Religion
Die Macht der Kirche
Mit dem Tod von Johannes Paul II. setzte eine globale Wallfahrt nach Rom ein. Millionen Gläubige sowie Staats- und Kirchenoberhäupter der ganzen Welt pilgerten in den Vatikan, um Abschied zu nehmen. Doch wie groß ist die Macht der katholischen Kirche wirklich? Im XXP-Studio diskutieren Experten über die neue Attraktivität einer Weltreligion.
DDP
Moderne Ikone: Ein Bild von Johannes Paul II. am Rathausturm von Krakau
Vielleicht, so vermuten Beobachter, ist der Papst nie so mächtig gewesen, wie in den Tagen nach seinem Tod. Das Medienspektakel, das sich rund um die Agonie und das Ableben des Stellvertreters Christi auf Erden rankte, war beispiellos. Korrespondenten und Kommentatoren rund um den Globus wurden nicht müde, zu betonen, wie groß der Einfluss des Heiligen Vaters vor allem auf die kommende Generation von Gläubigen, die Jugendlichen, gewesen sei. Mitunter tagelang harrten sie auf dem Petersplatz in Rom aus, um ihrer Trauer Ausdruck zu geben, sangen Lieder und beteten für den schon immer öffentlichkeitswirksamen, nun aber über Nacht zu "John Paul Superstar" gewordenen Papst Wojtila.
Es schien eine grandiose Demonstration des Glaubens, die sich in den letzen Tagen auf den Straßen und Plätzen der italienischen Hauptsstadt vollzog. Eine Renaissance der Frömmigkeit witterten Religionsexperten angesichts der triumphalen Trauerfeier für Johannes Paul II. Skeptiker erklären das Ganze schlicht zu einer weiteren Schaumschlägerei der globalen Spektakelsucht und verweisen auf die Kurzlebigkeit von Teenager-Träumen.
Doch in einem sind sich fast alle einig: Der Pazifismus des Papstes war glaubwürdig. Und wie kein anderer war der Mann aus Polen in der Position, Herrscher der Welt zu empfangen und ihnen die Leviten zu lesen. Was kommt nach Johannes Paul II.? Wird es der katholischen Kirche gelingen, ihre momentane Popularität in steigende Mitgliedszahlen umzuwandeln? Wie groß ist die Macht der Kurie in Wirklichkeit?
Im XXP-Studio diskutiert SPIEGEL-Redakteur Ulrich Schwarz mit Bundesminister a. D. Heiner Geißler, dem Theologieprofessor Gotthold Hasenhüttl und dem Deutschlandkorrespondenten der polnischen Presseagentur Jazek Lepiarz.
Gäste im Studio
Heiner Geißler, Bundesminister a. D.
Geißler studierte Philosophie sowie Rechtswissenschaften in München und Tübingen. Nach der Promotion arbeitete er zunächst als Richter, später als Leiter des Ministerbüros des Arbeits- und Sozialministers von Baden-Württemberg. Zehn Jahre lang war der heute 75-Jährige, Minister für Soziales, Jugend, Gesundheit und Sport in Rheinland-Pfalz. 1982 wurde Geißler zum Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit ernannt. Der langjährige Generalsekretär der CDU galt stets als unbestechlicher Kritiker auch der eigenen Parteifreunde. Der ehemalige Jesuitenschüler und Vater von drei Kindern ist katholisch und hat sich in seinen zahlreichen Büchern neben sozialpolitischen und zeitgeschichtlichen auch religiösen Themen gewidmet. Im Jahre 2003 erschien der SPIEGEL-Bestseller "Was würde Jesus heute sagen? Die politische Botschaft des Evangeliums", in dem er sich dafür einsetzt, Bibeltexte wie die Bergpredigt in ihrem historischen Kontext und als politische Botschaft ernst zu nehmen. Bereits 2000 schrieb Geißler "Wo ist Gott? Gespräche mit der nächsten Generation" - ein Buch, in dem er mit Jugendlichen über Glauben, Atheismus und Materialismus diskutiert.
Jazek Lepiarz, Deutschland-Korrespondent der polnischen Presseagentur PAP in Warschau
Gotthold Hasenhüttl, Theologieprofessor
Hasenhüttl wurde 1933 im österreichischen Graz geboren. Von 1974 bis zu seiner Emeritierung 2002 war er Professor für Katholische Theologie an der Universität des Saarlandes. Zahlreiche Publikationen unter anderem: "Der unbekannte Gott?" (1965), "Charisma. Ordnungsprinzip der Kirche" (1969), "Christentum ohne Kirche" (1973), "Herrschaftsfreie Kirche. Sozio-theologische Grundlegung" (1974) sowie "Glaube ohne Mythos" (2001).
Moderation
Corinna Lampadius, XXP Berlin