Hypnose In Alkohol gelöstes Über-Ich

Werner Meinhold, 56, ist praktizierender Arzt und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für therapeutische Hypnose und Hypnoseforschung e.V. Mit SPIEGEL ONLINE sprach er über Hypnosetherapien für Alkoholkranke, den Therapeuten als Ersatzmutter und ein bisweilen spitritusgetränktes Über-Ich.


SPIEGEL ONLINE

: Alkoholfrei durch Hypnose - ist diese Therapieform so schnell und effektiv wie einige Anbieter es den Kranken weismachen wollen?

Werner Meinhold: Wenn man die Hypnose aufdeckend, das heißt in einem gesprächstherapeutischen Kontext anwendet, ist sie relativ zeitaufwendig. Es gilt die Regel: Lebensjahre = Anzahl der Therapiesitzungen. Wir versuchen, die Ursachen für das Suchtverhalten in der Lebensgeschichte zu enthüllen. Hypnoseverfahren haben den Vorteil, dass man in sehr frühen Schichten der Erinnerung vordringen kann, vor allem in die präverbalen Bereiche - also die Zeit vor dem Spracherwerb.

SPIEGEL ONLINE: In welchem Alter ist die Entwicklung von Süchten denn angelegt?

Meinhold: Die Prägung für Süchte erfolgt bereits im ersten Lebensjahr oder sogar noch früher, schon in der Gebärmutter. Da eine intellektuelle Aufarbeitung erst ab dem dritten Lebensjahr greift, gewinnt die Hypnose in diesem Zusammenhang stark an Bedeutung.

SPIEGEL ONLINE: Sie praktizieren die so genannte integrative tiefenpsychologische Hypnose.

Meinhold: Richtig. Das Zurückgehen in die Erinnerung erfolgt bei uns chronologisch, das heißt, wir begehen keine großen Zeitsprünge und orientieren uns an den Lebensjahren. Feste Rituale bei der Hypnoseeinleitung und der Rückführung spielen eine große Rolle, weil sie dem Patienten Struktur und Sicherheit innerhalb der Bewegung vermitteln.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet Sucht für den Tiefenpsychologen?

Meinhold: Unverzichtbarkeit des Suchtstoffes und eine damit einher gehende Bewusstseinsveränderung. Wir sagen immer: Das Über-Ich ist im Alkohol voll löslich. Sobald die innere Kontrollinstanz nicht mehr arbeitet, agiert der Alkoholiker auf den niederen Ebenen der Gehirnschichten - von Jähzorn bis zu krankhafter Eifersucht zeigt er Eigenschaften, die eigentlich nicht zu seiner Persönlichkeit gehören.

SPIEGEL ONLINE: Was für ein Suchttyp ist der Alkoholiker?

Meinhold: Beim Alkoholismus haben wir es mit einer oralen Sucht zu tun. Wenn wir sagen "Der Mensch ist blau", dann erinnert die Farbe an die Romantiker, an Novalis, an idealistische Sehnsüchte. Der orale Romantiker erwartet von der Welt, dass sie seinen unstillbaren Durst befriedigt, ihm seine Defizite erfüllt. Die fromme Helene bei Wilhelm Busch ist so ein Prototyp.

SPIEGEL ONLINE: Wie funktioniert Hypnose?

Meinhold: Stellen Sie sich ein Buch mit Ihrer eigenen Lebensgeschichte vor - per Hypnose schlage ich eine Seite auf und finde Ihre individuell gespeicherten Erinnerungen. Durch eine tiefe Hypnose werden emotionale Erlebnisse wiedererlebt, während der Patient gleichzeitig das Bewusstsein hat, hier und jetzt auf der Couch zu sitzen. Nachher erinnert er sich an alles. Zwar kann der Therapeut die Erinnerung unterbinden. Das empfiehlt sich allerdings nur in den seltensten Fällen, bei einer starken Traumatisierung, die in einer Sitzung nicht verarbeitet werden könnte.

SPIEGEL ONLINE: Wie groß ist die Gefahr, dass Erlebnisse wiederbelebt werden, mit denen der Patient nicht klar kommt?

Meinhold: Bei unserem Verfahren sehr gering. Es geht ja nicht nur um eine Symptombeseitigung, sondern darum, dass, wie Goethe sagt, der erste Knopf von Hemd richtig geknöpft wird. Wir wollen dem Patienten zu mehr Ich-Erkenntnis verhelfen. In der Therapie kommen auch die so genannten Ko-Abhängigkeiten im familiären Umfeld auf den Prüfstand. Das sind unausgesprochene Rollenfixierungen, die nach einer Therapie nicht mehr haltbar sind. Die eine Person ist alkoholabhängig, die andere pflegeabhängig. Die Partner von Alkoholikern trennen sich häufig, wen sie merken, dass die Bedürftigkeit nachlässt und eine neue Selbständigkeit einsetzt.

SPIEGEL ONLINE: Was muss der Patient für eine Hypnosetherapie mitbringen?

Meinhold: Er braucht ein realtiv stabiles Umfeld und ein gutes Verständnis für unser Therapiemodell. Die Regelmäßigkeit der Therapie darf nicht gefährdet werden - deshalb sind Zeit und der Wille zur Heilung unabdingbar.

SPIEGEL ONLINE: Wer trägt die Therapiekosten?

Meinhold: Das ist ein großes Problem. Private Krankenkassen tragen die Kosten nur in Ausnahmefällen, Selbstzahler müssen daher mit einer Summe von rund 10.000 Mark rechnen.

SPIEGEL ONLINE: Wie erfolgreich sind Sie?

Meinhold: Von den Patienten, die durchhalten, heilen wir ungefähr 70 Prozent. Gut die Hälfte aller Anwärter springt schon während der Therapie ab.

SPIEGEL ONLINE: Welche Vorteile hat Ihre Therapieform gegenüber anderen?

Meinhold: Eine Selbsthilfegruppe kann nur ein Ersatz-Uterus sein. Das ist zwar immer noch besser als Alkoholkonsum, führt aber selten zu einer neuen Selbständigkeit. Unsere Erfolgsquote ist höher und unser Verfahren langfristig kostengünstiger als andere.

SPIEGEL ONLINE: Private Entzugskliniken in Moskau haben sich einer recht seltsamen Praxis verschrieben: Sie programmieren Alkoholkranke per Hypnose auf den Tod, das heißt, bei Verstoß gegen das freiwillig auferlegte Abstinenzgebot sollen die Patienten sterben.

Meinhold: Das ist ein Beispiel dafür, dass man mit Hypnose sehr viel Unheil anrichten kann. Während der Hypnose nimmt der Alkoholkranke die Welt entsprechend einem frühkindlichen, symbiotischen Entwicklungsstadium wahr - also über die Mutter als Vermittlerin. Der Therapeut übernimmt die Rolle der Mutter. Wenn die Mutter sagt "Du stirbst" entzieht sie dem Kranken die Lebensberechtigung. Wie die Prophezeiung eines Arztes oder eines Wahrsagers kann auch dieses Gebot zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden - der Patient stirbt wie angekündigt.

Das Interview führte Annette Langer



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