Gewaltverbrecher in der forensischen Psychiatrie "Scheinheilige Diskussion"

Sabine Dietz, 37, ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapeutin. Seit drei Jahren arbeitet sie mit zum Teil schwer persönlichkeitsgestörten Straftätern in der forensischen Klinik Eickelborn. Mit SPIEGEL ONINE sprach sie über Therapieverweigerer, unvermeidliche Restrisiken und die traumatischen Folgen der Bluttaten von Eickelborn.


Rückfällige Straftäter in Eickelborn : "Massive Traumatisierung der Mitarbeiter und Patienten"
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Rückfällige Straftäter in Eickelborn : "Massive Traumatisierung der Mitarbeiter und Patienten"

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Die Kardinalziele im Maßregelvollzug heißen Besserung und Sicherung. Wie kann ein Straftäter, der wegen verminderter oder kompletter Schuldunfähigkeit zu Ihnen kommt, ein Bewusstsein für seine Tat und die Folgen entwickeln, wo ihm doch gerade das im Gerichtssaal abgesprochen wurde?

Dietz: Man muss unterscheiden zwischen der so genannten Einsichtfähigkeit in das Unrecht der Tat und der Steuerungsfähigkeit. Einige Täter erkennen zwar, dass sie gegen Gesetze verstoßen, sie können diese Erkenntnis jedoch nicht zur Grundlage ihres Handelns machen, weil es ihnen an Kontrollmechanismen fehlt. Wenn beide Kriterien durch die Krankheit aufgehoben sind, besteht Schuldunfähigkeit - bei deutlicher Verminderung spricht man von verminderter Schuldfähigkeit.

SPIEGEL ONLINE: Neben den so genannten Intelligenzgeminderten Straftäter, leiden viele Ihrer Patienten unter schweren Psychosen oder massiven Persönlichkeitsstörungen. Welche Therapieformen praktizieren Sie in Eickelborn?

Dietz: Wir behandeln zum einen die Grunderkrankung, zum anderen aber auch deliktspezifisch, indem wir zum Beispiel Therapiegruppen für Sexualstraftäter bilden. Viele Patienten müssen medikamentös behandelt werden. In der Verhaltens- und Gruppentherapie werden Situationen durchgespielt, in denen sich die Patienten gekränkt, machtlos oder zurückgesetzt fühlten. Wir wollen damit ein Bewusstsein für die Auslöser schaffen, das Selbstwertgefühl stärken und Handlungsalternativen aufzeigen. Fast alle Patienten sind in einem Umfeld groß geworden, das durch Gewalt geprägt war. Es ist unsere Aufgabe, durch soziales Kompetenztraining und schulische Förderung neue Wege aufzeigen, um den Kreislauf von erlittener und praktizierter Gewalt zu brechen.

SPIEGEL ONLINE: Und doch sind etwa zehn Prozent der Straftäter im Maßregelvollzug mit solchen Therapieansätzen nicht zu erreichen.

Dietz: Das stimmt. Es gibt eine gewisse Untergruppe von Patienten, die so schwer gestört sind, dass wir für sie im Moment keine Behandlungsschemata haben. Auch für bestimmte Formen sexueller Perversion gibt es nach dem heutigen wissenschaftlich-medizinischen Stand keine Therapie. Jemand, der eine massive Form von sexuellem Sadismus zeigt - und das eventuell noch verknüpft mit einem Tötungsdelikt - hat kaum eine Chance auf Entlassung aus dem Maßregelvollzug. In solchen Fällen gehen wir keine Risiken ein.

SPIEGEL ONLINE: Die Patienten haben das Recht, eine Therapie zu verweigern. Wie viele der Insassen von Eickelborn nutzen diese Möglichkeit?

Dietz: Das kommt auf den Zeitpunkt an. Während der Eingangsbehandlung ist sicherlich mehr Motivation von Seiten der psychotherapeutischen Betreuer und Mediziner nötig. Auch die Wahl des Therapeuten ist wichtig, weil der Patient für eine erfolgreiche Behandlung Vertrauen zu seinem Arzt haben muss. Insgesamt schätze ich die Zahl der Verweigerer auf etwa zehn Prozent.



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