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Prostitution im NS-Staat: "Die Spitze der Doppelmoral"

Emilija Mitrovic, 49, ist Sozialwissenschaftlerin und Lehrbeauftragte an zwei Hamburger Fachhochschulen, wo sie unter anderem Seminare zur Geschichte der Prostitution abhält. Mit SPIEGEL ONLINE sprach sie über die Langlebigkeit der Doppelmoral, Bordelle in Konzentrationslagern und das Ende der Sittenwidrigkeit.

SPIEGEL ONLINE:

Von der Stigmatisierung zu Beginn des 19. Jahrhunderts über die Ausbeutung und Vernichtung von Prostituierten im NS-Staat bis zum heutigen Sex-Trafficking hat die Prostitution ihr Gesicht mehrfach drastisch verändert. Worin unterschieden sich die verschiedenen Epochen im Umgang mit dem ältesten Gewerbe der Welt?

Emilija Mitrovic: Seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts legte der Staat es nicht mehr darauf an, die Prostitution zu verbieten, sondern er versuchte, sie zu kontrollieren. Schon 1807 wurde in Hamburg die erste Verordnung erlassen, die Prostitution bedingt tolerierte. Der Grundgedanke war, durch polizeilich konzessionierte und überwachte Bordelle die Ausbreitung der Wegeprostitution über die gesamte Stadt zu verhindern. 1834 wurde diese Verordnung noch einmal verschärft: Jetzt gab man vor, wann, wo und mit wem sich die Frauen treffen durften. Das besondere Augenmerk der Behörden galt der gesundheitlichen Situation - man schrieb die explosionsartige Ausbreitung von Syphilis und anderen Geschlechtskrankheiten den Huren zu. Dass auch die männlichen Kunden zu deren Verbreitung beitrugen, wurde geflissentlich übersehen.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat sich die Zahl der Hamburger Frauen im sexuellen Dienstleistungsbereich mit den Jahren entwickelt?

Mitrovic: Das ist ein interessanter Punkt: 1895 schätzte die Hamburger Kriminalpolizei die Zahl der freien Prostituierten auf 3000 bis 4000 - das ist dieselbe Zahl, welche die Polizei heute abgibt.

SPIEGEL ONLINE: Eine institutionalisierte Schätzung?

Mitrovic: Nein, sicher nicht. Aber eine erstaunliche Entwicklung, wenn man bedenkt, wie groß die Schwankungen in der Zwischenzeit waren.

SPIEGEL ONLINE: Kann man die Zahlen so deuten, dass sich im Laufe von hundert Jahren überhaupt nichts geändert hat?

Mitrovic: An der Doppelmoral hat sich nicht viel geändert, wobei man die Zeit der Nazi-Herrschaft als besonders tragisch für die Prostituierten hervorheben muss. Die Frauen galten als gemeinschaftswidrig und konnten als "asoziale weibliche Elemente" jederzeit aufgegriffen und interniert werden. Es war die Spitze der Doppelmoral, dass die Nationalsozialisten auf der anderen Seite selbst Bordelle eingerichtet haben. Da gab es die Wehrmachtsbordelle in Frankreich und Polen, dann die Bordelle für Fremdarbeiter, für die Frauen aus den jeweiligen Ländern rekrutiert wurden und schließlich die Bordelle in den Konzentrationslagern. Ein solcher Umgang mir den Prostituierten war sicherlich der Höhepunkt der Verlogenheit - die ihr zu Grunde liegende Haltung allerdings schon vorher vorhanden.

SPIEGEL ONLINE: Und die wäre?

Mitrovic: Man setzte die Triebhaftigkeit des Mannes voraus. In Verbindung mit dem abweichenden Verhalten der Frau erreichte man eine gesellschaftliche Funktion. Dabei war die Frau stets die Schuldige, das Opfer-Täter-Verhältnis wurde ins Gegenteil verkehrt.

SPIEGEL ONLINE: Viele Fürsorgerinnen, die in der NS-Zeit wirkliche und vermeintliche Prostituierte in die Heime und damit in einigen Fällen implizit in die Lager geschickt haben, sind auch nach Kriegsende unverdrossen und unbehelligt ihrem Job nachgegangen.

Mitrovic: Das ist richtig. In der Fürsorge sind überhaupt keine Konsequenzen aus dieser Zeit gezogen worden. Da wurde nicht entnazifiziert - als ob der Fürsorgeberuf außen vor liege und eine ausschließlich helfende Tätigkeit sei. Zwar findet man den repressiven Anteil der Fürsorge auch in der heutigen Sozialarbeit, die akzeptierende Arbeit hat jedoch sehr zugenommen. Die Frauen werden in den Beratungsstellen so angenommen, wie sie sind. Wer den Weg aus Sucht, Prostitution oder beidem sucht, erhält die volle Unterstützung, es gibt jedoch keine Zwangsresozialisierung.

SPIEGEL ONLINE: Ist das eine effektivere Form der Sozialarbeit?

Mitrovic: Nicht, wenn es darum geht, die Mädchen von Straße zu wegzuholen. Zwar wird das Elend dadurch sichtbarer. Ich halte es allerdings für richtiger, so vorzugehen, als das Problem zu verdrängen. Mit klassischer Musik am Hauptbahnhof und einem größeren Polizeiaufgebot ist dem sicherlich nicht beizukommen.

SPIEGEL ONLINE: Wann ging es den Huren rückblickend gesehen am besten?

Mitrovic: Heute. Auch nach Kriegsende war die Prostitution ja keineswegs verboten. Weil man sie aber unter die Sittenwidrigkeit stellte, konnte keine ehrbare Frau sich dazu bekennen, mit einer solchen Arbeit ihr Geld zu verdienen. Heute hat sich die allgemeine Vorstellung von Moral geändert. Das neue Prostitutionsgesetz der Bundesregierung ist ein Schritt in die richtige Richtung - auch wenn es den Nachteil hat, dass über die Hälfte der Frauen, nämlich die Migrantinnen, davon überhaupt nichts haben.

SPIEGEL ONLINE: Wer profitiert denn in der Praxis überhaupt vom Ende der Sittenwidrigkeit?

Mitrovic: Vor allem jene Frauen, die in der so genannten Edelprostitution tätig sind, Besitzer kleinerer Bars, wie dem Berliner Café Pssst! von Felicitas Weigmann. Der Ruf ihrer Arbeit wird durch das Verständnis von Prostitution als sexuelle Dienstleistung aufpoliert. Den meisten Frauen besonders hier in Hamburg ist das Gesetz allerdings vollkommen gleichgültig.

SPIEGEL ONLINE: Wie engagiert sind denn die so genannten Arbeitgeber, also die Bordellbesitzer? Melden sich spürbar mehr Frauen zur Sozialversicherung an?

Mitrovic: Es ist noch zu früh, um das beurteilen zu können, aber im Moment passiert in dieser Hinsicht noch nicht viel. Ich werde ab Januar eine Erhebung in fünf deutschen Städten unternehmen, bei der unter Prostituierten, in Beratungsstellen, bei Versicherungsanstalten und Arbeitsämter untersucht werden soll, ob sich effektiv etwas getan hat. Die Analyse wird mit Sicherheit keine quantitative, sondern einen qualitative, weil die Daten schwer zu bekommen sind und die Grauzone bekanntermaßen groß ist.

SPIEGEL ONLINE: Können sie irgendeine Form von historischem Lernprozess bei der staatlichen Handhabung von Prostitution entdecken?

Mitrovic: Das ist schwer zu sagen, weil die ganz Thematik sehr stark von Ideologie geprägt ist. Ich halte es für unvorstellbar, dass unter einer CDU-Regierung das jetzige Prostitutionsgesetz jemals durch die Instanzen gekommen wäre.

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