Von Annette Langer

Manche Mütter quälen ihre Kinder auch während des Krankenhausaufenthaltes weiter
Was treibt die Mütter dazu, sich so grausam an ihren Kindern zu vergehen? Auffallend ist, dass die Täterinnen auch bei bewiesenem Missbrauch ihre Schuld vehement leugnen. Weil die aggressive Schädigung des Kindes fast immer einhergeht mit einer gleichzeitig nach außen demonstrierten Freundlichkeit und Besorgtheit, muss man davon ausgehen, dass hier Gefühle massiv abgespalten werden - zwei sich wiedersprechende seelische Zustände existieren parallel, weil sie keinerlei Bezug zueinander haben.
Die Mütter haben in der Regel kein Bewusstsein über die Schwere ihren eigenen Krankheit und sind daher auch für Therapien so gut wie nicht zugänglich. Die Kindesmisshandlung ist immer gefolgt von Verleugnung und Verdrängung. Rund zehn Prozent der Frauen schädigt sich selbst heimlich, die meisten Münchhausen-Patientinnen wurden in ihrer Kindheit selbst physisch und psychisch missbraucht.
Durch die Mitaufnahme in die Klinik scheinen die Frauen ihre Sehnsucht nach pflegerischer und ärztlicher Zuwendung stillen zu können, die dem Missbrauch folgende Pflege der Kinder steigert das Selbstwertgefühl.
Die Beziehung zwischen Mutter und Kind ist beim Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom immer sehr eng. Die Frauen erleben das Kind als Teil ihrer selbst und beschädigen damit in einem gewissen Sinne sich selbst, wenn sie es quälen. Das Kind ist kein eigenständiges Wesen, sondern Objekt. Ein lebensnotwendiges Objekt offenbar, denn bei Entlarvung und dem darauffolgenden Beziehungsabbruch zum Kind kollabieren fast alle Täterinnen, fallen in tiefe Depressionen oder versuchen, sich umzubringen.
Die Folgen des Missbrauchs für die Kinder sind verheerend: Man vermutet, dass zwischen neun und 33 Prozent der Kinder an den Folgen der Misshandlungen sterben. Mindestens zehn Prozent der Geschwister scheinen ebenfalls bedroht zu sein. Schwerste physische und psychische Schäden müssen behandelt werden. Viele der Opfer entwickeln selbst ein Münchhausensyndrom und neigen offenbar zu multiplen Persönlichkeitsstörungen und dissoziativen Störungen wie Gedächtnisverlust oder Halluzinationen.
Es gibt Kinder, die bis ins Erwachsenenalter dem höllischen Kreislauf von manipulierter Krankheit und qualvoller Genesung nicht entkommen. Das Durchschnittsalter der Opfer wird auf Grund der vorliegenden Fallstudien auf dreieinviertel Jahre geschätzt. Die Kleinkinder sind den Müttern also hoffnungslos ausgeliefert und zudem nicht in der Lage, deren Verhalten intellektuell zu interpretieren oder Hilfe bei anderen Menschen zu suchen.
Die Langzeitschäden sind massiv und unübersehbar: Essstörungen, schwerste Depressionen oder Hyperaktivität sind nur ein Teil davon. Durch die häufigen Krankenhausaufenthalte haben die Opfer große Defizite im schulischen und sozialen Bereich. Die Opfer der Münchhausen-Mütter haben verständlicherweise wenig oder gar kein Vertrauen in die eigenen Körperfunktionen - sie lehnen sich selbst ab und haben dadurch auch mit sexuellen Problemen zu kämpfen.
Die Prognosen für die bessere Erkennung und Behandlung des Münchhausen-Stellvertreter-Syndroms sind zudem schlecht: Die Dunkelziffer ist extrem hoch, die Diagnose durch das Krankenhaus-Hopping der Mütter und die Verschwiegenheit oder das Nicht-Merken der Väter, Nachbarn oder Freunde schwierig und fast immer erheblich verzögert. Therapieresistenz oder Verweigerung der Mütter macht es nicht einfacher. Der Versuch, die Kinder möglichst umgehend aus dem Wirkungsbereich der Mutter zu entfernen und ihr das Sorgerecht zu entziehen, ist häufig mit langwierigen rechtlichen Auseinandersetzungen verbunden. Manche Kinder haben das nicht überlebt.
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