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BSE: Fast schon Mord

Mit Dokumenten aus der EU, aus deutschen und britischen Behörden lässt sich nachzeichnen, wie der Rinderwahn nach Deutschland kam – ein Kriminalfall. Um die Agrarindustrie zu retten, gingen Beamte und Politiker das Risiko ein, dass vielleicht Tausende Menschen sterben müssen.

Der erste Redner mahnte zu Vorsicht und Aufklärung, der zweite wischte mit einem Satz alle Bedenken hinweg. Der Widerspruch zwischen Analyse und Schönfärberei konnte krasser nicht sein.

Da lauschten, 1991 in London, 300 Wissenschaftler einem Vortrag des US-Amerikaners Stanley Prusiner, der mutierte Eiweißmoleküle, Prionen, als Verursacher des Hirnschwamms entdeckt hatte (und dafür 1997 den Nobelpreis erhielt). Prusiner plädierte dafür, die Öffentlichkeit nicht in falscher Sicherheit zu wiegen: "Wenn wir Wissenschaftler gefragt werden, ob BSE auf den Menschen übertragbar ist, müssen wir ehrlicherweise sagen: Wir wissen es nicht."

Gleich darauf behauptete Keith Meldrum, Chefveterinär des britischen Landwirtschaftsministeriums und der böse Geist in der Geschichte der Seuche, das genaue Gegenteil: "Die Ungefährlichkeit für den Menschen" sei "vollkommen klar".

Abwiegler Meldrum ist widerlegt. 83 Briten, ein Ire und drei Franzosen sind bis jetzt verbürgt an der menschlichen BSE-Variante gestorben.

Die Krise hat die Europäische Union erschüttert wie kaum ein Ereignis zuvor. Regierungen gerieten ins Wanken, die Landwirtschaft wird nun umgekrempelt, ganze Industriezweige stehen am Pranger.

Umsteuern wäre schon vor Jahren nötig und auch möglich gewesen. An alarmierenden Fakten und ernst zu nehmenden Warnungen hatte es nicht gefehlt.

Aber in allen Ländern Europas, angefangen in Großbritannien und auch in Deutschland, gab es Politiker, Beamte und Lobbyisten, die, statt die Verbraucher vor krank machendem Fleisch zu schützen, lieber die Fleischmärkte vor der Angst der Verbraucher schützen wollten.

Wie der Rinderwahnsinn zuletzt auch über die Deutschen kam, das ist ein Krimi. Und mit Hilfe von britischen Akten und EU-Dokumenten lässt sich inzwischen recht genau dingfest machen, wer die Schurken in diesem Stück sind.

Keith Meldrum war eine Schlüsselfigur in der Chronik der Versäumnisse. Im so genannten Phillips-Report, einer knapp 4000 Seiten starken Studie für die britische Regierung über den BSE-Skandal, wird der oberste britische Tierarzt von 1986 bis 1996 rund 50-mal als verantwortlicher Vertuscher genannt. Wann immer Alarmglocken schrillten, Meldrum gab Entwarnung.

Als etwa im Mai 1990 der britische Landwirtschaftsminister John Gummer vor Kameras in einen Hamburger biss ("Unser Fleisch ist sicher") und auch seine Tochter Cordelia zum Beef-Test zwang, stützte Meldrum den PR-Gag: "Keine Gefahr."

Als die EU-Kommission 1990 britische Schlachthäuser inspizieren lassen wollte, verbat sich Meldrum jegliche "Einmischung" in nationale Angelegenheiten.

Zugleich prophezeite Meldrum, die Seuche werde fünf Jahre nach dem 1988 erlassenen Verbot, Tiermehl an Wiederkäuer zu verfüttern, ausgerottet sein: "1993 können Sie die Sache vergessen", tönte er.

Nicht nur in Großbritannien verbündeten sich Politiker, Beamte und Lobbyisten zu einem Kartell der Vertuscher, um die Fleischmärkte zu schützen. "Wir litten alle an kollektiver Verblendung", bekennt im Nachhinein ein hoher Beamter des Berliner Agrarministeriums.

Meldrums gab es überall an den entscheidenden Stellen. Sie haben dafür gesorgt, dass sich die tödliche Seuche über Europa ausbreiten konnte.



PHASE 1: GROSSBRITANNIEN



Offiziell beginnt die Geschichtsschreibung des Rinderwahnsinns zwei Tage vor Heiligabend 1984. Der Tierarzt David Bee wird zur Pitsham-Farm im südenglischen Sussex gerufen. Bauer Peter Stent sorgt sich um ein Tier. Die Kuh mit der Bezeichnung 133 demoliert Milchanlagen und randaliert im Stall. Der Veterinär bemerkt ihren durchgebogenen Rücken, sie ist auch seltsam mager. "Infektion? Gift im Futter?" Weder Tierarzt noch Bauer wissen Rat.

Als Bee in den nächsten Wochen wieder die Farm besucht, fallen ihm weitere Tiere auf. Die Kühe kommen ihm erst mal nur "gespenstisch" vor. "Kuh 133" schüttelt da schon unentwegt den Kopf und kann sich nicht mehr auf den Beinen halten. Sie verendet am 11. Februar 1985.

Bis Ende April sterben fünf weitere Kühe auf der Stent-Farm. Bee schaltet den Amtsveterinär ein. Die beiden Ärzte untersuchen das Futter, nehmen Gewebeproben. Da sie keine klare Diagnose stellen können, taufen sie die rätselhafte Krankheit "Stent-Farm-Syndrom".

Zu jener Zeit wunderten sich mehrere Tierärzte in Südengland über aggressive und nervöse Kühe, vor allem in der Grafschaft Kent. Einer der Mediziner war Colin Whitaker, der nach fünf Fällen auf einer Farm nicht mehr an Zufall glauben mochte. Er ließ das Hirn von drei Tieren analysieren, checkte die Fachliteratur.

Die zitternden und torkelnden Rinder ähnelten Schafen, die von "Scrapie", einer tödlichen Nervenkrankheit, befallen waren. Whitaker plante deshalb eine Veröffentlichung mit dem beteiligten Amtstierarzt über das "Scrapie-ähnliche Syndrom".

Doch dessen Chefs im Landwirtschaftsministerium soll die Diagnose überhaupt nicht behagt haben. Sie forderten ihn laut Whitaker auf, den Begriff "Scrapie-ähnlich" zu vermeiden, das klang ihnen zu sehr nach Seuche. Whitaker machte einen dicken "schwarzen Strich" auf die Stelle in seinem Manuskript, "damit es nicht mehr gelesen werden" konnte. Unter Kollegen nahm er jedoch kein Blatt vor den Mund: "Ich glaube", sagte er im Juli 1987 auf einer Versammlung von Rinder-Veterinären, "wir haben da eine neue Krankheit."

Zwar gilt Kuh 133 als erstes Opfer des Rinderwahns. Doch die Schwarzbunte war nur die erste, die einem Tierarzt so stark auffiel, dass er sie näher untersuchte. Tatsächlich grassierte die Rinderseuche wahrscheinlich schon seit den siebziger Jahren unerkannt unter britischen Rindern.

Harry Coulthard war 40 Jahre lang Veterinär in Großbritannien. Jedes Jahr, erzählte er einer britischen Untersuchungskommission, habe er mindestens sechs Kühe präsentiert bekommen, die an unklaren, zentralnervösen Leiden gestorben waren. Coulthard diagnostizierte in solchen Fällen mal Tetanus, mal Pflanzenvergiftung, manchmal auch nur "G.O.K.". Das Kürzel stand für "God only knows" – Gott allein weiß es.

Bis 1985, noch bevor die Seuche einen Namen hatte, sind nach einer Untersuchung des Oxforder Epidemiologen Roy Anderson 54 000 infizierte Rinder in die Nahrungskette der Menschen gelangt. Danach bekam der BSE-Ausbruch eruptive Gewalt. Bis Mitte der Neunziger, schätzt Anderson, haben Menschen das Fleisch von nicht weniger als 750 000 infizierten Tieren gegessen.

Die Zahl wäre erheblich niedriger ausgefallen, wenn jene, die mit BSE befasst --- S.38 waren, die richtigen Entscheidungen getroffen hätten. Die britischen Tierärzte, die als Erste die neue Rinderkrankheit entdeckten, fürchteten den Zorn der Züchter und Mäster. Der Export von "British beef" lief prächtig. Über die Jahre hatte die Regierung die Bauern beraten und Geld investiert. 700 Millionen Pfund setzte die Branche schon um mit dem Export.

Deshalb mussten die Veterinäre ihren Verdacht über die unheimliche Krankheit für sich behalten. Diese Erfahrung machte etwa eine junge Pathologin im zentralen staatlichen Veterinärlabor in Weybridge bei London. Im Gehirnschnitt einer Kuh des Bauern Stent stellte sie kleine Löcher fest. "Scrapie bei einer Kuh", diagnostizierte sie. Aber weder Vorgesetzte noch Kollegen wollten davon etwas wissen.

Im Lauf des Jahres 1986 gingen in dem Labor jedoch immer mehr Gewebeproben von "nervösen" Rindern ein. Ende Dezember wurde den Verantwortlichen des Labors endlich klar, dass sie die Tierkrankheit nicht länger ignorieren konnten, sie nannten sie "Bovine Spongiforme Encephalopathie", kurz BSE.

Trotzdem sorgten sich Mitarbeiter in Weybridge um die Fleischindustrie – und um das Wohl des Landes. Ray Bradley, der Chefpathologe, schrieb vertraulich an den Leiter des Instituts: "Falls es sich um Rinder-Scrapie handelt, wird dies ernsthafte Auswirkungen auf den Exporthandel haben und möglicherweise auch für die Menschen", wie er fast beiläufig anfügte.

Bradley riet, "weiterhin die Augen offen zu halten, aber die Sache auf niedrigem Niveau zu spielen".

Erst im Juni 1987, über zwei Jahre nach Ausbruch der Gruselseuche, erfuhr die Londoner Regierung unter Margaret Thatcher von den gespenstischen Vorfällen.

Wissenschaftler aus Weybridge, Chefveterinär William Rees (Meldrums Vorgänger) und der Staatssekretär im Agrarministerium einigten sich bei mehreren Treffen auf "veterinärpolitische" Sprachregelungen: "Kein alarmistischer Ton" und "keine Gefährdung des Exports", denn "eine schlecht informierte Öffentlichkeit könnte zu hysterischen Forderungen nach drakonischen Maßnahmen führen".

Drei Jahre, nachdem der Ausbruch der Seuche erkennbar geworden war, im Frühjahr 1988, konnten Epidemiologen in Weybridge die mutmaßliche Ursache für die Rinderkrankheit ausmachen: Tiermehl, das aus Schlachtabfällen sowie verendeten Tieren gewonnen wird, übertrug offenbar den Erreger.

Obwohl eine mögliche Infektion eines Tiers, wenn es Kadaver von Artgenossen frisst, schon lange in der Wissenschaft bekannt ist, mischten britische Hersteller seit Jahren immer mehr Tiermehl unter ihre Futtermittel. Das proteinhaltige Pulver erhöhte die Milchleistung einer Kuh.

Um Energiekosten zu sparen, reduzierten die Tiermehlfabrikanten die Sterilisationstemperatur auf 80 Grad. Das tötet gerade noch Salmonellen ab, jedoch nicht den BSE-Erreger.

Im Mai 1988 setzte die britische Regierung endlich ein wissenschaftliches Beratergremium ein – dem allerdings kein einziger BSE-Experte angehörte. Vorsitzender wurde der Oxforder Zoologe Sir Richard Southwood, der das Fehlen der Fachleute treuherzig so erklärte: "Wir wollten keine Leute, die zu sehr am Problem sind, sondern das Große und Ganze sehen."

Am 3. Februar 1989 legte die Kommission ihr Gutachten vor: Es sei "sehr unwahrscheinlich, dass BSE irgendwelche Folgen für die menschliche Gesundheit haben wird".

Eine Frechheit, denn Neuropathologen aus Edinburgh, die Mäusen BSE-infizierte Hirnmasse von Kühen gespritzt hatten, wiesen bereits im Oktober 1988 nach, dass die Seuche prinzipiell sehr wohl eine Artenschranke überspringen kann.

Die Southwood-Kommission hielt sich mit einer kläglichen Klausel in ihrem Gutachten alle Hintertüren offen: "Sollte sich unsere Einschätzung der Wahrscheinlichkeit als falsch erweisen, wären die Folgen äußerst ernst." Fast zehn Jahre später entschuldigte --- S.42 sich der Kommissionsvorsitzende Southwood: Zu Beginn seiner Tätigkeit habe ihm Sir Derek Andrews, der Staatssekretär, klar gemacht, "dass die Maßnahmen zur Bekämpfung von BSE zu keinem Anstieg der Staatsausgaben führen" dürften.

Zur gleichen Zeit wurden Forscher, die sich nicht still verhielten, zum Schweigen gebracht. Der Mikrobiologe Harash Narang vom staatlichen Untersuchungslabor im britischen Newcastle etwa hatte bereits Ende der achtziger Jahre einen Test zur Früherkennung von BSE entwickelt.

Doch der Test wurde nach kurzer Prüfung verworfen, der Mann schikaniert. Untersuchungen gegen ihn wegen angeblich fahrlässigen Umgangs mit gefährlichem Bio-Material wurden eingeleitet. 1994 wurde er schließlich vom Dienst suspendiert.

Im Sommer 1988 beschloss die britische Regierung immerhin ein paar halbherzige Maßnahmen. Sie erließ eine Meldepflicht für BSE und verbot das Tiermehl als Futter für Wiederkäuer. Reine Theorie: Weder ließ sich das kontrollieren, noch sah das Gesetz Sanktionen bei Verstößen vor.

Ein Exportverbot für das tödliche Pulver kam für die Regierung der Eisernen Lady nicht in Frage. Im Gegenteil: Die Futtermittelhersteller wurden ermuntert, die verloren gegangenen Inlandsmärkte durch verstärkte Ausfuhren zu kompensieren.

Tatsächlich stieg ein Jahr nach dem Tiermehlverbot auf der Insel der Export ins EU-Ausland fast um das Dreifache an – von jährlich bisher 13 000 auf über 32 000 Tonnen. Die Franzosen nahmen gleich 15 674 Tonnen ab, die Niederländer über 6000 Tonnen, die Belgier und Luxemburger rund 1600 Tonnen. Und auch deutsche Importeure kauften bei den Briten noch Ende des Jahres 1988 über 500 Tonnen ein, 1989 gingen nach Deutschland noch 578 Tonnen.

Im Mai 1989 stoppte die deutsche Regierung, als eine der ersten unter den EU-Mitgliedern, zwar die Einfuhr von britischem Tiermehl. Die Engländer verscherbelten ihre Ware freilich nun an Drittländer, vor allem nach Asien und in den Nahen Osten. Skrupellose Händler, vermuten Experten, lenkten einen Großteil davon in EU-Länder um (siehe Kasten Seite 44).

Doch das Fleisch infizierter Tiere gelangte wohl auch auf andere Art an die Küsten des Kontinents. Die Regierung in London bot den Landwirten seit Mitte 1989 an, für notgeschlachtete BSE-Rinder die Hälfte des Marktpreises zu zahlen.

Die knauserige Offerte erwies sich als Fehler, denn den Bauern war das zu wenig. Es begann der große Viehschwindel. Landwirte, die schon kranke Rinder in ihren Ställen hatten, kauften kränkelnde Kühe dazu, um wenigstens die Schlachtprämien kassieren zu können. Die Verkäufer hatten den Vorteil, dass ihre Herden weiterhin als BSEfrei galten und das Fleisch ihrer Tiere ungeprüft auf die Metzgertheken kam – europaweit.

Denn gleichzeitig sicherte die britische Regierung in bilateralen Arrangements den Niederlanden, Deutschland und Irland zu, dass nur noch Rinder aus BSE-freien Herden ausgeführt würden.



PHASE 2: EUROPÄISCHE UNION



In britischen Zoos waren seit 1986 mehrere Antilopen an Hirnschwammkrankheiten gestorben. 1990 nahm die Nation Anteil am Schicksal von "Mad Max", einem Siamkater, der wohl durch verseuchtes Dosenfutter den Hirnschwamm bekam. Wieder stellte sich Chefveterinär Meldrum hin und verkündete, es handle sich nur um "eine von sieben Millionen Katzen".

Viele Hersteller von Katzenfutter verzichteten fortan freiwillig auf gefährliche Teile von Rindern. Das Risikomaterial wurde indes in Frankreich weiterhin zu Pasteten, in Deutschland zu Wurst verarbeitet.

Am 6. März 1990 veranlassten EU-Behörden, dass die Briten jede einzelne kranke Kuh nach Brüssel melden mussten. Das war es aber auch schon an Vorsichtsmaßnahmen. Denn beim Abblocken weiterer EU-Forderungen hatte die Londoner Regierung in dem irischen Agrarkommissar Ray MacSharry einen willfährigen Verbündeten.

Wie ein Despot herrschte MacSharry in Brüssel, setzte Vertreter von EU-Mitgliedsstaaten unter Druck. Als etwa bei einer Sondertagung des Agrarrats im Juni 1990 Importstopps beschlossen werden sollten, drohte er Klagen vor dem Europäischen Gerichtshof in Luxemburg an. Beamte, die ihm kritische Reports über die verheerenden Zustände in britischen Exportschlachthöfen hinterbringen wollten, setzte er wutschnaubend vor die Tür.

Bei anderen Brüsseler Kommissaren war das Thema BSE ohnehin nicht willkommen. Die Gemeinschaft war gerade dabei, den grenzenlosen Binnenmarkt einzuführen. Freier Handel und Schutz der Märkte, auch der Fleischmärkte, wurden zum obersten Gebot der EU-Beamten. Handelsbarrieren, Kontrollen, dazu ein Ekelthema wie das der torkelnden Kühe, störten.

Deshalb muckte auch niemand auf, als Chefveterinär Meldrum EU-Lebensmittelkontrolleure zwischen 1990 und 1994 von jeder BSE-Inspektion in englischen Schlachthöfen ausschloss. Meldrum meinte, das sei eine nationale Angelegenheit. Auch stellte niemand Fragen, als die Briten in Brüssel begannen, die wissenschaftlichen Ausschüsse zu majorisieren. Sie waren sich nicht einmal zu fein, Protokolle von Debatten verschwinden zu lassen.

Bei BSE, so rechtfertigt der Brite Meldrum im Ständigen Veterinärausschuss in Brüssel seine Haltung, handle es sich doch nur um ein "Vertrauensproblem", nicht um ein "Verbraucherschutzproblem". Von britischem Fleisch gehe keine Gefahr aus, jedenfalls gebe es dafür keine Beweise.

Mehr und mehr übertrug sich die englische Denkungsart auch auf EU-Beamte anderer Nationalitäten. Am 9. Oktober 1990 verfasste der französische Beamte Gérard Castille ein Gedächtnisprotokoll darüber, was hinter den verschlossenen Türen der Brüsseler BSE-Ausschüsse so gesprochen wurde.

"Man muss eine kaltblütige Haltung einnehmen, um keine ungünstigen Reaktionen auf den Markt zu provozieren", lautete eines der Zitate, die Castille notierte: "Einfach nicht mehr über BSE sprechen ... Wir werden das Vereinigte Königreich jetzt auch offiziell bitten, keine weiteren Forschungsergebnisse mehr zu publizieren. Besonders rabiat: "Im Allgemeinen muss man die BSE-Affäre durch Desinformation minimieren. Am besten sagen wir, die Presse hat eine Tendenz zum Übertreiben."

Die Aufzeichnungen des Monsieur Castille wurden sieben Jahre später, 1997, in einem Untersuchungsausschuss des Europäischen Parlaments zu einem Schlüsseldokument. Es belegt, wie EU-Politiker und -Beamte das Leben von Menschen aufs Spiel setzten, um die Fleischindustrie zu retten.

Das ist fast schon an der Grenze zum Mord, und deshalb schreiben Castilles Notizen auch Kriminalgeschichte. Sie dienen französischen Staatsanwälten als wichtiges Beweismittel, die Schuld am Tod eines jungen Franzosen aufzuklären, der vermutlich zu viele Hamburger vom falschen Metzger zur falschen Zeit gegessen hatte.

Denn am 2. November 1990 stellte sich schließlich heraus, dass die Rinderseuche BSE von der britischen Insel auf den europäischen Kontinent übergegriffen hatte: In der Schweiz wurde die erste BSE-Kuh entdeckt, die nicht importiert, sondern im Milka-Land geboren war. 1991 meldete Frankreich 5 Fälle, in Irland waren bis dahin schon 17 BSE-Rinder aufgefallen.

In der Tübinger Bundesforschungsanstalt für Viruskrankheiten der Tiere wurde 1992 ein nationales Referenzlabor für BSE und Scrapie eingerichtet. Es gab auch gleich den ersten handfesten Grund: In Schleswig-Holstein war eine BSE-Kuh gefunden worden, die erste auf deutschem Boden. Doch sie gehörte zu einer zugereisten Rasse. Deshalb durfte sich Deutschland weiterhin "BSE-frei" nennen.

Portugal verlor diesen Status 1994, als Lissabon zwölf infizierte Inlandsrinder ans Internationale Tierseuchenamt nach Paris melden musste, wo genau nach importierten und einheimischen Tieren unterschieden wird.

Das war günstig für Deutschland, wo 1994 wieder drei Fälle auftraten – alle aus einer importierten Black-Welsh-Herde. Der damalige niedersächsische Landwirtschaftsminister Karl-Heinz Funke (SPD) drängte Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer, bundeseinheitliche Regelungen für die Tötung und unschädliche Beseitigung aller BSE-gefährdeten Tiere zu treffen – waren deutsche Bauern doch nur am Rande betroffen.

1997 sollten alle 5571 Rinder, die aus Großbritannien und der Schweiz nach Deutschland verkauft worden waren, geschlachtet und entsorgt werden. Doch mehrere Gerichte stoppten die bereits angelaufene Tötungsaktion. Begründung: Es sei nicht erwiesen, dass es sich bei BSE um eine Tierseuche handle, folglich gebe es für die Massenkeulung keine Rechtsgrundlage. Die infizierte Welsh-Herde durfte verkauft werden.

Angesichts immer neuer BSE-Fälle in Europa erließ die EU 1994 ein zweites Tiermehlverbot für Wiederkäuer. Es wurde "der wahre Bann" genannt, weil das erste Verbot aus dem Jahr 1990 nirgendwo ernst genommen worden war.

Doch auch mit dem zweiten Bann war das Tiermehl noch nicht aus den Trögen der Rinder verschwunden. Schuld waren die Futtermittelfabriken. Sie schafften es nicht, ihre Mischmaschinen ausreichend zu reinigen. Wenn sie Schweine- oder Hühnerfutter anrührten, verarbeiteten sie auch Rind – und Spuren von Tiermehl kamen dann auch ins Rinderfutter. Diesen Infektionsweg nennen die Experten "Kreuzkontamination".

"Tiermehl macht im Rinderfutter bis zu einem Prozent aus", bestätigte Irene Lukassowitz vom Berliner Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin. "Das ist so, als würde man Kondome mit Löchern verkaufen", empörte sich ein Bauer.



PHASE 3: DEUTSCHLAND



Zunächst kämpften die Deutschen wacker gegen die Ignoranz der EU-Behörden. Kein anderes Land focht in Brüssel so kompromisslos für ein totales Ausfuhrverbot von britischem Beef – und keines knickte nachher so kläglich ein, als die anderen EU-Partner nicht mitzogen.

Im März 1994 forderte Bundesgesundheitsminister Seehofer (CSU) in Brüssel eine EU-weite Einfuhrsperre, um "das nicht zu verantwortende Experiment am Menschen" zu beenden. Aber er konnte sich bei seinen EU-Kollegen nicht durchsetzen. Daraufhin verzichtete er auf "Alleingänge".

Im November 1993 hatte der neue Agrarkommissar René Steichen, ein Luxemburger, Seehofer in einem Brief gewarnt: "Jede neue Diskussion hat dramatische Auswirkungen auf den Rindfleischverbrauch der gesamten Gemeinschaft."

Mit niederen Chargen sprangen die Eurokraten rabiat um: Arpad Somogyi vom Bundesgesundheitsamt war in Brüssel verrufen, weil er insistierte, dass seine abweichende Meinung in den beratenden Veterinärausschüssen ins Protokoll aufgenommen wurde.

Als Somogyi bei einer WHO-Konferenz in Paris 1993 die unter Forschern inzwischen unumstrittene Forderung vortrug, dass Fleisch aus BSE-Herden strikt aus der Nahrungskette zu verbannen sei, bekam wenig später sein Vorgesetzter Seehofer einen rüden Brief aus Brüssel. Guy Legras, Chef der Agrardirektion, verlangte, dass Bonn dem Mann künftig Redeverbot auf internationalen Foren erteilen solle.

Seehofer wurde auch aus den eigenen Reihen unter Feuer genommen. Als er laut über eine Einfuhrsperre nachdachte, raunzte sein Landwirtschafts-Kollege Jochen Borchert, BSE sei ein Tierseuchenproblem, für dessen Lösung ein Gesundheitsminister nicht zuständig sei.

Auch in Brüssel hütete die Agrarabteilung ihr Monopol auf die BSE-Frage. Sie allein bestimmte, wer den von ihr berufenen wissenschaftlichen Ausschüssen angehörte, und sie hievte auf alle wichtigen Posten britische Fachleute, die von der Regierung John Major bezahlt wurden. So war es nicht verwunderlich, dass in Brüssel meist mit den gleichen Begründungen beschwichtigt wurde wie in London.

Deutsche Experten wie der Münchner Neurologe Hans Kretzschmar, der Tübinger Tiervirologe Martin Groschup oder der Berliner Virologe Heino Diringer konnten ohnehin kaum eigene Forschung betreiben. Bis zuletzt waren sie auf britische Untersuchungen und britische Literatur angewiesen. Selbst Analysematerial aus England bekamen sie nicht. Niemand durfte Material von toten BSE-Rindern besitzen ohne die Genehmigung des Londoner Landwirtschaftsministeriums.

Die Überbringer unliebsamer Erkenntnisse wurden freilich auch von deutschen Offiziellen gern abgestraft. Klaus Hofmann von der Bundesanstalt für Fleischforschung fand 1995 heraus, dass auch in deutschen Tiermehlfabriken der Kadaverbrei "wahrscheinlich nicht ausreichend erhitzt" werde, um alle Erreger abzutöten. Hofmann fühlte sich verpflichtet, das im Februar 1997 auch im Fernsehen zu sagen – ausgerechnet in derselben Sendung, in der sein höchster Vorgesetzter, Landwirtschaftsminister Borchert, deutsches Tiermehl wieder mal für "absolut sicher" erklärte.

Am nächsten Morgen bekam Hofmann einen Anruf von Borcherts Staatssekretär Franz-Josef Feiter persönlich, der von ihm einen sofortigen Rückzieher verlangte. Als Hofmann später trotzdem noch einen wissenschaftlichen Aufsatz nachschob, stellte der Abteilungsleiter im Landwirtschaftsministerium (BML), Kurt Padberg, klar, Hofmann habe keine Ergebnisse zu veröffentlichen, "bis nach der Erörterung im BML dafür ausdrücklich grünes Licht gegeben wird".

Der Personalrat des Ministeriums rettete Hofmann vor den Maulkorb-Bürokraten Feiter und Padberg. Das Ministerium setze sich "durch die Einschränkung von Wissenschaftlern in politisch hochsensiblen Bereichen möglicherweise dem Verdacht aus, dass es etwas zu verbergen gibt". Wenn "ein derartiger Vorgang öffentlich würde", schrieb der Personalrat, könne dem BML "größter Schaden daraus erwachsen".

Erst nach der nur sparsam kaschierten Drohung ließen Staatssekretär und Subalterne Hofmann in Ruhe. Freilich: Flächendeckend vorgeschrieben wurden die von ihm geforderten Tests erst, nachdem im November 2000 das erste originäre BSE-Rind in Deutschland entdeckt wurde.

Bis dahin hatten die Lobbyisten freies Feld. "Dem Verbraucher", so sagte etwa der Geschäftsführer des Verbands Fleischmehlindustrie, Harald Niemann, werde in den deutschen Medien "suggeriert, dass mit dem 'Rinderwahnsinn' eine ungeheure Gefahr" auf ihn zukomme. Es sei jedoch "nicht gerechtfertigt", wegen vereinzelter BSE-Fälle im Ausland "die Verfütterung von Tiermehl aus deutscher Herkunft in Frage zu stellen".

Der Interessenverband berief sich damals auf einen Persilschein, den Edgar Schulz, Leiter des Instituts für Tierernährung an der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft, ausgestellt hatte. Dass "heute noch" einige Hersteller von so genanntem Qualitätsfleisch "Produkte der Fleischmehlindustrie von der Fütterung ausgeschlossen haben", bedauerte Schulz, könne "nur an emotionalen Vorbehalten der Verbraucher liegen".

Das Misstrauen haben sich Regierung und Futtermittelindustrie selbst eingebrockt. Noch bis Mitte der siebziger Jahre druckte die Industrie die Prozentzahlen der Mixturen einfach auf die Tüten. Für jede Futtermischung benötigte die Branche zudem eine Einzelzulassung des Landwirtschaftsministeriums.

Die Ministerialen beschlossen jedoch 1976, sich und der Industrie die Sache leichter zu machen, und verordneten das Ende der "obligatorischen offenen Gemengteildeklaration". Wie viele Ekelstoffe im Futter waren, blieb jetzt das Geheimnis der Industrie; nur die Stoffarten wie Rohproteine oder Rohfette waren noch aufzuzählen.

Eine Begründung hatte die Branche parat: Um den Nährwert des Viehfutters stabil zu halten, müsse man mehrmals am Tag das Gemisch ändern – da könne man nicht jedes Mal das Etikett auf der Tüte anpassen.

Ähnlich risikofreudig agierten deutsche Behörden, als nach den ersten Toten die EU umsteuerte und der Wissenschaftliche Lenkungsausschuss 1997 empfahl, vorsichtshalber sollten Risikomaterialien wie Hirn, Augen, Milz oder Rückenmark aus der Nahrungskette des Menschen verbannt werden. Da bekamen die EU-Forscher zu hören, dass es in Deutschland kein BSE und mithin auch kein Risikomaterial gebe.

Bis Oktober vergangenen Jahres durfte Rinderhirn deshalb in deutscher Wurst verarbeitet werden. Da die Deutschen Weltmeister im Wurstessen sind, war dies mit Sicherheit der gefährlichste Infektionspfad – riskanter als Rouladen, Steaks oder Kalbsnierchen.

Dabei hatte schon 1996 die Kulmbacher Bundesanstalt für Fleischforschung in Briefen an das Landwirtschafts- und das Gesundheitsministerium vor den Gefahren von so genanntem Separatorenfleisch gewarnt. Bei dieser Resteverwertung wird in einer waschmaschinenartigen Trommel auch noch die letzte Faser Fleisch vom Knochen abgekratzt, so dass infektiöses Rückenmark in den Wurstbrei geraten kann.

Die Bundesanstalt habe empfohlen, Risikomaterial von Rindern "aus der gesamten Nahrungskette zu verbannen", so der Kulmbacher BSE-Experte Manfred Gareis. Doch auf die Schreiben des Instituts hätten die damaligen Minister Borchert und Seehofer überhaupt nicht reagiert.

Bei einem BSE-Hearing, das am 24. Januar 1997 im bayerischen Gesundheitsministerium stattfand, referierte ein Experte, der jahrelang zu den Verharmlosern gehört hatte: Ray Bradley, jener Chefpathologe am Zentralen Veterinärlabor in Weybridge, der beim Ausbruch der Seuche den Rat gegeben hatte, "die Sache auf niedrigem Niveau zu spielen".

Doch Bradley hat sich, scheint's, zum Paulus gewandelt: In Ländern, in denen Risikomaterial in die Nahrungskette gelange, warnte er nun die Deutschen, bestehe ein "definitives Risiko" für die Menschen.

Es sei "eine politische Entscheidung, ob ein Politiker mit Blick auf den Verbraucher dieses Risiko akzeptiere".

Die bayerische Staatsregierung entschied sich für das russische Roulette: Beim "Tag der Landwirtschaft" am 19. April 1998 --- S.54 wehrte sich Ministerpräsident Edmund Stoiber "entschieden" dagegen, dass die EU-Kommission "alle Mitgliedstaaten gleichsam in einen Topf schmeißen will und hier bestimmte Risikoorgane wie Rückenmark und Nieren nicht mehr für den menschlichen Verzehr, ja nicht einmal mehr als Tierfutter zulässt". Er habe, brüstete sich der CSU-Chef, "der Kommission sehr deutlich gemacht, dass wir ihren überzogenen Forderungen hier nicht folgen werden".

Mit derselben Überheblichkeit wiesen deutsche Regierungsstellen das Ansinnen zurück, Schlachtvieh auf BSE zu testen.

Vor allem die nordrhein-westfälische Landwirtschaftsministerin Bärbel Höhn von den Grünen machte sich 1999 die Argumente für Schnelltests zu eigen. Sie forderte die bundesweite Einführung und geriet darüber in Streit mit der bayerischen Gesundheitsministerin Barbara Stamm. "Ungeeignet und überflüssig" seien die Tests, meinte die CSU-Frau.

Noch im August forderte Stamm ihren Berliner Kollegen Funke schriftlich auf, wegen des in ihren Augen unnötigen und teuren Verbots von Innereien in der Wurst beim Europäischen Gerichtshof in Luxemburg zu klagen. Diese Vorschrift sei eine "unzumutbare Beeinträchtigung" für Bauern und Metzger. Als die überforderte Christsoziale im Januar zurücktreten musste, bekundete sie treuherzig, der Bauernverband habe ihr den Brief diktiert.

Doch auch die jetzige Bundesregierung tat so, als glaube sie wirklich, das Land sei BSE-frei. Empört reagierte das Berliner Agrarministerium unter Funke noch im vergangenen Frühjahr, als der Wissenschaftliche Lenkungsausschuss der EU in einer dicken Studie Deutschland als BSEgefährdet einstufte.

Die Experten warfen den Deutschen vor, jahrelang bei den verlangten BSE-Mindestvorsorgetests geschlampt zu haben. Statt jedes Jahr 300 Kühe zu überprüfen, testeten die Deutschen bis 1995 nicht einmal 100 – sie wollten es offenbar nicht wissen*.

Deutschland habe überdies bis 1993 mehr als 13 000 lebende Rinder aus Großbritannien eingeführt sowie laut britischer Exportstatistik rund 1300 Tonnen Tiermehl. Deshalb, so das Fazit der Wissenschaftler, sei eine BSE-Infektion – trotz gegenteiliger Beteuerungen aus Berlin – in Deutschland "wahrscheinlich".

Funkes Beamte wüteten über die Brüsseler "Unverschämtheit" und redeten die Studie herunter: Der Ausschuss habe keine Beweise vorgelegt, verwende veraltete Daten und habe "nur Handelsströme" bewertet.

Der deutsche Chefveterinär Werner Zwingmann wiegelte nach demselben Muster ab wie sein britischer Kollege Meldrum vor zehn Jahren: Die angebliche Gefahr sei doch "rein spekulativ".

Ein halbes Jahr später wurde im Stall des Bauern Peter Lorenzen im schleswig- holsteinischen Hörsten die erste deutsche BSE-Kuh entdeckt.



DIE OPFER



Mit Lippenstift hatte die 15-jährige Victoria Wimmer aus Wales auf ein Kalenderblatt den schlichten Satz geschrieben: "Ich will mein Leben zurück." Das war kurz bevor sie ins Koma fiel.

Ende 1993 hatte ihre Großmutter erste Veränderungen bemerkt. Vicky wurde vergesslich, konnte ihre Tasse nicht mehr halten. Als sie zusehends abmagerte und sich nicht mehr auf den Beinen halten konnte, kam sie ins Krankenhaus. Die Ärzte vermuteten zunächst einen Gehirnschaden durch Masern – an die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit glaubten sie nicht, dafür war Vicky noch viel zu jung.

Von der Hirnkrankheit, die bereits 1920 von den deutschen Ärzten Hans-Georg Creutzfeldt und Alfons Jakob entdeckt worden ist, werden vorwiegend Menschen von über 55 Jahren befallen. Wegen der langen Inkubationszeit galt CJK im Kindesalter als ausgeschlossen.

Als Victoria 1994 ins Koma fiel, vermutete der aufmüpfige Forscher Richard Lacey sofort eine Infektion durch Rindfleisch. Doch die Regierung leugnete einen Zusammenhang. Das Londoner Gesundheitsministerium ordnete an, einen "untypischen Zufall" auf dem Krankenblatt zu attestieren. Wenige Monate nachdem das Mädchen für immer sein Bewusstsein verlor, erlag der 19-jährige Abiturient Stephen Churchill als Erster dem neuen Hirnleiden, bald darauf folgten weitere Opfer.

Als der britische Neuropathologe James Ironside die Gehirne von drei jungen Patienten 1995 verglich, fielen ihm die immer gleichen durchlöcherten Gehirne auf. Die Gewebeschnitte ähnelten den zerfressenen Hirnen der BSE-Rinder.

Ironside nannte das tödliche Leiden die "neue Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit", kurz vCJK. Der "Daily Mirror" erschien am 20. März 1996 mit der Schlagzeile: "Der Rinderwahn kann auch Sie umbringen, das wird die Regierung heute einräumen." Das Blatt hatte ein Gutachten zugespielt bekommen, in dem die 13 Mitglieder eines wissenschaftlichen Beratungsgremiums ihre bestürzenden Befunde über acht vCJK-Tote niederlegten. Die Kranken seien im Durchschnitt 27,5 Jahre alt gewesen, und es könne nicht mehr ausgeschlossen werden, dass sie sich durch Rindfleisch infiziert hätten. Die Bombe war geplatzt.

Das jahrelang funktionierende Kartell der Vertuscher brach innerhalb weniger Tage zusammen. "Abertausende" Menschen würden an vCJK sterben, prophezeite der Vorsitzende der Regierungskommission, David Tyrell. Biomathematiker stellten später Modellrechnungen auf, wonach bis zu 130 000 Menschen befallen werden könnten – allein in England.

Frances Hall, deren Sohn Peter 1996 an den BSE-Folgen starb, sagte: "Jemand muss beschlossen haben, dass es finanziell lohnender ist, wenn man ein paar Menschenleben verliert, als wenn man die Rindfleischindustrie zerstört."

JÜRGEN DAHLKAMP, MARCO EVERS, NORBERT F. PÖTZL, SYLVIA SCHREIBER

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