Evolutionäre Kooperation Das Gift von Jägern und Gejagten

Die Drüsen des nordamerikanischen Wassermolchs scheiden ein Sekret aus, das in der Lage ist, tausende von kleinen Säugetieren und sogar Menschen zu töten. Doch weshalb produziert der Salamander eine so grotesk große Menge an hoch wirksamem Gift?


Der Grünliche Wassermolch (Notophthalmus viridescens) stammt aus der Familie der "Echten Salamander“ (Salamandridae). Er ist in Nordostamerika weit verbreitet und wird zwischen sieben und 14 Zentimeter lang. Nach der Bauchfarbe unterscheidet man den Kalifornischen oder Gelbbauchmolch (Taricha torosa), der hauptsächlich in kleinen Seen und Teichen vorkommt, und den Rotbauchmolch (Taricha rivularis). Das Verbreitungsgebiet des rauhäutigen Körnchenmolches (Taricha granulosa) umfasst die Küstenregion des westlichen Nordamerika. Die drei Taricha-Arten können bis zu 20 Zentimeter lang werden. Ihre Haut ist während des Landlebens rau und körnig, im Wasser und zur Fortpflanzungszeit aber glatt. Und sie birgt das Geheimnis der Einzigartigkeit dieser Amphibien.

Wassermolche produzieren in ihren Drüsen ein hoch wirksames Gift in so überproportional großen Mengen, dass sie theoretisch in der Lage sind, bis zu 10.000 Mäuse damit zu töten. Die Zahl ihrer natürlichen Feinde ist dementsprechend gering. Lediglich die Strumpfbandnatter (Thamnophis), die sich neben den Salamandern vor allem von Kröten und Fröschen ernährt, widersteht dem Tetrodotoxin genannten Molchgift. Und selbst sie verhält sich nach dem Verzehr von Wassermolchen anders als sonst: Einige Nattern verharren mehrere Stunden regungslos, bei anderen sind die Bewegungsabläufe zumindest stark verzögert. Der Stoffwechsel der Schlange wird gleichsam auf ein Minimum heruntergefahren, damit sie in der Lage ist, das Gift zu neutralisieren.

Als Erklärung für die evolutionäre Ausbildung eines so effizienten Giftapparates bei einem verhältnismäßig kleinen Tier mit wenig Feinden vermuten Wissenschaftler eine Anpassung der Resistenz des Jägers an die steigenden Giftmengen beim Beutetier. Schon vor langer Zeit wurden die Nattern gegen kleine Dosen Tetrodotoxin resistent. Die Molche produzierten daraufhin immer größere Mengen des Nervengifts um sich zu schützen, doch die Schlange wurde auch dagegen unempfindlich. Mit jeder neuen Generation wurden die Nattern also resistenter und die Wassermolche giftiger.



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