Zeugnis einer untergegangenen Hochkultur Asiens oder einfach nur ein Felsklotz im Meer? Das Yonaguni-Monument

Die einzigartige Morphologie einer geologischen Formation vor der Küste der japanischen Insel Yonaguni bewegt seit 1985 die Gemüter von Forschern, Mystikern und Medien. Bisher gibt es nur kontroverse Meinungsbilder, die bisher präsentierten Indizien taugen kaum als Beweis für eine hoch stehende Zivilisation im asiatischen Raum während der letzten Eiszeit.

Von Wolf Wichmann


Sorgt für kontroverse Debatten: Die unterseeische Gesteinsformation von Yonaguni
SPIEGEL TV

Sorgt für kontroverse Debatten: Die unterseeische Gesteinsformation von Yonaguni

Auf der Suche nach lohnenden Exkursionszielen für seine Kunden stieß Kihachiro Aratake, Besitzer und Betreiber einer Tauchbasis auf Yonaguni, vor 18 Jahren unter Wasser auf eine merkwürdige Formation aus Stein. Der annähernd rechteckige, asymmetrische Felsklotz mit einer Oberfläche von etwa 50 mal 20 Metern stand vor der felsigen Kliffküste im Süden der Insel auf dem Meeresgrund. Der Sockel lag in etwa 25 Metern, die Oberfläche reichte bis knapp unter die Wasseroberfläche und wurde bei schwerem Wellengang schon mal frei gelegt, bevor die Brecher sie überspülten.

Die Vielzahl und die Zusammenstellung ungewöhnlicher Formelemente, wie leicht geneigte, glatt polierte Plateaus, straßenartig verlaufende Terassen und von senkrechten Wänden eingefasste Kanäle, setzten den Taucher in ehrfürchtiges Erstaunen. Zutiefst verwundert über die erstaunliche Komposition der scheinbar unnatürlich geraden Kanten, Treppenstufen und Linienmuster, wandte sich der umtriebige Geschäftsmann mit seiner Entdeckung an Medien und Wissenschaft. Schon kurze Zeit später berichteten die wichtigsten Zeitungen Japans über den Fund einer archäologische Sensation.

Seither sorgt das "Yonaguni-Monument" am "Iseki Point" für kontroverse Debatten - nicht nur in den nationalen japanischen Medien, sondern mittlerweile auch unter Geowissenschaftlern, Historikern und in Esoteriker-Zirkeln weltweit. Dabei geht es um die Frage, ob die teilweise terassierte, rechteckige Formation das Relikt einer technologisch, kulturell und sozial hoch entwickelten frühen menschlichen Gesellschaft oder schlicht das Ergebnis der natürlichen Erosionsprozesse ist, die vor Ort seit Jahrtausenden ablaufen.

Schon sehr früh schien - zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung - die Entscheidung hierüber gefallen zu sein. Nach dem Urteil von Masaaki Kimura, Professor für marine Geologie und Geophysik an der "Ryukyus-Universität" in Naha, der Hauptstadt Okinawas, ist das Yonaguni-Monument der Beleg für die Existenz einer hoch entwickelten Zivilisation, die vor rund 8.000 Jahren im asiatischen Raum ihre Blütezeit hatte. Häufig ist in diesem Zusammenhang auch von dem pazifischen Zwillingskontinent des sagenhaften Atlantis, Lemurien oder kurz Mu die Rede, von dem aus die Keime hoch entwickelter Technologie und Kultur in die umliegenden Länder getragen worden sein sollen. In der Tat scheinen einige der sorgfältig gesammelten Indizien Kimuras eine gezielte Be- oder Überarbeitung der aus anstehendem Sandstein bestehenden Struktur nahe zu legen.

Das "Yonaguni-Monument" ist seit seiner Entdeckung zum Ziel einer grossen Anzahl von Forschern, Autoren, Journalisten und gläubigen Suchern der letzten Wahrheit oder schlichtweg von neugierigen Sporttauchern aus aller Welt geworden. Der englische Bestsellerautor Graham Hancock und seine Frau Santha Faiia dokumentierten im Verlaufe ihrer häufigen Besuche vor Ort die zahlreichen Muster der Formation und diskutierten deren Herkunft öffentlich in TV-Beiträgen, Büchern und Vorträgen. Unzählige Berichte in internationalen Print- und TV- Medien beschäftigen sich seither mit dem Mysterium von Yonaguni, auf zahllosen Internet-Seiten gibt es Kommentare und Stellungnahmen mit zum Teil gewagten Hypothesen.

In der überwiegenden Mehrzahl der Beiträge akzeptieren die Autoren oft leichtgläubig die Hypothese von der untergegangenen Hochkultur als Schöpferin dieser Struktur. Nur wenige Stimmen finden sich, die versuchen, sachlich-analytisch an das Thema des Felsens am "Iseki-Point" heran zu gehen.

DER SPIEGEL
Der Bostoner Professor für Geologie Robert Schoch ist einer von ihnen. Er besuchte die Formation 1997 zusammen mit Graham Hancock. Schoch kam zu dem vorläufigen Schluss, dass die Morphologie des Monumentes vor "Iseki Point" unter den dort herrschenden Bedingungen allein durch die erosive Tätigkeit natürlicher Prozesse heraus präpariert worden sein kann. Schon bei meinem ersten Aufenthalt auf Yonaguni als wissenschaftlicher Berater für SPIEGEL TV 1999 bin ich ohne Kenntnis dieser Einschätzung zu dem selben Ergebnis gekommen. Zwei Jahre später bei den Dreharbeiten zu Graham Hancocks TV-Serie "Underworld - Flooded Kingdoms of the Ice Age" (deutsch: "Jäger verlorener Schätze - Königreiche der Eiszeit", ZDF Expedition am 17. Oktober 2002) wurde dieser erste Eindruck durch zusätzliche Beobachtungen noch bestätigt.

Die Beobachtung und Interpretation der natürlichen Erosionsleistung, die sich vor allem in der Dynamik von Wellen und Brandung bei der Ausformung der Kliffküste auf Yonaguni zeigt, liefern den Schlüssel zum Verständnis der lokalen Morphologie. Die Felsformation des "Yonaguni-Monumentes" liegt in etwa 50 Meter Entfernung vor "Iseki Point" an der Südküste der Insel im Meer. Die Struktur ist auch heute noch den Kräften von Wind, Wellen und Brandung ausgesetzt, da sie mit ihrer Topfläche bis dicht unter die Wasseroberfläche reicht. Die heutige Kliffküste wird aktiv im Zusammenspiel der verschiedenen Kräfte des Meeres abgetragen und auf diese Weise langsam in Richtung Landesinnere zurück verlagert. Es gibt hinreichend Belege dafür, dass dieselben Vorgänge, die heute in der Brandungszone an der Basis des Felsenkliffs wirksam sind, das "Yonaguni-Monument" zu einer Zeit geschaffen haben, als der Meeresspiegel zwischen 30 und 40 Meter unter dem heutigen Niveau lag. Weitere geowissenschaftliche Untersuchungen sollten hier ansetzen, um die entsprechenden Indizien planvoll zu kartieren und die Entstehungsgeschichte nachzuzeichnen.

Die Steilküste der Insel gehört, ebenso wie das Monument selbst, zur so genannten Yaeyama-Gruppe. Diese Schichtfolge aus mittel- bis feinstkörnigem Sandstein ist vor rund 20 Millionen Jahren während des Unteren Miozäns abgelagert worden. Sie ist seither in dieser Region mehrfach vom Meer überflutet und wieder frei gelegt worden. Zahlreiche Erdbeben und Tsunamis haben das Gestein innerlich zerrüttet und frei liegende Bereiche abgetragen. Die südliche, also zum Meer hin exponierte Flanke ist morphologisch stark zergliedert. Scharfkantige Stufen mit senkrecht abfallenden Wänden zwischen einem halben und bis zu mehreren Metern Höhe vermitteln den Eindruck als habe jemand mit einer Säge grosse Stücke aus der Wand geschnitten.

Entnahme einer Gesteinsprobe: Geologe Wichmann am "Yonaguni-Monument"
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Entnahme einer Gesteinsprobe: Geologe Wichmann am "Yonaguni-Monument"

Bei genauerem Hinsehen und im Vergleich mit den noch heute ablaufenden Abtragungsprozessen an der nahe gelegenen Kliffküste kann man jedoch leicht feststellen, dass die Formen sich problemlos in Anlehnung an die natürlich angelegten Grundmuster im Gestein gebildet haben können. Die Terassenflächen und -wände verlaufen sämtlich entlang der vorgegebenen Schwächezonen im Felsen: den Schichtfugen des Sedimentgesteins und dem senkrecht zu diesen verlaufenden Klüftungsnetz. Auch alle anderen beobachteten Formen entsprechen dem Erosionsmuster, welches die an dieser Lokalität wirksamen Kräfte auslösen. So gibt es Brandungsgassen, Strudellöcher im scheinbar massiven Gestein, sekundär ausgehärtete Krustenüberzüge, sowie Löcher, die von Seeigeln und Bohrmuscheln ins Gestein gefräst worden sind. Alle diese Formen sind leicht als natürlich entstanden deutbar.

Viel schwieriger ist dagegen die eindeutige Beweisführung für einen künstlichen Ursprung einzelner Muster wie auch der gesamten Formation. Ohne Zweifel ist diese Aufgabe eine Herausforderung für objektive Archäologie und Geschichtsforschung. So müssten in erster Linie die möglicherweise vorhandenen Spuren planvoller Bearbeitung von den Formen der natürlichen Abtragung klar abgegrenzt werden, damit nicht Spekulation und Wunschdenken die Oberhand über klare Analyse und Interpretation gewinnen.



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