"Starlight Express" Wettrennen der singenden Lokomotiven

Es ist eine von Laserlicht durchflutete Super-Show im Stil moderner Unterhaltungs-Tempel, es mischt das zwerchfellerschütternde Wummern der Diskothek mit dem Kitzel von Autorennen. In Bochum schützen Plexiglaswände die Zuschauer vor Entgleisungen der Rollschuhläufer, die mit 60 Sachen durchs Theater fegen.


Nachdem der "Starlight Express" des britischen Komponisten Andrew Lloyd Webber in New York und London große Erfolge gefeiert hatte, entstand 1988 in Bochum der Schauplatz für die deutsche Version des Musicals. In einem eigens errichteten maßgeschneiderten Bau für 24,5 Millionen Mark wird seither an sechs Tagen in der Woche ein Hightech-Spektakel aufgeführt, das nicht von Menschen, sondern von Lokomotiven und Waggons erzählt.

Menschen als Eisenrösser: Mit 60 Sachen durch Theater
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Menschen als Eisenrösser: Mit 60 Sachen durch Theater

Die eigentliche Story ist simpel - sie handelt von einem Wettrennen um den Titel der schnellsten Eisenbahn der Welt. Die kleine Dampflok "Rosty" muss sich durchsetzen gegen die Champions der Moderne, gegen den protzigen Diesel "Greaseball", einen Rocker im Elvis-Look mit Penis- und Knieschutz, und den schnittigen Elektroflitzer "Electra", eine bisexuelle Zugmaschine im Glitzer-Punk-Kostüm ("Gleichstrom oder Wechselstrom, mir ist beides recht").

Den männlichen Zugmaschinen folgen weibliche Anhänger, mal Speise-, mal Liegewagen, die sich nach herrischen Lok-Rufen an die Kraftkerle anhängen und singen dürfen, "er pfiff mir nach, woo woo" - was dem "Highspeed-Musical" im US-Nachrichtenmagazin "Newsweek" den Vorwurf einbrachte, bei allem Spaß an temporeichen Schauwerten, "mehr als nur ein bisschen sexistisch" zu sein.

"Rosty" wird gehänselt und verspottet, aber im Finale gewinnt er auf wundersame Weise den Glauben an die eigene Kraft zurück und siegt über "Greaseball" und "Electra".

"Starlight Express" in London: Erfolgreichste Musical-Produktion
DPA

"Starlight Express" in London: Erfolgreichste Musical-Produktion

Die antiquierte Under-Lok "Rosty" siegt nach einer visionären Begegnung. Die Bühne verdunkelt sich, ein fulminanter Sternenhimmel leuchtet auf, und übers Firmament rauscht unsichtbar und allgegenwärtig im großen Herzen der Maschinen jener himmlische Sternenzug "Starlight Express", der für Lokomotiven und Wägelchen der Heiland und Erlöser ist.

Was da über die Bühne rollt und flitzt und pfeift, ist aber nicht wirklich aus Stahl: Schauspieler auf Rollschuhen, gekleidet wie Rocker oder Ritter, japanische Samurai oder teutonische Kämpfer, donnern halsbrecherisch über Achterbahnen, quer durchs Theater, hoch hinauf auf den Rang. Wenn die menschlichen Rollschuh-Loks mit Geschwindigkeiten von bis zu 60 Stundenkilometern auf zwei Skate-Bahnen durch die Zuschauerreihen (die untere ist 35 Meter lang, die obere 75 Meter) fegen, werden im Rang eigens Schutzwände ausgefahren. Riesenleinwände bieten eine Direktübertragung des Rennens, wenn es über drei Ebenen, über Brücken und durch Tunnel geht - tote Winkel gibt es nicht.

Von den Mitwirkenden, großteils Amerikaner und Engländer, wird einiges abverlangt. In speziellen "Phonetik-Kursen" wird ihnen beigebracht, den deutschen Text korrekt auszusprechen. Die körperliche und Stress-Belastung ist enorm. Trotz Doppelbesetzung der Rollen ist eine Crew nach ungefähr zwei Jahren verbraucht und muss ausgewechselt werden.

Der nostalgisch-verklärende Blick zurück zum Dampf wird durch den Einsatz raffiniertester technischer Mittel eröffnet: Vom computergesteuerten Synthesizer bis zur fulminanten Light-Show und einem funkelnden Sternenhimmel ist alles dabei, was moderne Technologie zu bieten hat. Musikalisch begleitet wird das Spektakel von einem Mix aus Country- und Western-Melodien, Rock'n'Roll, Blues- und Gospel-Balladen und Boogie-Attacken.

Einweihung einer neuen Skate-Bahn: Rennen zwischen Claudia Pechstein und Diesel-Lok "Greaseball"
DPA

Einweihung einer neuen Skate-Bahn: Rennen zwischen Claudia Pechstein und Diesel-Lok "Greaseball"

Als das "Starlight Express Theater" im Juni 1988 zum ersten Mal seine Pforten öffnete, war Produzent Friedrich Kurz im Begriff, die deutsche Theaterlandschaft zu revolutionieren: Seine Musicals betrieb er als Kapitalanlage für finanzkräftige Investoren. Das Bochumer Eisenbahnspektakel - für ein Millionenpublikum produziert und mit einem beispiellosem Werbe- und Publicity-Aufwand ins öffentliche Bewusstsein gerückt - macht Tanz, Musik und Schauspiel zum Multimedia-Erlebnis im Stil der Kino-Großindustrie.

Das Konzept schien aufzugehen: Das Publikum war begeistert, die Shows lange im voraus ausverkauft. Doch in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre ebbte der Musical-Boom ab. Der Stella-Konzern, Betreiber der Rollschuh-Show, ging in die Insolvenz. Mit ihrem Entschluss, 14 Tage umsonst zu spielen, konnte die Belegschaft das Eisenbahn-Spektakel aber retten. Mit über 8,8 Millionen Zuschauern ist "Starlight Express" das zurzeit meistbesuchte Musical der Welt, noch vor den Hits am New Yorker Broadway (Das Phantom der Oper", 8,7 Millionen Gäste seit 1988) und im Londoner Westend ("Les Misérables", 8,5 Millionen seit 1985).



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