Der Tunnelgräber Hasso Herschel - Fluchthelfer und Geschäftsmann

Was wir über Herschels Leben wissen, hat er größtenteils selbst erzählt. Seit die Werbekampagne für den Sat.1-Zweiteiler "Der Tunnel" läuft, hat Deutschlands bekanntester Fluchthelfer bereitwillig Auskunft über seine Tätigkeit als Maulwurf der Nation gegeben.


Hasso Herschel in der TV-Dokumentation von NBC
NBC/SPIEGEL TV

Hasso Herschel in der TV-Dokumentation von NBC

Geboren wurde Hasso Herschel im März 1935 in Dresden. Nach der Bombardierung der Elbstadt und dem Verlust der Wohnung kommt die Familie in Österreich unter und kehrt erst 1947 nach Dresden zurück.

Der Jungpionier und Meisterschwimmer zeichnet sich zunächst durch Systemkonformität und sportliche Bestleistungen aus, bevor er im Alter von 16 Jahren seine erste Berührung mit der unangenehmen Seite des DDR-Regimes hat: Auf Grund einer Denunziation wird er 1951 zum ersten Mal von der Polizei verhört, seine Einstellung zum real existierenden Sozialismus ändert sich grundlegend: "Danach kippte es", erklärt er der Berliner Zeitung in einem Interview.

Arbeiteraufstand und Verhaftung


Ost-Berlin am 18. Juni 1953
AP

Ost-Berlin am 18. Juni 1953

Am 17. Juni 1953 nimmt er am Arbeiteraufstand auf dem Dresdner Altmarkt teil und wird tags darauf von der Stasi abgeholt. Drei Wochen hält man ihn mit 18 weiteren Gefangenen in einer Zelle fest, bis er schriftlich erklärt, einen schwerwiegenden Fehler begangen zu haben. Die Konsequenz: Herschel fliegt von der Schule und wird Rangierer. Zwar holt er sein Abitur im Abendkurs nach, ist aber zu diesem Zeitpunkt bereits "fertig mit dem System".

1954 bewirbt er sich nach einer Absage in Dresden für ein Psychologiestudium an der Hochschule für Politik in West-Berlin. Im darauf folgenden Jahr wird er bei einem Besuch seiner Eltern in Dresden verhaftet - man wirft ihm vor, gegen das "Gesetz zum Schutz des innerdeutschen Handels" verstoßen zu haben. Die offizielle Version: Herschel hatte dem imperialistischen Erzfeind im Kollektiv gefertigtes Volkseigentum zukommen lassen und unerlaubterweise eine Kamera, ein Fernglas und eine Schreibmaschine in West Berlin verkauft. Jahre später gibt Herschel zu, bereits in den fünfziger Jahren für westliche Geheimdienste in der Spionage aktiv gewesen zu sein.

Die Strafe trifft ihn hart: Herschel wird zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt und landet im Arbeitslager "Schwarze Pumpe", in dem ein Chemiekombinat entsteht. 1960 folgt die Entlassung aus "vier Jahren unmenschlicher Haft". Der kriminalisierte Kleinunternehmer und Gelegenheitsspion wird zum Aktivisten der sozialistischen Arbeit und fängt bei der Reichsbahn an, die ihn des Studiums an der Verkehrshochschule für würdig befindet.

Nicht umsonst: Der Tunnelbau


"Manchmal ging es nur dreißig Zentimeter am Tag vorwärts"
NBC/SPIEGEL TV

"Manchmal ging es nur dreißig Zentimeter am Tag vorwärts"

Alarmiert durch den Mauerbau überquert er am 21. Oktober 1961 mit einem Schweizer Pass die Grenze. Herschel will seine Schwester und deren Tochter nachholen und sucht nach Fluchthelfern. Die italienischen Studenten Domenico Sesta und Luigi Spina berichten ihm von ihren Kontakten zum US-Sender NBC und dem Plan, einen Tunnel unter der Mauer hindurch zu graben.

Herschel macht sich mit 48 Helfern daran, in fünf Metern Tiefe einen 126 Meter langen Tunnel unter dem Todesstreifen hindurch zu graben. "Manchmal", so der Tunnelgräber heute, "ging es in diesem Untergrund aus Lehm mit Steinen nur dreißig Zentimeter am Tag vorwärts. Durch die schlechte Luft arbeiteten wir da unten immer an der Grenze zum Umkippen." Nach fünf Monaten jedoch waren die Helfer am Ziel: Am 14. September 1962 durchbrach Herschel den Keller in der Schönholzer Straße 7 in Ost-Berlin und konnte seine Schwester Anita und 28 weitere Republikflüchtige in den Westen führen.

Der US-Sender NBC hatte 50.000 Mark für die Filmrechte an der riskanten Aktion bezahlt. 20.000 Mark wurden in den Tunnelbau investiert, der Rest zwischen Herschel, Spina und Sesta aufgeteilt.

Berliner Business


Auch in den darauf folgenden Jahren grub sich Herschel nicht umsonst durch das Berliner Erdreich: 6000 bis 12.000 Mark bezahlten sozialismusmüde Bürger und Regimegegner für eine Flucht ins gelobte Land. Bis ins Jahr 1972 grub der Maulwurf noch zwei weitere Tunnel und verhalf rund 1000 Menschen per Hubschrauber und in umgebauten Autos in die Freiheit.

Geblieben ist von diesem Geld so gut wie nichts. Hasso Herschels Steakhaus an der Kantstraße ging auf Grund der BSE-Krise pleite - der Restaurant- und Klubbesitzer hat jetzt angeblich Schulden in Höhe von 200.000 Mark. Ein guter Grund, es sich auf dem Bauernhof in der Uckermark gemütlich zu machen und ein Buch darüber zu schreiben, wie es wirklich war.



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