Zoologie ohne Grenzen Wunder gibt es immer wieder

Ob schwule kanadische Dickhornschafe, das ausschweifende Liebesleben des Indischen Goldrückenspechts oder die glibbernde Gier eines 200 Kilogramm schweren Riesenkalmars - wenn es um Geschichten über nicht immer possierliche Tiere geht, wird Lothar Frenz zum Peter Lustig des Wissenschaftsjournalismus.

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Träumen vom quietschfidelen Beutelwolf: Klonen als konfliktreiches Wissenschaftsthema
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Träumen vom quietschfidelen Beutelwolf: Klonen als konfliktreiches Wissenschaftsthema

Der in Hamburg lebende Biologe und Journalist haucht auch den sprödesten zoologischen Details noch so viel Leben ein, dass man versucht ist, den Nichten-und-Neffen-Zwangsbesuch im Tierpark freiwillig zu begehen, denn: Es gibt etwas zu entdecken. Der Mann, der sich durchs Schreiben aller wissenschaftlichen Fachidiotie entzog, lieferte dem "Geo"-Magazin schon mit seiner ersten Titelgeschichte 1997 einen Knüller: Sein Artikel über Kryptozoologen und jene seltsamen Wesen, nach denen sie den Globus durchstreifen, rief Scharen von Leser auf den Plan, die mehr über den Mini-Menschen Orang-Pendek in Sumatra, den Beutelwolf und die nordamerikanische Variante des Yeti, den Bigfoot, wissen wollten.

Filme zu drehen und Bücher zu schreiben "ist ein wenig, wie Kinderträume zu verwirklichen", meint Frenz, der gerade in den Vorbereitungen für eine ZDF-Reportage über den Tasmanischen Tiger steckt. Der australische Beutelwolf, dessen letztes Exemplar 1936 im Zoo von Tasmaniens Hauptstadt Hobart starb, wird noch immer auf der wild überwucherten Eukalyptus-Insel südlich von Australien vermutet. Nur gefunden hat ihn noch keiner. Und das, obwohl anerkannte Zoologen viele Jahre ihres Lebens in die Forschung investiert haben und Laien wie der passionierte Beutelwolfgläubige Cole Bailey Massen von Augenzeugenberichten zusammengetragen haben. Bis zu zwölf solcher Reporte gehen jährlich beim tasmanischen National Parks and Wildlife Service ein - der Thylacinus cynocephalus, der "Beutelhund mit Wolfskopf", bleibt jedoch verschwunden.

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Total gaga? Der Mythos um Nessie wird tapfer gepflegt
AP

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Die Suche nach Mokélé-mbembé, dem angeblichen letzen Dinosaurier im Kongo, findet Frenz dabei mindestens so uninteressant wie die permanente Aufregung um das schottische Seeungeheuer Nessie: Es sei ein wenig "gaga", sich in einem so kleinen Gewässer eine Population so großer Lebewesen vorzustellen, die sich zudem über Jahrmillionen dort gehalten haben soll, meint der Biologe. Da sind Spekulationen über den Himalaja-Yeti schon spannender. Sollte Reinhold Messners Theorie vom Tibetbär als lebender Yeti sich bewahrheiten, hätten westliche Forscher aus einem einfachen Legendenwesen à la Meister Petz ein menschenähnliches Wesen, nämlich den Yeti gemacht.

Wie wichtig Sprache und Bilder bei der Entstehung solcher Mythen sind, zeigt die Tatsache, dass noch immer viele Deutsche glauben, der "Schneemensch" aus dem Himalaja habe ein Fell von blendend weißer Farbe. Ursache für diese Vorstellung war unter anderem ein simpler Übersetzungsfehler: In den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts übertrugen Journalisten und Forscher den aus dem Tibetischen stammenden Begriff "Metoh Kangmi" - nur eine der zahlreichen Bezeichnungen für den Yeti - als "abominable Snowman", als "scheußlicher Schneemensch", ins Englische. Die ursprüngliche Bedeutung "schmutziger Mann des Schnees" ging verloren.

Highnoon der neuen Arten

Worauf beruht das riesige Interesse des Publikums an kryptozoologischen Themen? Viele Menschen, so Frenz, hätten das Gefühl, dass ohnehin jeder Quadratzentimeter der Erde bereits per Satellit beobachtet und vermessen würde. Und plötzlich entdecke man innerhalb wenige Jahre überdurchschnittlich viele neue Arten: Allein in dem verhältnismäßig kleinen Land Vietnam fand man das Java-Nashorn, zwei neue Hirscharten und den Edwardsfasan. Für Frenz eine klare Sache: "Es gibt noch Rätsel und Geheimnisse, die sich uns nicht sofort offenbaren. Und es gibt Wunder."

Eifriger Finder: Allein 15 neue Affenarten gehen auf das Konto des Holländers Marc van Roosmalen
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Um einem dieser möglichen Wunder nachzugehen, fährt Frenz demnächst an den Rio Aripuana in Amazonien, um den niederländischen Biologen Marc van Roosmalen zu besuchen. Dem Holländer ist etwas gelungen, was ihm so schnell keiner nachmachen wird: Er entdeckte in der Nähe von Manaus ganze 15 neue Affenarten. "Der Mann hat einen weißen Fleck auf der Landkarte entdeckt, eine Region, wo vorher noch nie ein Wissenschaftler fündig geworden ist - das ist unglaublich spannend", ereifert sich Frenz und fühlt sich an die zahlreichen Entdeckung von Großtieren im Afrika des 19. Jahrhundert erinnert.

Der "Stinker vom Amazonas"

Im brasilianischen Amazonasbecken, nur wenige Kilometer von Manaus entfernt, soll das Riesenfaultier grölend und stinkend durch den Regenwald ziehen
DPA

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Auch dem berühmten Mapinguari, einem seit rund 200.000 Jahren ausgestorbenen Riesenfaultier ist man in Brasilien noch immer auf der Spur. Der amerikanische Biologe David Oren hat sich ganz der Suche nach dem angeblich übel riechenden 600-Pfund-Brocken verschrieben. Über hundert Augenzeugenberichte bestätigen, wovon der Wissenschaftler überzeugt ist: Der auch Pelobo oder Samaumeira genannte "Stinker vom Amazonas" wird zwischen zwei und drei Meter groß und bringt mit seinem lautstarken Röhren alles auf die Bäume, was Beine hat. Den Soundtrack dazu gibt es bei Oren persönlich, denn er hat das Gegröle auf Band aufgenommen. Der Mapinguari selbst zieht es im Gegensatz zum Zwei- und Dreifingerfaultier vor, auf dem Boden zu bleiben: Wenn ihn der Hunger quält, richtet er sich auf zwei Beinen auf und holt sich mit den Vorderpfoten Zweige und Blätter aus luftiger Höhe.

Geradezu grazil: Weibliches Zweifinger-Faultier im Duisburger Zoo
DPA

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Auch Marc van Roosmalen kennt die Geschichte vom Mapinguari - er weiß von einem ganzen Dorf, dass sich aus Furcht vor der prähistorischen Riesenschnarchnase von einem Ufer ihres Heimatflusses auf das andere verzogen hat - ein paar gigantische Fußspuren in der Nähe der Behausungen hatten als Grund für den Umzug gereicht.

Lothar Frenz verfolgt solche Geschichten mit Interesse und versucht dann, die Spreu vom Weizen zu trennen. Der Biologe benutzt kryptozoologische Themen bewusst, um "Natur- und Umweltgeschichten abseits der Apokalypse zu erzählen". Zwar hätte auch dieses anekdotenreiche Grenzgebiet der Wissenschaft mit Ausrottung und Aussterben zu tun. Das positive Moment, eine verloren geglaubte Art wieder zu finden oder gar eine neue zu entdecken, mache sie jedoch weniger deprimierend.

Beim Stichwort Klonen wird Frenz nachdenklich: Ein Mammut zu klonen sei Humbug, weil es die entsprechenden Lebensräume ohnehin nicht mehr gäbe. Auch wenn in Zukunft eine Menge künstlicher Räume geschaffen würden und die wilde Natur längst einer gemanagten gewichen sei - "ein geklontes Mammut wäre Jurassic Park". Beim australischen Beutelwolf läge der Fall anders, weil dessen Lebensraum in Tasmanien nahezu unverändert sei, da man ihn als Schafskiller gejagt und dadurch ausgerottet hätte. Eine schwierige Frage, aber Frenz gibt zu: "Bei der Vorstellung, dass der Tasmanische Tiger wieder lebendig wird, überwiegt einfach die Faszination."

Das Buch von Lothar Frenz:
"Riesenkraken und Tigerwölfe"
Auf der Spur mysteriöser Tiere
Rowohlt, Berlin 2000




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