Chaplin-Dokumentation "Hervorragende Abrechnung mit Hitler"

Zusammen mit dem britischen Filmhistoriker Kevin Brownlow hat SPIEGEL TV-Autor Michael Kloft eine faszinierende Dokumentation über Charlie Chaplins Film "Der große Diktator" verfasst. Mit SPIEGEL ONLINE sprach er über das farbenfrohe "Making of" eines Schwarz-Weiß-Films, den Perfektionisten Chaplin am Set und die Kraft des Lachens im Angesicht des Grauens.


Verantwortlich für die zeitgeschichtlichen Beiträge bei SPIEGEL TV: Michael Kloft
Lars Hinsenhofen

Verantwortlich für die zeitgeschichtlichen Beiträge bei SPIEGEL TV: Michael Kloft

SPIEGEL ONLINE:

Wie lange haben Sie an "Der Tramp und der Diktator" gearbeitet?

Kloft: Von der Idee bis zum Werk, einschließlich aller Recherchen und Verhandlungen im Vorfeld, ungefähr zwei Jahre. Davon war ein Jahr reine Produktionszeit.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrer Dokumentation über Hitler und Chaplin verwenden Sie noch nie gezeigtes Farbfilmmaterial, das Charlie Chaplins Halbbruder Sydney bei den Dreharbeiten zu "The Great Dictator" aufgenommen hat. Wie kam der Kontakt zu den Chaplins zu Stande?

Kloft: Durch Zufall. Auf einer Archivkonferenz in Berlin lernte ich eine Vertreterin der Association Chaplin kennen, einer Organisation, die sich der Verwaltung von Charlie Chaplins künstlerischem Erbe widmet. Die Dame hat auf der Veranstaltung erstmals einen Teil des unbekannten Filmmaterials gezeigt - und ich war sofort wie elektrisiert. Wir haben uns dann in Paris getroffen, das Material gesichtet und erste Verhandlungen aufgenommen.

SPIEGEL ONLINE: Im "Großen Diktator" war Chaplin nicht nur Hauptdarsteller in einer Doppelrolle, sondern er schrieb auch das Buch und die Musik, führte Regie und produzierte den Film für United Artists. Es ist bekannt, dass er sich nicht nur bei Licht und Kamera einmischte, sondern außerdem Kostüm, Casting und sogar das Catering im Blick hatte. Als Begründung führt er einmal an, dass er den Glauben nicht abschütteln könne, dass keiner seiner Angestellten ebenso viel über das Filmemachen wisse wie er selbst.

Kloft: Chaplin war Perfektionist und konnte am Set sehr bestimmt sein - er war der Herr im Studio. Er hat exzessiv gedreht und Unmengen an Material angehäuft. Für eine Szene im "Großen Diktator" hat er sogar das Ghetto neu aufbauen lassen, obwohl eigentlich alles schon abgedreht war. Weil er alles selbst produziert hat, konnte er sich ein solches Arbeiten leisten, es war sein Geld.

SPIEGEL ONLINE: Zwei Jahre lang hat Chaplin sich auf den Film vorbereitet. Das Werk ist mit zwei Stunden und 15 Minuten nicht nur sein längster Film, sondern auch der teuerste: Mehr als zwei Millionen Dollar flossen in die Produktion. Gibt das farbige "Making of" neue Aufschlüsse über die Arbeitsweise Chaplins?

Kloft: Ich fürchte, es wirft mehr Fragen auf, als es beantworten kann. Es gibt Szenen bei den Dreharbeiten, die im Endprodukt nicht auftauchen und noch nicht einmal im Drehbuch beschrieben sind. Chaplin plante offenbar eine Schlussszene, in der die Soldaten des Diktators die Waffen niederlegen und einen Freudentanz aufführen. Diesen Ansatz hat er verworfen und dafür die berühmte Schlussrede des jüdischen Friseurs Charlie an das Ende gesetzt.

SPIEGEL ONLINE: Hat Chaplin mit dieser flammenden Rede, dem lauten Schrei eines kleinen Mannes nach Freiheit, Gleichheit und dem Kampf gegen Unterdrückung, Ihrer Meinung nach zu dick aufgetragen?

Kloft: Die Rede wurde kritisiert als zu pathetisch und übermäßig moralisch, ich halte sie aber für ein großes Dokument.

SPIEGEL ONLINE: Wie beurteilen Sie die historische Sicht Chaplins auf die Geschehnisse im Dritten Reich?

Kloft: Natürlich mutet seine Perspektive bisweilen naiv an, aber man darf nicht vergessen, dass er zum Zeitpunkt der Entstehung des Films bei weitem nicht alle grausamen Details der nationalsozialistischen Wirklichkeit kannte. Chaplin selbst hat später erklärt, dass, wenn er mehr gewusst hätte, er diesen Film niemals gedreht hätte. Für mich bleibt das Werk eine geniale Adaption - mit den Mitteln der satirischen Komödie entlarvt Chaplin auf brillante Art und Weise die Realität. Mögen die Szenen im Ghetto auch übertrieben harmlos wirken, es gibt genug Momente, welche die Gefahren und die Brutalität des Regimes durchaus eindringlich schildern.

SPIEGEL ONLINE: Am Beispiel von Roberto Benignis "Das Leben ist schön" haben wir gesehen, dass man sich dieser Vergangenheit mit etwas Mut auch auf komödiantische Art und Weise nähern kann. Chaplin glaubte, dass Lachen dabei helfen könne, "das böse Benehmen in der Welt aufzuhalten". Halten Sie Humor für eine wichtige Waffe im Angesicht des unfassbar Schrecklichen?

Kloft: Diese Frage thematisieren wir auch in unserer Dokumentation, und es gibt sehr unterschiedliche Meinungen dazu. Die Historikerin Gitta Sereny sagt, man dürfe das Leiden nicht verkleinern, indem man es als Komödie inszeniert. Der amerikanische Schriftsteller Ray Bradbury hingegen ist davon überzeugt, dass nur das Lachen hilft, weil man die Täter damit besser entlarven kann. Ich stimme ihm zu und halte Chaplins Film in dieser Hinsicht für eine ganz hervorragende Abrechnung mit Hitler.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Hitler zur Lachnummer gerät, wird er aber auch menschlich und gegebenenfalls sogar bemitleidenswert.

Kloft: Allein die brachiale Phantasiesprache verkörpert die Radikalität des Diktators so eindrucksvoll, dass diese Gefahr meines Erachtens nicht entsteht. Auf die Idee muss man erst mal kommen: eine Sprache so zu imitieren, dass man versteht, worum es geht, und dabei eigentlich gar nichts versteht. Das ist der Figur absolut angemessen und illustriert ihre gefährliche und bösartige Seite perfekt.

SPIEGEL ONLINE: Ein virtuoser Umgang mit Sprache - umso beeindruckender, als es Chaplins erster Tonfilm war.

Kloft: Das ist einfach genial: Er macht seinen ersten Tonfilm und entwickelt im selben Moment etwas, was vorher noch keiner gemacht hat.

SPIEGEL ONLINE: Bei allem Respekt vor den diametralen Gegensätzen - welche Parallelen sehen Sie zwischen Hitler und Chaplin?

Kloft: Beide kamen aus ärmlichen Verhältnissen und sind ursprünglich angetreten, Künstler zu werden. Bei Hitler mangelte es offensichtlich am Talent, aber es bleibt die Tatsache, dass sowohl der seinerzeit meistgeliebte als auch der meistgehasste Mann der Welt gestalten wollten und sich dabei unbedingt durchgesetzt haben. Ich glaube die Parallele liegt darin, dass beide eine relativ klare Vision von ihrem eigenen Lebenswerk hatten.

SPIEGEL ONLINE: Antikommunistische und germanophile Kräfte in den Vereinigten Staaten waren von der Produktion des "Großen Diktators" nicht eben begeistert. Es gab Stimmen, die den Film wegen angeblich kriegshetzerischer Tendenzen am liebsten verboten gesehen hätten. Wie hat sich Chaplin in dieser Situation verhalten?

Kloft: Es war sicherlich kein Zufall, dass die Premiere am 15. Oktober 1940 nicht in Los Angeles, sondern in New York stattfand. Chaplin fürchtete Proteste. Auch war er während der Vorbereitungen und später am Set sehr vorsichtig - das Projekt unterlag einer Art Geheimhaltung. Langfristig musst er sich aber keine Sorgen machen, denn der Film war sein größter kommerzieller Erfolg. Zudem hat ein Interview mit Chaplins damaligem Regieassistenten aus den achtziger Jahren bestätigt, dass Roosevelt selbst seinen Berater Harry Hopkins nach Los Angeles geschickt hat, um Chaplin zu versichern, dass der Präsident wolle, dass er den "Großen Diktator" macht. Chaplin hätte es nicht riskiert, einen Film zu machen, der Gefahr läuft, verboten zu werden.

Das Interview führte Annette Langer



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