Gewaltverbrechen Ein tückisches Virus

SPIEGEL-Redakteur Bruno Schrep über die Angst der Bürger von Eickelborn


Für die graue, unscheinbare Ortschaft Eickelborn bei Lippstadt sollte 1994 ein besonderes Jahr werden. Erstmals beteiligte sich der Ort am Wettbewerb "Unser Dorf soll schöner werden".

Prompt gelang ein Erfolg: Für ihre vorbildlich gepflegten Hecken und Sträucher, die Zierde des Ortes, bekamen die Eickelborner einen Sonderpreis.

Inzwischen stehen von vielen preisgekrönten Gewächsen nur noch die Stümpfe. Mit Äxten haben Gemeindearbeiter zahlreiche der jahrelang hochgepäppelten Buchen- und Haselnußsträucher abgehackt, vor allem an Bolzplätzen, Wiesen und Kinderspielplätzen. Wo Büsche übersehen wurden, rückten Bürger mit Sägen an.

In Eickelborn soll sich niemand hinter einer Hecke verstecken können.

Die 2400 Einwohner wollen genau sehen, wer über Straßen und Wege geht, an ihren Häusern vorbeikommt, an Haltestellen stehenbleibt. Jeder Fremde wird mißtrauisch beobachtet, auch manche Einheimische sind kontrollierenden Blicken ausgesetzt.

"Wir haben hier so harmonisch gelebt", klagt Ortsvorsteher Franz Straube. "Das ist für immer vorbei." Seit dem 22. September 1994 herrscht im Dorf ein Klima der Angst. An diesem Tag wurde die siebenjährige Anna-Maria Eberth getötet.

Das Mädchen starb in einem Waldstück unweit seines Elternhauses. Anna-Maria wurde auf dem Weg zum nahe gelegenen Tennisplatz abgefangen, ins Unterholz gezerrt, gefesselt, vergewaltigt, mit einem Stilett erstochen.

Der Täter, der 24jährige Dirk Sklarzik, kam mitten aus dem Dorf - und doch vom Rand der Gesellschaft: Er war Patient der Forensischen Klinik, einer medizinischen Einrichtung, deren Gebäude im Zentrum von Eickelborn stehen.

Dort werden rund 300 Menschen behandelt, die schwere Verbrechen verübt haben, ohne im juristischen Sinne verantwortlich zu sein. Ärzte und Gerichte haben festgestellt, daß sie nicht schuldig sind, sondern krank. In der Klinik leben Mütter, die ihre Kinder töteten, Söhne, die ihren Eltern das Leben nahmen, Männer, deren Sexualität von gräßlichen Gewaltphantasien stimuliert wird.

Die Kranken werden durch hohe Metallzäune, die mit Stacheldraht gespickt sind, von den Bürgern getrennt. Einige bleiben für immer eingesperrt, gelangen nie mehr nach draußen. Für andere ist die Grenze durchlässig.

Um Patienten mit Besserungschancen wieder an die Freiheit zu gewöhnen, wird befristeter Ausgang gewährt: zunächst mit einem Pfleger, dann mit einer Gruppe anderer Kranker, schließlich nur mit einem Patienten, irgendwann allein.

Daß auch Dirk Sklarzik ohne Aufsicht nach draußen durfte, begreift im Dorf niemand. Weil er schon als Jugendlicher zwei Mädchen sexuell mißbrauchte, bei einem weiteren Übergriff das Opfer beinahe umbrachte, lebt Sklarzik schon seit seinem 17. Lebensjahr hinter dem Stacheldraht von Eickelborn.

Opfer war der Täter nach Überzeugung der Ärzte ursprünglich selber: Seine schwere Persönlichkeitsstörung führen die Mediziner auf einen Hirnschaden zurück, den er als Kleinkind bei einem Autounfall erlitten hatte.

Die Wut in Eickelborn richtet sich deshalb vor allem gegen Ärzte und Psychologen, die den Patienten nach jahrelanger psychotherapeutischer Behandlung als gebessert einstuften, seine fortdauernde Gefährlichkeit nicht erkannten. Es war die zweite tragische Fehleinschätzung innerhalb von vier Jahren.

Schon einmal, im Oktober 1990, wurde ein Mädchen aus der Umgebung von einem Klinikpatienten aus Eickelborn getötet. Der Mann vergewaltigte die 13jährige Sandra Einhoff und erschlug sie anschließend mit einem Holzscheit - er hatte ebenfalls Ausgang auf Bewährung.

"Unsere Kinder sind die Versuchskaninchen der Klinik", behauptet Jutta Schmidt, selbst zweifache Mutter. Ihre Tochter war mit Anna-Maria befreundet, die Familien kennen sich gut.

Die Hausfrau hat eine bitterböse Rechnung aufgemacht: "Wenn ein Patient beim Freigang nicht auffällt, wird er als geheilt entlassen. Bringt er eines unserer Kinder um, bleibt er weiter eingesperrt."

Aus Furcht vor neuen Gewalttaten werden die Kinder von Eickelborn fast total überwacht. Kein Kind darf mehr allein zum Spielplatz. Wenn es dunkel wird, müssen selbst die Älteren sofort nach Hause.

"Wenn mein Sohn morgens auf den Schulbus wartet, muß ich mich danebenstellen", klagt Ulrich Glarmin, "das gibt es sonst nirgendwo in Deutschland." Obwohl der Familienvater aus Eickelborn stammt, möchte er am liebsten ganz weit weg ziehen. Das kann er sich jedoch nicht leisten: "Meinen Sie, wir kriegen unser Haus los?"

Seit der zweiten Kindestötung sind die Einwohner an ihr Dorf gefesselt. Weil kein Auswärtiger nach Eickelborn umsiedeln möchte, stürzten die Grundstückspreise um mehr als 30 Prozent ab.

  • 1. Teil: Ein tückisches Virus
  • 2. Teil


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