EU-Resolution Keine Silikon-Implantate für Minderjährige

Rund 300.000 Frauen in Deutschland tragen Brustimplantate. Jetzt will das Europaparlament dafür sorgen, dass jungen Frauen unter 18 Jahren der Schnitt zum voluminösen Dekolleté verwehrt bleibt.


In Form gegossen und gekühlt: Brustimplantate einer Firma aus Minneapolis
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In Form gegossen und gekühlt: Brustimplantate einer Firma aus Minneapolis

Straßburg - In einer am Mittwoch mit großer Mehrheit angenommenen Resolution gaben die EU-Parlamentarier folgende Empfehlung: Schönheitschirurgen sollen nicht nur eindeutig auf Gefahren, Risiken und Folgeerscheinungen eines solchen Eingriffs hinweisen, sondern auch langfristig die Basis für eine bessere Erforschung der Nebenwirkungen von Silikon-Kissen schaffen. Die Abgeordneten wünschen sich ein Brustimplantats-Register, in dem verlässliche Daten aus den jeweiligen EU-Mitgliedsstaaten gesammelt werden. Zudem sollte jede Frau mit Silikon-Implantat einen Patienten-Pass erhalten, der Auskunft über die Art des verwendeten Implantats sowie dessen Verträglichkeit geben soll.

Oliver Meyer-Walters, selbständiger Facharzt für plastische und ästhetische Chirurgie in Hamburg, begrüßt die Empfehlung der Brüsseler Kommission ausdrücklich: "Ich rate fast immer von Brustimplantationen bei sehr jungen Frauen ab, weil deren Körpergefühl noch gar nicht vollkommen entwickelt ist. In Deutschland brauchen Minderjährige zudem immer die Einverständniserklärung der Erziehungsberechtigten." Lediglich bei medizinischen Extrem-Befunden, die eine große psychische Belastung für die Patientin bedeuten, würde der Arzt sich zu einem solchen Eingriff entschließen.

DPA
Im EU-Parlament hofft man, dass die medizinische Forschung Techniken entwickelt, mit denen zuverlässig Silikon-Konzentrationen in Körperflüssigkeiten und -gewebe gemessen werden können. Einigen Studien zufolge reißt ungefähr die Hälfte der Kissen nach sieben bis zehn Jahren, nach 20 Jahren sind es bis zu 95 Prozent. Immer wieder klagen Frauen nach der Implantation über ein Ziehen in der Brust, Muskel- und Sehnenschmerzen oder Erkrankungen des Bindegewebes. Auch ist offensichtlich immer noch zu wenig über das Krebsrisiko bekannt.

Anlass für die Resolution waren mehrere Eingaben von Selbsthilfegruppen aus Deutschland, Belgien, den Niederlanden und Großbritannien an den Petitionsausschuss des EU-Parlaments. Über tausend Frauen hatten das Gesuch unterzeichnet. Nach eigenen Angaben leiden sie unter Beschwerden, die auf Silikon-Kissen in der Brust zurückgehen. Die Frauen hatten ein sofortiges Verbot dieser Implantate gefordert, deren Unschädlichkeit für den Organismus bisher nicht bewiesen sei.

In den USA und Kanada tauchten erste gesundheitliche Bedenken gegen die Verwendung von Silikon-Implantaten in den achtziger Jahren auf. Seit 1992 werden in den Vereinigten Staaten Silikon-Kissen nur bei einer medizinisch notwendigen Rekonstruktion der Brust, etwa nach einer Amputation, verwendet. In der EU setzte lediglich Frankreich 1995 ein Verbot von Brustimplantaten mit Silikon durch. Dort sind ausschließlich mit Kochsalzlösung gefüllte Kissen erlaubt.

Aber auch alternative Füllmaterialien brachten nicht die erhofften Erfolge. In Deutschland sind Sojaöl-Kissen inzwischen verboten, von Hydrogel-Implantaten wird abgeraten. Die Briten haben gleich beide Produkte vom Markt genommen. In Ermangelung innovativer Materialien und sinnvoller Alternativen lehnt Schönheitschirurg Meyer-Walters ein generelles Verbot von Silikon-Kissen kategorisch ab: "Vor allem das auslaufsichere Silikon-Gel hat sich in meiner Praxis als sehr gut verträglich und haltbar erwiesen. Es ist im Moment – sowohl aus medizinischer als auch ästhetischer Sicht – das einzig brauchbare Material."

Das EU-Parlament sah auf Grund fehlender Beweise für ein Gesundheitsrisiko noch keinen Anlass für ein generelles Verbot von Silikon-Kissen.

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