Erblast Der preußisch-deutsche Militarismus

1945 zogen angelsächsische Historiker und die alliierten Siegermächte Bilanz: Preußen war Schuld an der "deutschen Katastrophe".


Potsdamer Konferenz 1945 (Churchill, Truman, Stalin v. l.): "Wurzel allen Übels"
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Der augenscheinliche Militarismus des Hohenzollern-Staates war es, der Deutschland auf einen unheilvollen Sonderweg in der europäischen Geschichte geschickt hatte. Nach zwei Weltkriegen und der völligen Militarisierung der deutschen Gesellschaft durch die Nationalsozialisten sahen die Alliierten in der 1947 verordneten Auflösung Preußens die einzige Möglichkeit, die Welt von den unseligen militaristischen Traditionen zu erlösen.

Absolutistische Vorlaufphase

Die Kontinuitätslinie der preußisch-deutschen militärischen Traditionen lässt sich bis in die Zeit des Großen Kurfürsten (1640-1688) zurückführen. Das Militär des Absolutismus hat jedoch wenig mit den heutigen Truppen gemein. Bei den stehenden Truppen handelte es sich um die Armee eines Herrschers und nicht eines Landes. Die Regimenter waren Privatbesitz des Fürsten, der frei über sie verfügen konnte - auch um sie gegen den einheimischen widerspenstigen Adel einzusetzen.

Das Heer des 18. Jahrhunderts war eine reine Söldnertruppe. Die Soldaten wurden vorzugsweise aus fremden deutschen und europäischen Territorien rekrutiert, um der eigenen Wirtschaft die Arbeitskräfte nicht zu entziehen. Der Militärdienst war dabei alles andere als beliebt. Die Rekruten wurden von den umherziehenden Werbern oft gewaltsam in den Militärdienst gepresst oder mit Alkohol willenlos gemacht und dann verpflichtet.

Der Alltag der Soldaten bestand fast ausschließlich aus Exerzieren. Nach dem zeitgenössischen Sprachgebrauch wurden die Soldaten nicht ausgebildet, sondern "abgerichtet". Das Zwangssystem Militär diente vor allem der Disziplinierung der Soldaten. Drakonische Strafen wie das Spießrutenlaufen, das auch tödlich enden konnte, waren an der Tagesordnung. Die Soldaten wurden zu Automaten gedrillt, die auf Kommando nach Takt und Tempo verschiedene Handgriffe ausführen mussten. Im Gefecht fungierten sie als Rädchen eines Ganzen. Bei wenigen Metern Sichtweite im Qualm der Gewehre und dem Abspulen der täglich geübten Handgriffe hatten sie keinerlei Entscheidungsspielraum oder Möglichkeiten, sich durch persönliche Tapferkeit auszuzeichnen. Die Folge: Auch in Friedenszeiten ergriffen viele Soldaten die erstbeste Möglichkeit zur Desertion.

Eine engere Verbindung von Militär und Bevölkerung brachte das Kantonreglement des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelms I. von 1733, eine preußische Besonderheit. Jedem Regiment wurde ein Landstrich der preußischen Territorien zugewiesen, aus dem es die Reihen auffüllen konnte. Von nun an waren es vor allem die preußischen Landeskinder, die im Militär diszipliniert wurden. Der einst renitente Adel wurde domestiziert, indem er im Offizierkorps ein neues Betätigungsfeld erhielt, das er bis zum Untergang der Wehrmacht auch behalten sollte. Dem Großteil der Bevölkerung blieben das Militär und der Militärdienst jedoch verhasst.

Dies änderte sich erst mit den Befreiungskriegen, als das Militär in den Mittelpunkt des erwachenden deutschen Nationalbewusstseins rückte, das dadurch seinen kämpferisch-militanten Zug entwickelte, der bis heute nachwirkt. Antrieb zum Wehrdienst waren nun nicht mehr Zwang und Prügel, sondern Vaterlandsliebe und ein religiös fundiertes Pflichtbewusstsein. Der liberale Traum vom "verbürgerlichten" Volksheer währte allerdings nur kurz. Nach der endgültigen Niederlage Napoleons 1815 wurde das Heer in der Hand des Königs zum Instrument der Reaktion.

Das wilhelminische Zeitalter

Noch war der Sündenfall, die Militarisierung der Gesellschaft, nicht eingetreten. Die institutionellen und mentalen Voraussetzungen waren jedoch geschaffen. Auslöser für den kulturellen Umschwung wurde der "Heeres- und Verfassungskonflikt" von 1860. Nach der Ausschaltung des Parlaments bei der Heeresfinanzierung durch Bismarck erhielt die Armee eine neue Aufgabe: Von nun an war sie die Schule der Nation.

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Die Armee rückte völlig ins Zentrum staatlicher Anstrengungen. Alle politischen Entscheidungen wurden von militärischen Aspekten dominiert. Durch die Armee als Erziehungsinstitut der Jugend erhielten militärische Normen und Wertvorstellungen immer stärker Einzug in den Alltag. Die militärischen Erfordernisse Pünktlichkeit, Ordnungsliebe und Disziplin wurden endgültig zu zivilen Tugenden. Zuckmayers "Hauptmann von Köpenick" karikiert die überhöhte gesellschaftliche Stellung, zu der allein eine Uniform verhalf. Die Stimmungslage der Bevölkerung in Deutschland begann sich von der in Frankreich, England, Österreich oder Italien zu unterscheiden. Der monokelbewehrte Reserveoffizier prägte das Alltagsbild.

Paraden, Kaisermanöver und Stapelläufe wurden zu gesellschaftlichen Ereignissen und begeisterten die Bevölkerung. Der Tonfall Wilhelms II. wurde immer aggressiver. Als 1914 der Krieg ausbrach, zog die deutsche Jugend begeistert in die Schlacht. Auch die Niederlage vier Jahre später tat der Verehrung des Militärischen keinen Abbruch. Schließlich war die Armee "im Felde unbesiegt". Der politische Alltag der einfachen Leute in der Weimarer Republik wurde von den Auseinandersetzungen der militärisch organisierten Kampfverbände der Parteien geprägt.

"Totaler Krieg" und Neuanfang

Nach der Machtübernahme trieben die Nazis die Militarisierung der Gesellschaft auf die Spitze. Das "Führerprinzip" übertrug "Befehl und Gehorsam" auf alle Bereiche des öffentlichen Lebens. Kaum ein Deutscher war nicht Mitglied in einer der militärisch organisierten Gliederungen des "Dritten Reiches". Die "Volksgemeinschaft" wurde zur Kampfgemeinschaft. Dem entsprach eine Kriegführung, die nicht mehr zwischen Kombattanten und Nicht-Kombattanten unterschied. Im nationalsozialistischen "totalen Krieg" ging es nicht mehr darum, dem Gegner eine Niederlage beizubringen, sondern ihn völlig zu vernichten.

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Die bedingungslose Kapitulation 1945 und die Bewusstwerdung der nationalsozialistischen Verbrechen führten dann zu einer tiefgreifenden Bewusstseinsänderung der Deutschen. Bei einer Stimmungslage, die alles Militärische ablehnte, fanden zumindest die Westdeutschen zurück zur Zivilgesellschaft.

Die Wiederbewaffnung 1955 wurde begleitet von antimilitaristischen Protesten quer durch alle Bevölkerungsschichten und gesellschaftlichen Gruppen. Auch die Befürworter eines Verteidigungsbeitrags der Bundesrepublik sahen ihn eher als ein notwendiges Übel. Dementsprechend brach die Bundeswehr mit allen militärischen Traditionen. Leitbild wurde der "Staatsbürger in Uniform", der den Kriegsdienst auch verweigern kann. Die NVA griff demgegenüber 1956 bewusst auf die Wehrmachtsuniform zurück, da sie nach Auffassung der DDR-Führung für die besten deutschen militärischen Traditionen stand.



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