Interview mit Kreuzfahrttester Ward: "Ich bin nicht käuflich"

Seit über zwanzig Jahren ist der britische Schifffahrts- und Gastro-Experte Douglas Ward als Kreuzfahrttester auf den Weltmeeren unterwegs. Seine Qualitätskontrollen sind ebenso gefürchtet wie ersehnt, denn der 56-Jährige vergibt die begehrten Sterne für den jährlich erscheinenden Berlitz-Cruise-Guide. Ein Interview.

Ward on wheels: Sämtliche Wege und Einrichtungen auf dem Luxusliner müssen behindertengerecht sein
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Ward on wheels: Sämtliche Wege und Einrichtungen auf dem Luxusliner müssen behindertengerecht sein

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Herr Ward, Sie testen bis zu 260 Kreuzfahrtschiffe für den Berlitz-Guide, der Menschen mit viel Geld und Zeit sagt, auf welchem Schiff sie beides gepflegt durchbringen können. Gibt es noch immer genug Kreuzfahrtbegeisterte oder werden Sie irgendwann arbeitslos sein?

Ward: Wenn das Buch erfolgreich ist, werde ich weiterhin beschäftigt sein. Ich glaube, dass viele Menschen den Wert einer Kreuzfahrt durchaus zu schätzen wissen und es bei dieser Art von Reisen in Zukunft eher einen Zuwachs als einen Rückgang der Buchungen geben wird. Da bleibt eine Menge für mich zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Was muss man mitbringen, um ein guter Kreuzfahrt-Kritiker zu werden?

Ward: Erfahrung ist ebenso wichtig wie die Möglichkeit, an Insider-Informationen heranzukommen. Sie brauchen fundiertes Wissen in den Bereichen Schiffskonstruktion, -navigation und -operation sowie der Sicherheitstechnik. Sie müssen Gesundheit und Hygiene an Bord ebenso im Auge haben wie zum Beispiel die Lärmbelastung. Deshalb habe ich bei meinen Rundgängen neben einer Taschenlampe und einfachem Klebeband häufig auch ein Dezibelmeter dabei, mit dem die Lautstärke von Motoren- oder anderen Geräuschen exakt gemessen werden kann.

SPIEGEL ONLINE: Was war das schlimmste Schiff, das Sie je inspiziert haben?

Ward: Sie werden mich nicht dazu bringen, Namen zu nennen. Allgemein kann man aber feststellen: Je älter das Schiff, desto schlechter seine Verfassung. Kakerlakenbefall im Zusammenhang mit schlechten hygienischen Bedingungen ist immer ein unangenehmes Thema. Diese Schiffe sind vergleichbar mit Oldtimern - je älter sie werden, desto mehr Geld muss man investieren, um sie am Laufen und in Ordnung zu halten. Häufig täten die Schiffseigentümer besser daran, sich gleich ein neues Schiff zu kaufen, anstatt sich halbherzig von einer Reparatur zur nächsten zu hangeln.

SPIEGEL ONLINE: Welche Tricks benutzen die Schiffseigner, um Sie an der Nase herumzuführen?

Ward: Sie können mich nicht täuschen.

SPIEGEL ONLINE: Aber sie versuchen es, oder?

Ward: Nein, in der Regel nicht. In 95 Prozent der Fälle lassen mich die Eigentümer in Ruhe, weil sie wissen, dass ich nicht käuflich bin. Wenn sie mir eine Flasche Wein oder Blumen auf meine Kabine schicken, weiß ich außerdem umgehend, ob das zum Standard-Service gehört oder nicht. Viele Passagiere sprechen mich während der Reise an und würden in diesem Fall gewiss sagen: Oh, Herr Ward, seit Sie an Bord sind, haben wir immer frische Blumen in der Lobby.

SPIEGEL ONLINE: Ein ganzes Heer von freiwilligen und kostenlosen Spionen, das für Sie arbeitet...

Ward: Absolut! Ich bekomme bis zu 4000 Briefe und zahlreiche E-Mails im Jahr. Das ist sehr nützlich für meine Arbeit. Außerdem habe ich Mitarbeiter, die ab und zu inkognito für mich unterwegs sind.

Herzliches Lachen oder gekünstelte Freundlichkeit? Ward erkennt den Unterschied sofort
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SPIEGEL ONLINE: Im Bereich Service können die Schiffseigner doch aber richtig Punkte sammeln, oder?

Ward: Nicht wirklich. Häufig erkennt mich das Bordpersonal gar nicht. Und selbst wenn, dann sehe ich ja trotzdem, wie die Crew sich den anderen Gästen gegenüber verhält.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Berühmtheit als Kreuzfahrtpapst kann Ihrer Objektivität also nicht schaden?

Ward: Nein, keinesfalls.

SPIEGEL ONLINE: Sind Ihnen je Fehler bei der Bewertung eines Schiffes unterlaufen, die Sie heute bedauern?

Ward: Nein, ich glaube meine Urteile waren stets sehr präzise. Wenn Sie Experten fragen, werden die das bestätigen.

SPIEGEL ONLINE: Und doch ging der Reeder Peter Deilmann aus Neustadt umgehend vor Gericht, als Sie die MS Deutschland im Jahr 1998 mit der mäßigen Note "vier plus" bedachten. Per Gerichtsbeschluss wurde dem Verlag Berlitz damals untersagt, den Guide in Deutschland zu vertreiben, weil Sie in zwölf Punkten falsche Angaben gemacht hätten. Deilmann ging so weit, ihnen vorzuwerfen, ihre Urteile seien käuflich.

Ward: Deilmann war der Einzige in all den Jahren, der so kindisch reagiert hat. Wir nehmen seine Schiffe heute nicht mehr in den Führer auf, weil er das nicht möchte. Ich kann im Nachhinein nur sagen, wenn ein Passagier schlecht über das Essen an Bord redet, wird er das nicht von ungefähr tun. Ansonsten respektiere ich Deilmann als Selfmade-Mann, der sich ein nettes kleines Imperium aufgebaut hat. Er macht einen guten Job.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es einen Kritiker-Konkurrenten, den Sie fürchten müssten?

Ward: Keinen, der wie ich weltweit tätig ist.

SPIEGEL ONLINE: Sind sie manchmal reisemüde?

Ward: Ich bin es müde, ständig auf Flughäfen herumsitzen zu müssen. Auf dem Weg zu den Schiffen lege ich drei- bis vierhunderttausend Kilometer pro Jahr zurück. Wer diesen Job macht, muss Freude am Fliegen haben.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht die Zukunft der Kreuzschifffahrt aus?

Ward: Es werden auffallend mehr junge Leute auf Kreuzfahrt gehen. Die Branche muss deshalb dafür sorgen, dass auch Familien mit Kindern über genügend Platz und Unterhaltung an Bord verfügen. Es wird mit Sicherheit noch größere Schiffe geben als bisher - so eine Art schwimmende Las-Vegas-Hotels. Weil aber einige Reisende schon jetzt genervt sind, wenn sie an Bord für alles Mögliche anstehen müssen, geht der Trend gleichermaßen in Richtung kleinere Schiffe mit maximal 500 Passagieren an Bord. Große Luxusliner können heute bis zu 4000 Menschen aufnehmen - die Erweiterung der Kapazitäten scheiterte bisher lediglich an der Tatsache, dass einige Hafeneinfahrten von noch größeren Schiffen nicht mehr befahrbar wären.

Das Interview führte Annette Langer

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