Europa am Abgrund (2): Italien in der Krise: Ciao bella ciao...

Europas Süden steckt tief in den Schulden. Die Krise ist seit Monaten Dauerthema in den Konferenzsälen der Mächtigen. Auf den Straßen in Griechenland, Italien und Spanien entlädt sich die Wut der kleinen Leute. In den Wohnzimmern der Menschen und in den Betrieben wächst die Sorge um die eigene Existenz.

Sendetermin: Montag, 14.01.2013, 23.00 - 23.30 Uhr, Sat.1

Wer trägt die Verantwortung für Schulden, Arbeitslosigkeit, Korruption und Chaos? Was nützen die Reformen? Wie geht es den Menschen in der Stadt und auf dem Land? Gibt es noch Hoffnung?

Fragen, die sich wie ein roter Faden durch die ersten drei Folgen der SPIEGEL TV Reportage im Jahr 2013 ziehen. Exklusiv für SPIEGEL TV sind Emigranten aus Griechenland, Italien und Spanien, die schon lange in Deutschland leben, zurückgekehrt in ihre alte Heimat.

Sie schildern die Krise aus der Perspektive der Betroffenen.

Italien, die drittgrößte Volkswirtschaft der Europäischen Union, hat 2 Billionen Euro Schulden, nur in Griechenland ist die Schuldenlast höher. Die Arbeitslosigkeit: auf dem höchsten Stand seit acht Jahren: 10,8 Prozent. Jeder vierte Italiener lebt an der Armutsgrenze. Etta Scollo, Sängerin mit italienischen Wurzeln und Wohnsitz Berlin, ist in ihr Heimatland gereist, auf der Suche nach Symptomen und Ursachen der italienischen Krankheit. Ein Team von SPIEGEL TV hat sie begleitet.

"Kein Wunder, dass so viele Menschen aus Italien auswandern wollen"

Seit 15 Jahren lebt die gebürtige Sizilianerin Etta Scollo in Deutschland. Ihre Heimat sieht sie, zum Teil jedenfalls, mit fremden Augen. Europa ist daheim in Sizilien, so scheint es ihr, auch heute noch ein Fremdwort. Ihre drei Cousins, Landwirte in der dritten Generation, fühlen sich schlicht "vergessen", sagen sie ihr. Von der eigenen Arbeit können sie fast nicht mehr leben. Ihr Freund Leoluca Orlando, Bürgermeister von Palermo, braucht seit jeher Personenschutz. Vier bewaffnete Männer begleiten ihn im Dienst und privat. In diesen Monaten kämpft Orlando nicht nur gegen die Mafia, sondern auch gegen einen riesigen Schuldenberg. Erste städtische Firmen musste er schon schließen. Seitdem werden Friedhöfe und Parks nicht mehr gepflegt und Behindertentransporte sind ausgesetzt. Etta Scollo findet auf der Insel gigantische Bauruinen, Millionen teure, traurige Wahrzeichen jahrzehntelanger Korruption.

"Ich liebe mein Land", sagt sie. "Aber ich bin auch froh, dass ich die Probleme, mit denen meine Familie und meine Freunde hier kämpfen müssen, in Berlin nicht habe. Kein Wunder, dass so viele Menschen aus Italien nach Deutschland auswandern wollen".

Es gibt in der ganzen Region keine Arbeit mehr

Fassungslos steht sie im italienischen Parlament in Rom, der größten und teuersten Volksvertretung der Welt. Das Filmen der eigentlich öffentlichen Sitzungen wird zur Farce, von vier fest vereinbarten Terminen mit Parlamentariern wird gerade mal einer eingehalten. Etta Scollo wundert sich nach dieser persönlichen Erfahrung über nichts mehr: Seit Monaten stockt die Wahlrechtsreform, stockt das Antikorruptionsgesetz, stocken die Sparbeschlüsse zu den Abgeordnetenvergütungen.

Traurig findet sie ihren Besuch in Turin, der Autostadt Italiens. Früher hat sie selbst hier bei Fiat gearbeitet, anderthalb Jahre lang, als Studentin. Heute sind 14.000 Fiat-Arbeiter allein an diesem Ort auf Kurzarbeit null. Im Stammsitz der Firma wurde im Monat Oktober nur an drei Tagen Autos gebaut. Für die Menschen ist die Situation ausweglos, es gibt in der ganzen Region keine Arbeit mehr. "Man raubt ihnen nach über 30 Jahren am Fließband ihre Identität", sagt Etta Scollo.

Bei einem Besuch am Stammsitz des Südtirolers und Nord-Italieners Reinhold Messner auf Schloss Sigmundskron in Bozen verteidigt Etta Scollo ihre Herkunftsregion: "Die normalen Menschen können doch nichts für Mafia und Korruption". Messner: "Unser schuldenfreies Südtirol kann den armen Süden nicht mit durchschleppen". Die Bergsteigerlegende saß einmal für die Grünen im Europaparlament. Messner sagt auch. "Es gibt keine Alternative zu Europa als Ganzes. Wir müssen nur allesamt wieder mehr arbeiten".

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