Djosers Stufenpyramide ist keine Schöpfung aus dem Nichts. Stein wurde in geringem Umfang auch schon unter einem Vorgänger Djosers als Baumaterial verwendet. Den Bau der Stufenpyramide muss man sich als das Ergebnis eines Lern- und Probierprozesses vorstellen, der sich über etwa 15 Jahre hinzog. Verglichen mit dem Endergebnis war die erste Phase noch ein sehr bescheidener Bau: Ein solide gemauertes kastenförmiges Gebäude mit einer Grundfläche von 70 mal 70 Metern bei einer Höhe von acht Metern. Durch zwei Erweiterungen wurde schließlich im Laufe der Jahre die Schlusshöhe von über 60 Metern erreicht.
Cheops-Pyramide
Krauss: Das Material des Kernbaus wurde in nächster Umgebung der Cheopspyramide gewonnen. Die zweit bis vier Tonnen schweren Verkleidungsblöcke kamen aus Steinbrüchen von der anderen, der östlichen, Nilseite. Dort gab es und gibt es einen sehr harten Kalkstein. Die Granitblöcke, die in der sogenannten Königskammer als Deckenbalken verbaut wurden, hatten ein Gewicht von ungefähr 40 Tonnen und wurden aus Assuan, rund 800 Kilometer nilaufwärts per Schiff herangeschafft.
SPIEGEL ONLINE: Und was können Sie über die Bauzeit sagen?
Krauss: Bei der Bestimmung der Bauzeit kann man sich an der sogenannten Roten Pyramide orientieren, die der Vater von Cheops errichtet hat. Bei der Roten Pyramide sind an einzelnen Verkleidungsblöcken Datierungen erhalten, aus denen man die Bauzeit dieser Pyramide ermitteln kann. Bei einer Übertragung der Ergebnisse auf die Cheopspyramide ergibt sich eine Bauzeit von 20 Jahren. Die Übertragung ist deshalb möglich, weil sie der unmittelbare Vorgängerbau ist. Die Arbeiter, die die Rote Pyramide errichtet haben sind mit fliegenden Fahnen nach Giseh gegangen und haben dort weitergebaut.
SPIEGEL ONLINE: Wie viele Arbeiter waren notwendig?
Krauss: Das weiß man nicht genau, man kann aber die Hubarbeit berechnen, die in der Cheopspyramide steckt. Wenn wir von einer 20jährigen Bauzeit ausgehen, dann liegt die physikalische Leistung in einer Größenordnung von ungefähr 100.000 Watt. Wenn man jetzt 50 Watt als Dauerleistung eines Arbeiters zu Grunde legt, ergeben sich 2000 Arbeiter. Wenn aber in zwei Schichten gearbeitet worden wäre, dann müsste man schon mit 4000 Arbeitern rechnen.
SPIEGEL ONLINE: Wer musste die Arbeit leisten? Dienstverplichtete Bauern?
Krauss: Der Pyramidenbau wurde von hochspezialisierten Arbeitern durchgeführt, die ihr ganzes Leben lang nichts anderes taten, als Pyramiden zu bauen. Man konnte da nicht irgendeinen Fellachen vom Pflug holen.
SPIEGEL ONLINE: Welche Technik stand den Ägyptern beim Pyramidenbau zur Verfügung?
Krauss: Über die Technik weiß man herzlich wenig. Sicher ist, dass die Ägypter das Rad nicht benutzt haben; natürlich wussten sie, was ein Rad ist. Der Flaschenzug scheint gleichfalls unbekannt gewesen zu sein. Für den Transport von schweren Lasten benutzte man Schlitten. Die Schleifbahnen wurden nass gemacht. Vielleicht hat man auch Schlamm davor gelegt, um den Reibungskoeffizienten niedrig zu halten.
SPIEGEL ONLINE: Wie konnten die 40 Tonnen schweren Granitblöcke, die als Deckenriegel dienten, auf 70 Meter Höhe gehoben werden? Gab es Rampen oder wurden sie nach oben gehebelt?
Krauss: Selbstverständlich kannten die alten Ägypter das Hebelprinzip, aber inwieweit es verwendet wurde, das entzieht sich unserer Kenntnis. Meines Wissens ist kein altägyptisches Wort identifiziert, dass Hebel bedeutet. Baurampen haben die alten Ägypter definitv gekannt, aber inwieweit Rampen beim Pyramidenbau benutzt wurden ist umstritten. Rampen, die bis in Höhen von über 100 Metern hinauf führen, die müssten tausende von Metern lang sein, damit man das Material hochschleifen kann. Rampen von dieser Höhe kann man nicht einfach aufschütten. Es müsste sich um ziemlich solide Bauwerke handeln, und letzen Endes wäre eine solche Rampe das technische Wunderwerk gewesen und nicht die Pyramide. Man hat auch bisher keine Spuren von Rampen gefunden, die in große Höhen geführt hätten.
SPIEGEL ONLINE: Wie konnten die alten Ägypter so präzise Strecken messen und Rechte Winkel konstruieren?
Krauss: Bei der Winkelkonstruktion sehen die Ägyptologen zwei Möglichkeiten. Entweder hat man Dreiecke mit den Seitenverhältnissen drei zu vier zu fünf konstruiert oder man hat eine Konstruktion aus sich schneidenden Kreisbögen gemacht. Eine andere Frage ist, wie man das Baugelände nivelliert hat. Bei der Cheopspyramide gibt es von einem Ende zu anderen ein Gefälle von nur zweieinhalb Zentimetern. Hier hat man ein Gerät benutzt, das unserer Setzwaage entspricht.
SPIEGEL ONLINE: Wie gelang die genaue Ausrichtung des Grabkorridors und der Ost- und Westkanten nach Norden?
Krauss: Für die Ausrichtung nach Norden kommen zwei Methoden in Frage. Beide laufen auf die Beobachtung von Zirkumpolarsternen hinaus. Alle anderen Methoden, die vorgeschlagen wurden, auch etwa die Beobachtung der Sonne, können nicht die genaue Nordorientierung liefern, die an den Pyramiden festzustellen ist.
SPIEGEL ONLINE: Was wäre passiert, wenn Cheops vor Fertigstellung der Pyramide gestorben wäre?
Krauss: Wahrscheinlich wäre die Pyramide unfertig stehen geblieben. Es ist keine Pyramide bekannt, die ein König angefangen und ein anderer vollendet hätte, aber es gibt einige Beispiele von nicht vollendeten Pyramiden.
SPIEGEL ONLINE: Welche religiöse Bedeutung hatten die Pyramiden?
Krauss: Die Ägyptologen sind in ihrer Gesamtheit schon lange davon abgekommen, in der Form der Pyramide ein religiöses Symbol zu sehen. Eine Pyramide ist zunächst einmal eine Aufhäufung von Steinen, die es Grabräubern unmöglich machen sollte, zur Grabkammer vorzudringen. In erster Linie aus statischen Gründen wird ein Baumeister einer solchen Aufhäufung die Form einer Pyramide oder eines Kegels geben.
SPIEGEL ONLINE: Wie beurteilen Sie Lehners Experiment? Welchen Erkenntnisgewinn brachte es?
Krauss: Meiner Meinung nach folgt aus Lehners Experiment keine Erkenntnis in Bezug auf den Pyramidenbau. Ich habe seine Leistung in Watt umgerechnet. Wenn man den Wert mit der Wattzahl vergleicht, die in Cheopspyramide steckt, dann hätten die Ägypter mit den Methoden, die Lehner bei seinem Bau verwendet hat, Jahrhunderte an ihr gearbeitet. Ich denke, Lehners Experiment war für die Öffentlichkeit bestimmt, vermutlich auch für Sponsoren. Insofern war Lehners kleine Pyramide indirekt für die Wissenschaft von Wert, indem sie das Medien- und Sponsoreninteresse auf seine Forschungsarbeit auf dem Gizeh-Plateau richtete.
Das Interview führte Rainer Jacobs
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