Fernsehen gezeigt wird: "Der Tramp und der Diktator"*. Parallelmontagen, in denen Original-Hitler und Parodie (im Film "Hynkel" genannt) direkt nebeneinander treten, machen die Verwandlung der bellenden Führer-Rhetorik in Chaplins gutturale Stammel-Suada zu einer Lektion in Spitzenkomik, und in der Begegnung mit Mussolini (und dessen Film-Double Jack Oakie) wird auch der Körperkontrast so akrobatisch verschärft, dass plötzlich sogar ein Wochenschau-Auftritt als Slapsticknummer erscheint.

Den anderen überraschend neuen Blick auf den "Großen Diktator" liefern Szenen in Farbe, die der Filmhistoriker Michael Kloft der Vergessenheit im Chaplinschen Familienarchiv entrissen und zusammen mit dem britischen Chaplin-Spezialisten Kevin Brownlow zu dieser Dokumentation zusammengefügt hat. Sie verfolgt ­ teils durch historisches Bildmaterial, teils durch Interviews mit Zeitzeugen und Fachleuten ­ die biografischen Berührungspunkte zwischen Chaplin und Hitler und zeigt als Schlusspointe, heil in den Trümmern der Reichskanzlei, den großen Globus, der Chaplin zu einem der Höhepunkte seines Films inspirierte.

Das bisher unbekannte Farbmaterial, das Probenszenen zum "Großen Diktator" dokumentiert, hat Sydney Chaplin gedreht, der ältere Halbbruder, selbst auch Komiker, der als Beschützer und Förderer in Charlies Londoner Jugend eine zentrale Rolle gespielt und dann in den USA als Manager bis Ende der zwanziger Jahre an seiner Seite geblieben ist.

Anfang 1939 kam Sydney, der inzwischen in Frankreich lebte, wieder einmal zu Besuch nach Hollywood, fand sich von Charlie ohne Umschweife ins Produktionsteam des "Großen Diktators" integriert (wo auch ein anderer, jüngerer Halbbruder einen Assistentenjob bekommen hatte) und blieb in den USA, bis Charlie 1952 als politisch Verfolgter nach Europa zurückkehrte.

Einen Koffer voll farbiger Urlaubsfilme aus dem Nachlass von Sydney Chaplin hat Charlies Tochter Victoria, die ihr Leben sonst ganz ihrem Wanderzirkus widmet, vor Jahren im Keller der elterlichen Residenz am Genfer See entdeckt, wo auch der Onkel bis zu seinem Tod 1965 oft zu Besuch weilte, und das Material zum "Großen Diktator" an sich genommen, ohne dessen Wert zu erkennen.

Es ist eine Rarität, nicht nur, weil es farbig ist, sondern, weil der gefürchtete Kontroll-Freak und Perfektionist Chaplin, der in aller Regel nicht einmal einen Fotografen bei den Dreharbeiten duldete, beim "Großen Diktator" auf ganz besondere Geheimhaltung drängte. Die einzige Information zum Film, die er Anfang 1940 selbst an die Presse gab, erregte umso mehr Aufsehen: Die Uraufführung, so lautete sie, solle in Berlin stattfinden.

Die Dokumentation "Der Tramp und der Diktator" zeigt einerseits, wie die SA schon 1931 bei Chaplins Besuch in Berlin gegen ihn Krawall machte und wie pompös andererseits die amerikanischen Nazis bei ihrem Parteitag 1939 im New Yorker Madison Square Garden paradierten ­ kein Wunder, dass Chaplin mit seinem Projekt, als er es ankündigte, weder in Washington noch in Hollywood auf große Begeisterung stieß: Man wollte, solange es irgend ging, Hitler gegenüber alle Augen zudrücken.

Chaplin finanzierte den Film ­ wie üblich, weil er sich von niemandem reinreden lassen wollte ­ aus eigener Tasche: Fast 170 Drehtage ließ er sich die (für damalige Verhältnisse) enorme Summe von zwei Millionen Dollar kosten.

Die Dreharbeiten hatten am 9. September 1939 begonnen, eine Woche nach Kriegsausbruch, doch erst nach der Eroberung von Paris entstand im Juni 1940 die naiv-pathetische Schlussrede, und diese Kapitulation der Satire vor dem Schock der Realität tat dem Erfolg rund um die Welt keinen Abbruch.

Wenn das Gedächtnis eines Zeitzeugen nicht trügt, der in "Der Tramp und der Diktator" zu Wort kommt, ist 1942 eine in Griechenland beschlagnahmte "Diktator"-Kopie in Jugoslawien in einem Landserkino gezeigt worden.

Die Kopie in Berlin, die sich Goebbels natürlich zu beschaffen gewusst hatte, ist zweimal an die Reichskanzlei ausgeliehen worden ­ ob sich aber der kinosüchtige Führer selbst den Film angesehen hat, ist nicht bekannt. Albert Speer hat ihn später den "besten Dokumentarfilm über das Dritte Reich" genannt.


* 18. und 25. Februar, jeweils 23.15 Uhr auf Sat.1.

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