Von der Menschheitsgeißel zur Biowaffe Alles über Pocken

Die Pocken, auch Blattern genannt, sind eine hochgradig ansteckende, lebensgefährliche Infektionskrankheit, die durch Viren verursacht wird.


Widerstandsfähig und langlebig: Das Pockenvirus

Widerstandsfähig und langlebig: Das Pockenvirus

Mit einer Kantenlänge von bis zu 400 Nanometern (1 Nanometer = 1 Milliardstel Meter) gehören die ziegelförmigen Pockenviren zu den größten Krankheitserregern, die dem Menschen gefährlich werden können. Es sind hoch komplexe Viren, die DNA enthalten und von einer verhältnismäßig resistenten Eiweißhülle umgeben sind.

Krankheitsbild:

Man unterscheidet zwei Formen der Erkrankung: die gefährlichen echten Pocken und die harmloseren weißen Pocken. Die echten Pocken (Variola vera oder Variola major) beginnen mit Fieber, Kreuz- und Gliederschmerzen sowie einer Entzündung der Atemwege, die etwa zwei bis vier Tage anhalten. In diesem Stadium tritt bereits ein vorübergehender Hautausschlag auf.

Tod durch Viren: Bis zu zwei Drittel einer Bevölkerung kann der Pockenvirus unter ungünstigen Bedingungen dahinraffen
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Tod durch Viren: Bis zu zwei Drittel einer Bevölkerung kann der Pockenvirus unter ungünstigen Bedingungen dahinraffen

Nach einem kurzfristigen Abfall des Fiebers kommt es zu den typischen Hautveränderungen: Zunächst bilden sich blass-rote, juckende Flecken, die sich zu Knoten entwickeln. Aus diesen Knoten entstehen Bläschen, die zu Eiter gefüllten Pusteln werden. Diese Pusteln trocknen nach einer Weile und bilden Schorf. Die Abstoßung dieser Krusten ist mit einem starken Juckreiz verbunden. Besonders im Gesicht bleiben daher häufig Narben, die so genannten Pockennarben, zurück. Die Patienten leiden unter hohem treppenförmig ansteigendem Fieber mit Delirien, Desorientierung und Wahnvorstellungen. 20 bis 50 Prozent der Patienten sterben in dieser Krankheitsphase. Wer die Pocken überlebt, ist lebenslang vor einer erneuten Erkrankung geschützt.

Als schwarze Blattern (Variola haemorrhogica) bezeichnet man eine besonders schwere Verlaufsform der Pocken. Innerhalb weniger Tage kommt es hier zu schweren Blutungen der Haut, der Schleimhäute sowie der inneren Organe. Die Patienten sterben bereits in der ersten Erkrankungswoche, häufig schon während der ersten 48 Stunden. Im Gegensatz dazu verläuft die Infektion mit den weißen Pocken (Variola minor) weit weniger heftig und in nur einem bis fünf Prozent tödlich - die überstandene Krankheit schützt jedoch keinesfalls vor einer Ansteckung mit den "echten" Pocken. Epidemiologen gehen davon aus, dass durch das erstmalige Auftreten von Pocken in einer Bevölkerungsgruppe diese Gruppe auf rund ein Drittel ihrer Ausgangsgröße reduziert wird.

Übertragung und Quarantäne:

Die Tröpfcheninfektion gehört zu den häufigsten Übertragungswegen der Pocken. Beim Sprechen, Niesen oder Husten gelangen feinste Sekrettröpfchen in die Atemwege. Aber auch per so genannter Schmierinfektion - über Kleidungsstücke oder Gegenstände - kann die Erkrankung übertragen werden. Die Inkubationszeit beträgt acht bis 14 Tage. Auf Grund ihrer hohen Ansteckungskraft gehörten Pocken zu den quarantänepflichtigen Erkrankungen, wie heute noch Pest, Gelbfieber und Cholera. Die Dauer der strengen Isolierung von Personen, Gebieten und Gegenständen nach einer möglichen Infizierung beträgt bei Pocken mindestens 14 Tage.

Impfung:

Bleibt die typische Impfreaktion an der Injektionsstelle aus, muss mit einer fehlgeschlagenen Pockenimpfung gerechnet und die Immunisierung wiederholt werden
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Bleibt die typische Impfreaktion an der Injektionsstelle aus, muss mit einer fehlgeschlagenen Pockenimpfung gerechnet und die Immunisierung wiederholt werden

Die Schutzimpfung gegen Pocken wurde auf Beschluss der Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Jahr 1967 weltweit Pflicht. Dank dieser Maßnahme trat 1977 der letzte Pockenfall weltweit in Somalia auf. Am 8. Mai 1980 wurde die Welt von der WHO für "pockenfrei" erklärt. Die Pockenimpfung wurde in Deutschland 1975 und weltweit 1980 ausgesetzt. Ein Schutz durch Impfungen vor diesem Datum ist wahrscheinlich nicht mehr vorhanden, da Impfungen alle fünf bis zehn Jahre aufgefrischt werden müssen.

Therapie:

Eine ursächliche Bekämpfung des Pockenvirus im menschlichen Körper ist nicht möglich. Da Antibiotika nur gegen Bakterien, nicht aber gegenüber Viren wirken, können die Ärzte lediglich die Symptome bekämpfen, indem sie Bettruhe, fiebersenkende Medikamente und eine erhöhte Flüssigkeitszufuhr verordnen. Um eine Ausbreitung der Erkrankung zu verhindern, müssen die Patienten, das betreuende medizinische Personal sowie sämtliche Kontaktpersonen strikt isoliert werden. Wohnräume, Kleidungsstücke und Gebrauchsgegenstände der erkrankten Personen müssen desinfiziert werden.

Geschichte:

Gerade in Ländern der Dritten Welt, wo Tiere und Menschen sehr dicht beieinander leben, werden Viren schnell übertragen
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Die ersten Pockenepidemien wurden bereits 1000 v. Chr. in China, dem indischen Subkontinent sowie auf der arabischen Halbinsel bekannt. Die erste historisch belegte Pockenepidemie in Europa herrschte im 6. Jahrhundert. Weitere Epidemien traten im 13. Jahrhundert in England sowie im 15. Jahrhundert in Deutschland auf. Mit den spanischen Eroberern kamen die Pocken nach Amerika und spielten dort mit über drei Millionen Toten eine wesentliche Rolle beim Untergang der alten Indianerkulturen der Inka und Azteken,

1796 verwendete der Engländer Edward Jenner erstmals eine aus Kuhpockenblasen gewonnene Flüssigkeit zur erfolgreichen Impfung gegen die Blattern. Diese Entdeckung bildete die Grundlage für die heute erreichte weltweite Ausrottung der Pocken. 1874 wurde die Impfung gegen Pocken im ehemaligen Deutschen Reich per Gesetz verordnet. Der letzte Pockenfall trat in Deutschland 1975 auf. Im selben Jahr wurde bereits die Impfpflicht für Kleinkinder, ein Jahr darauf die zur Zweitimpfung im zwölften Lebensjahr abgeschafft.

Quellen: Medicine Worldwide



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