Der Soldatenfriedhof von Rossoschka: Letzte Ruhestätte in der Steppe

Das Dorf Rossoschka liegt etwa 37 Kilometer nordwestlich des ehemaligen Stalingrad und befand sich im Spätherbst 1942 mitten in jenem Kessel, in dem Deutschlands 6. Armee unter Generalmajor Friedrich Paulus ihrem Ende entgegen ging.

1999: Einweihung der Kriegsgräberstätte Rossoschka bei Wolgograd
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1999: Einweihung der Kriegsgräberstätte Rossoschka bei Wolgograd

Als die Entscheidungsschlacht begann, lebten in Rossoschka mehr als 2000 Menschen, darunter etwa 500 Kinder - nach den erbitterten Kämpfen war der Ort komplett verwüstet. Erst in den fünfziger Jahren begannen die Sowjets zögerlich mit dem Wiederaufbau. Ein 1992 vereinbarter Staatsvertrag zwischen Deutschland und Russland ermöglichte der deutschen Kriegsgräberfürsorge die Exhumierung von mehr als einhunderttausend Soldaten. Bis heute stießen die Mitarbeiter des Umbettungsdienstes im Raum Wolgograd an etwa 100 Orten auf 37.000 deutsche Gefallene.

Weil die russische Regierung dem Bau eines deutschen Soldatenfriedhofs nur unter der Bedingung zustimmen wollte, dass auch ein russischer entstehe, investierten die deutschen Kriegsgräberpfleger auch in den Ausbau einer Grabstätte für 3000 sowjetische Gefallene. Projektleiter des Volksbundes deutsche Kriegsgräberfürsorge war Matthias Gurski, der nach Überwindung diverser bürokratischer sowie politischer Differenzen im Jahr 1998 seine Arbeit für abgeschlossen erklären konnte - im Frühsommer 1999 fand die lang erwartete Einweihung statt.

Der Kasseler Architekt Jürgen von Reuß wollte mit seinem Entwurf der Friedhofsanlage sowohl der weiten russischen Steppenlandschaft Rechnung tragen als auch der historischen Bedeutung des Ortes gerecht werden. Der Friedhof ist in zwei Grabfelder aufgeteilt und erstreckt sich über eine Fläche von knapp sechs Hektar. Ein gepflasterter Weg führt den Besucher auf einen zentralen Gedenkplatz mit einem Hochkreuz aus Metall. Rund um den kreisförmig angelegten Friedhof verläuft eine 470 Meter lange Ringmauer aus Granitblöcken, die in Zukunft die Namen aller Gefallenen und Vermissten tragen soll. Schon jetzt sind hier 12.200 von insgesamt 150.000 Namen auf Steintafeln verewigt.

Schädel- und Knochenfunde sind in der Gegend um das heutige Wolgograd keine Seltenheit
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Auf einem der beiden Felder hatte die Wehrmacht bereits vom September 1942 bis Januar 1943 etwa 1000 Gefallene beerdigt. Hinzu kamen die Gebeine von 600 Deutschen, die man nach der Schlacht in Kellern, Unterständen, Verbindungsgängen und Granattrichtern fand. Auf dem gesamten Areal sind bereits 37.000 Menschen bestattet - nach Abschluss der Umbettungsarbeiten sollen bis zu 50.000 Menschen hier ihre letzte Ruhestätte gefunden haben.

Die Zahl der Exhumierten ist dabei nicht endgültig, denn noch immer werden Leichen gefunden und nach Rossoschka gebracht - nicht zuletzt, weil geschäftstüchtige Militaria-Händler bei ihren Ausgrabungen neben den begehrten Waffen, Orden oder Stahlhelmen auch nach Gold aus den Zahnprothesen der Toten suchen.

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