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Interview mit Lärmexperten: "Der Belästigung hilflos ausgeliefert"

August Schick ist Psychologie- Professor an der Universität Oldenburg und seit 28 Jahren in der Lärmforschung tätig. Mit SPIEGEL ONLINE sprach er über vibrierende Deutsche, in der Lärmlast vereinte Europäer und Kinder, die sich nur noch per Kopfhörer vor Krach schützen können.

Interessante Forschungsergebnisse: In einer ruhigen Umgebung werden Kinder automatisch stiller
GMS

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SPIEGEL ONLINE:

Wie kann man Lärm überhaupt messen?

August Schick: Lärm kann man nur subjektiv messen, das heißt man muss sich auf die Wahrnehmungs- und Urteilsfähigkeit von Menschen verlassen. Die ist in der Regel allerdings besser, als man denkt. Viele von uns können die Lautstärke eines Geräusches durchaus angemessen einordnen und differenzieren.

SPIEGEL ONLINE: Und doch gibt es sehr unterschiedliche Auffassungen darüber, ob ein Geräusch als Belästigung empfunden wird oder nicht. Das führt immer wieder zu rechtlichen Auseinandersetzungen mit Nachbarn, Verkehrsbetrieben oder Bauherren.

Schick: Das ist richtig. Lärm- oder Schallempfindlichkeit hängt eben auch von biologischen, sozio-kulturellen und individuellen Faktoren ab.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann die Wissenschaft in einer solchen Grauzone greifbare Kategorien schaffen?

Schick: Im Bereich der Schallwirkungsforschung existieren bereits subjektive Skalen, die man international vergleichbar anwenden kann. Innerhalb der EU bemüht man sich redlich, solche Standards zu schaffen. Durch die Globalisierung und den intensiven Austausch von Produkten müssen sich die Mitgliedsstaaten auch zwangsläufig auf vergleichbare Verfahren und Normen einigen. Ich finde es erstaunlich, was in diesem Bereich bereits geleistet wurde.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie von dem Phänomen der so genannten Brummtöne, tieffrequenten Tönen, die bestimmte Menschen zum Wahnsinn treiben?

Schick: Ich weiß, dass die Kollegen von der HNO-Klinik Tübingen sich damit beschäftigt haben, vermutlich, weil gerade in Baden- Württemberg am häufigsten darüber geklagt wird. Ich habe allerdings bisher nirgends eine schlüssige Erklärung für ein solches Krankheitsbild gefunden.

SPIEGEL ONLINE: Haben die Brummton- Geplagten also einfach Pech, weil das Phänomen noch nicht erforscht ist, oder handelt es sich dabei um Hysteriker, wie einige Forscher vermuten?

Schick: Natürlich kann man nicht von Anfang an sagen, dass es so etwas nicht gibt. Interessanter und drängender finde ich allerdings das Phänomen der tieffrequenten Vibrationen, das zum Beispiel bei Anwohnern von Bahnstrecken zu Vibrationsgefühlen am ganzen Körper führt und sehr lästig ist, obgleich es mit lauten Tönen nichts zu tun hat. Obwohl die Betroffenen sehr darunter leiden, unterschätzen sie häufig die langfristigen Auswirkungen dieses Symptoms.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann man Kinder schützen, die sich naturgemäß schwer gegen Lärmeinflüsse wehren können?

Lärmexperte Schick: Lernschwächen durch Schulräume mit Schwimmbadakustik
A. Schick

Lärmexperte Schick: Lernschwächen durch Schulräume mit Schwimmbadakustik

Schick: Untersuchungen haben gezeigt, dass Kinder in der Schule dem größten Lärm ausgesetzt sind. Und genau dort müssen die Verantwortlichen sie auch schützen, indem sie für eine sinnvolle und physikalisch richtige Raumakustik sorgen. In einigen Kindergärten müsste der Nachwuchs erwiesenermaßen einen Gehörschutz tragen, weil dort eine Lärmbelastung von über 85 Dezibel gemessen wurde. Das sind Werte, die von den Entscheidungsträgern vehement verdrängt werden. So sind wir bei einer Bestandsaufnahme in Hamburg auf Ablehnung gestoßen, weil die Schulbehörde schon genug mit der Sanierung von Fassaden und Dächern zu tun hat und bei dem bloßen Gedanken an zusätzliche Kosten abwinkt.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es bereits Empfehlungen an Architekten und Ingenieure um wenigstens im Vorfeld an die Gesundheit der Kleinen zu denken?

Schick: Ähnlich wie für Behinderte werden auch hier bereits Normen entwickelt. Und es geht ja nicht nur um die gesundheitliche Belastung. Viele Kinder haben im Winter Mittelohrentzündung, was dazu führt, dass sie dem Unterricht - zum Beispiel beim Lesen und Hörverständnistests - nur beschränkt folgen können. Eine gute Akustik ist immens wichtig für die Sprachverständlichkeit. In München sind wir auf einen Schulraum gestoßen, der eine Nachhallzeit wie ein kleines Schwimmbad hatte - wenn Lehrer da unterrichten, sind sie einem unerhörten Stress ausgesetzt. Eine Tatsache, die wir auch in Umfragen unter Pädagogen bestätigt sehen.

SPIEGEL ONLINE: Jugendliche geben in anders lautenden Umfragen an, Lärm gegenüber unempfindlicher als Erwachsene zu sein. Eine Fehleinschätzung der eigenen Belastbarkeit?

Schick: Sie würden sich wundern: Es gibt Jugendliche, die sich massiv gegen Lärm an Schulen zur Wehr setzen. Sobald ein Raum saniert ist, stellt sich zudem ein für Lehrer wie Schüler angenehmer Effekt ein: Durch die neue Raumakustik sinkt nicht nur der Lautstärkepegel um fünf Dezibel, sondern die Kinder selbst werden um noch einmal fünf Dezibel leiser.

SPIEGEL ONLINE: Wo sollte die Politik intervenieren und wo reicht Ihrer Meinung nach die Verantwortlichkeit von Bürgern und Unternehmern?

Schick: Bei Flug- und Verkehrslärm muss die Politik unbedingt eingreifen. Ich glaube, es wäre sinnvoll, wenn Trittin sein neues Fluglärmgesetz durchbrächte - er hat seit Jahren mit Widerstand zu kämpfen. Der Verkehrslärm ist ein Riesenproblem in vielen Ländern Europas - allein in Deutschland sind 15 Prozent der Bürger einem Verkehrslärm von über 65 Dezibel ausgesetzt. Eine chronische Belastung in diesem Umfang ist ohne jeden Zweifel gesundheitsschädigend.

SPIEGEL ONLINE: Was ist langfristig gefährlicher - eine akustische Dauerbelastung über der Norm oder periodisch erlittene extrem laute Geräusche?

Schick: Das ist schwer zu vergleichen. Der Mensch hat sicherlich die Fähigkeit, sich subjektiv an Geräusche zu gewöhnen. Bestimmte körperliche Funktionen assimilieren allerdings nicht. Nehmen sie den Schlaf: Auch unter großer Lärmbelastung schlafen die Betroffenen, aber sie schlafen generell leichter und schlechter, nehmen das jedoch irgendwann nicht mehr wahr. Ich vermute, dass eine chronische Belastung im Allgemeinen schlimmer ist. Viele Anwohner des Frankfurter Flughafens haben Einschlafschwierigkeiten, weil jede Viertelstunde ein Flugzeug über sie hinwegdonnert. Diese Menschen fühlen sich zudem der Belästigung hilflos ausgeliefert, das raubt auch langfristig eine Menge Energie.

Das Interview führte Annette Langer

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