Interview "Die wahrscheinlich vielseitigste Faser der Welt"

Brian Johnson ist als Vicepresident und Global Business Director des amerikanischen Chemiekonzerns DuPont verantwortlich für den Geschäftsbereich Nylon. Mit SPIEGEL ONLINE sprach er über Revolution, Evolution und Körperlotion – in Beinkleidern.


Dem eigenen Produkt treu ergeben: "Mr. Tactel" Brian Johnson
DuPont

Dem eigenen Produkt treu ergeben: "Mr. Tactel" Brian Johnson

SPIEGEL ONLINE

: Herr Johnson, was trägt der Vize-Chef des weltweit größten Nylon-Herstellers während eines Interviews?

Johnson: Was glauben Sie? Beigefarbene Tactel Baumwollhosen und Tactel Herrenunterwäsche natürlich.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Ihren brancheninternen Spitznamen Mr. Tactel also keineswegs zu Unrecht bekommen. Erklären Sie uns, worin sich diese Faser vom Nylon unterscheidet?

Johnson: Die meisten Verbraucher assoziieren mit dem Namen Nylon das Ur-Produkt, wie es vor 20 Jahren auf dem Markt war, obwohl es inzwischen ein Oberbegriff für eine Menge verschiedener Polyamide ist. Auf Grund der neuen Technologien werden heute Fasern kreiert, die sich anfühlen wie Wolle oder Baumwolle, obwohl sie 100 Prozent synthetisch sind. Das Polyamid Tactel hat eine andere chemische Zusammensetzung als Nylon und gehört zur Gruppe der so genannten New-Age-Fasern, die pflegeleicht und atmungsaktiv sind.

SPIEGEL ONLINE: In welchen Bereichen wird Tactel hauptsächlich gebraucht?

Johnson: Wir verwenden Tactel in über 40 Produktgruppen: Das bekannteste Beispiel ist zweifellos der Bereich Legware: Wir beliefern 30 Prozent des europäischen Strumpf-Marktes mit Tactel. Aber auch Dessous und Herrenunterwäsche haben erheblich an Bedeutung gewonnen. Im Sportswear-Bereich ist Tactel Bestandteil von Ski- und Snowboarding-Outfits oder Golfkleidung. In Kombination mit Lycra ist unsere Faser bei Damen- und Herrenoberbekleidung sehr erfolgreich. Tactel ist die wahrscheinlich vielseitigste Faser der Welt.

Zeitlos, elegant und zu 100 Prozent aus Kunstfaser – auch die Couturiers griffen beherzt zu Nylon
DuPont

Zeitlos, elegant und zu 100 Prozent aus Kunstfaser – auch die Couturiers griffen beherzt zu Nylon

SPIEGEL ONLINE: Und das gute alte Nylon?

Johnson: Sie werden staunen: Man benutzt es bei der Produktion von Reifen, Fallschirmen und Teppichen. Nahezu alle in Deutschland erhältlichen Bodenbeläge sind aus Nylon. Lingerie hat wieder an Bedeutung gewonnen. Bis vor wenigen Jahren haben deutsche Frauen fast ausschließlich Baumwoll-Dessous gekauft – jetzt sind die Mikrofasern und damit auch das Nylon wieder im Kommen.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat DuPont reagiert, als die synthetischen Fasern in den siebziger Jahren in Misskredit gerieten und die ganze Branche einen Imageverlust hinnehmen musste?

Johnson: Der Absatzrückgang in der Textilbranche war für uns damals nicht so gravierend, weil der Weltmarkt zur gleichen Zeit wuchs und wir Nylon auch in anderen Produktbereichen eingesetzt haben.

SPIEGEL ONLINE: Haben synthetische Fasern wie Tactel, Polyester oder Orlon sich den schlechten Ruf als klebriges und Schweiß treibendes Relikt der fünfziger und sechziger Jahre bewahrt?

Johnson: Für eine Weile hatten sie in der Tat ein schlechtes Image. Auch im Moment tendieren die Verbraucher eher zu natürlichen Fasern. Seitdem allerdings die Mikrofasern auf den Markt kamen und gezeigt haben, welchen Tragekomfort synthetische Stoffe bieten, hat sich die Einstellung zu Tactel und Co. grundlegend geändert. Unsere Kunden sind von der Weichheit des Materials begeistert.

SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig sind denn die so genannten Wash-and-wear-Konzepte? Legen die Verbraucher Wert darauf, dass ihr Kleidungsstück bügelfrei ist und einfach in der Waschmaschine gewaschen werden kann?

Johnson: Unbedingt. Der einfache Umgang mit Textilien ist heute mindestens so wichtig wie Tragekomfort und die Idee des Wohlfühlens, die ich mit einem Produkt verbinde.

Von der US-Nylon-Flagge auf dem Mond bis zum Haute-Couture-Outfit: DuPonts Wunderfaser war immer dabei
DuPont

Von der US-Nylon-Flagge auf dem Mond bis zum Haute-Couture-Outfit: DuPonts Wunderfaser war immer dabei

SPIEGEL ONLINE: Arbeiten Sie noch mit Haute-Couture-Designern zusammen?

Johnson: Weniger in Frankreich als in Italien. Was Stoffe und Muster betrifft, befinden sich die innovativsten und wagemutigsten Designer der Welt zurzeit in London und Mailand. Die Italiener produzieren phantastische Stoffe. Mit führenden Designern wie Max Mara entwerfen wir Ready-to-wear-Mode, mit unseren Händlern denken wir ständig über neue Produktreihen nach.

SPIEGEL ONLINE: Kann ein neuer Stoff einen Trend, einen neuen Look kreieren?

Johnson: Manchmal durchaus. Bei Tactel Diabolo ist uns das auf Grund des außergewöhnlichen Glanzes gelungen. Auf der anderen Seite mussten wir sehr schnell auf den Trend zu natürlichen Materialien reagieren – wir haben TactelN entwickelt, das zu 30 bis 60 Prozent aus Naturfasern besteht. Wie bei allem gilt auch in der Mode: Das einzig bleibende ist der Wechsel.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie uns die Entwicklung einer neuen, ultimativen Wunderfaser in Aussicht stellen?

Johnson: Wir haben ein etwas futuristisch anmutendes Modell kreiert – eine Hose mit integrierter Hautcreme. Das ist durch ein bestimmtes Verfahren der Einkapselung möglich geworden. Im Normalfall gehen wir allerdings in den Markt und versuchen, die Bedürfnisse der Verbraucher umzusetzen. Wir haben kürzlich in Verona eine neue Hightech-Faser mit Lycra präsentiert, die es möglich macht, auch metallische Fasern so vorteilhaft in das Gewebe einzubinden, dass man den Unterschied zu Mikrofasern nicht mehr merkt. Silber- und Goldoptik muss jetzt also nicht mehr unbequem sein. Für uns bedeutet das Innovation – aber eben auf dem Gebiet des Tragekomforts.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben einmal gesagt, dass Evolution in der Modebranche wichtiger ist als Revolution.

Johnson: Sehen Sie, wir geben Milliarden von Dollars für die Entwicklung aus. Auch das Nylon wurde nicht von heute auf morgen entdeckt – DuPont hat 11 Jahre daran gearbeitet und viele Millionen Dollar investiert. Eine revolutionäre Faser zu entwickeln kostet eben Zeit und Geld.

Das Interview führte Annette Langer



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