"Schindlerjude" Mieczyslaw Pemper Im Dienst von Massenmörder und Lebensretter

Er schrieb Schindlers berühmte Liste und las heimlich SS-Geheimdokumente des für seine Grausamkeit berüchtigten KZ-Kommandanten Amon Göth. Der Holocaust- Überlebende Mieczyslaw Pemper über den "Schlächter von Plaszow", das Leben im Lager und den moralischen Wandel des Oskar Schindler.


SPIEGEL ONLINE:

Am 18. März 1943 verfassten Sie als Stenograf von Amon Göth, der sie zum Lagerschreiber bestimmt hatte, Ihren ersten Brief. Wann haben Sie den späteren KZ-Kommandanten zum ersten Mal gesehen?

Pemper: Ich sah ihn im März 1943 bei der Auflösung des Ghettos von Krakau, das damals noch Judenwohnbezirk genannt wurde. Ich war erschüttert, weil ich mit ansehen musste, wie er eigenhändig Menschen erschoss und Hunde auf Wehrlose hetzte, die dann vor meinen Augen zerrissen wurden. Das war schlimmer als alles, was ich mir bis dahin an Grausamkeit hatte vorstellen können.

Führte Schindlers Liste: Der heute 82-jährige Mieczyslaw Pemper
DDP

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SPIEGEL ONLINE: Sie wussten demnach von Anfang an, mit wem Sie es zu tun hatten.

Pemper: Selbstverständlich, und das hat mir mein Überleben auch nach dem Krieg ermöglicht. Weil mir klar war, dass ich es mit einem Mörder zu tun habe, habe ich keine Annäherung gesucht und nicht kollaboriert. Meine unfreiwillige Arbeit als Stenograf wurde mir nach dem Krieg nicht angelastet, die Zusammenarbeit mit Schindler positiv bewertet.

SPIEGEL ONLINE: Was war Ihre persönliche Überlebensstrategie im Lager?

Pemper: Göth war jemand, der Menschen aus seiner nächsten Umgebung töten oder eigenhändig foltern konnte. Das Schlimme daran war, dass er nach jeder Erschießung Angaben über die Familienangehörigen aus der Kartei anforderte, um auch diese umbringen zu lassen. Er wolle keine unzufriedenen Leute im Lager haben, sagte er immer. Ich war mir bewusst, dass ich damit auch die Verantwortung für meine Eltern trug, die ebenfalls im Lager lebten. Ich versuchte also, alles zu tun, um sie zu schützen, und habe all meine geistigen Kräfte aufgeboten, um keine Fehler zu begehen.

SPIEGEL ONLINE: Ein Mensch, der so unberechenbar und grausam ist wie Göth, denkt doch aber nicht logisch. Sie konnten doch nur Fehler begehen.

Pemper: Das ist richtig. Aus diesem Grund war ich auch davon überzeugt, dass ich den Krieg nicht überleben werde. Aber ich konnte nicht voraussehen, dass Göth genau nach eineinhalb Jahren, im September 1944, von der SS während eines Kurzurlaubes bei seinem Vater in Wien verhaftet werden würde. Diese Verhaftung hat mir das Leben gerettet. Auch Schindler hat mir später bestätigt, dass Göth mich im Rahmen der Lagerauflösung nicht in ein anderes Lager hätte ziehen lassen, sondern mich vermutlich erschossen hätte. Und das, obwohl Göth gar nicht wusste, dass ich viele der geheimen Unterlagen gelesen hatte.

"Schlächter von Plaszow": KZ-Kommandant Amon Göth
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SPIEGEL ONLINE: Aber er hat es doch geahnt?

Pemper: Nein, ich glaube nicht. Er hat mich unterschätzt. Ich habe die Unterlagen zunächst auch nicht durchstöbert, um später der Nachwelt davon zu berichten: Göth hat beim Diktat niemals Namen und Ortsbezeichnungen buchstabiert. Aus Angst, beim Schreiben einen Fehler zu machen, habe ich die Geheimunterlagen konsultiert, um ihnen die richtige Schreibweise zu entnehmen.

SPIEGEL ONLINE: Mit der Zeit fanden Sie weitere Wege, an wichtige Informationen zu gelangen.

Pemper: Ja, ich erschloss mir einige Quellen. Göth hatte eine Schreibkraft ausschließlich für die Geheimkorrespondenz bestellt. Frau Kochmann war mit einem deutschen Richter verheiratet und provozierte irgendwann mit einem falsch eingelegten Kohlepapier ein wahres Donnerwetter. Ich bot ihr an, fertige Schreibsätze vorzubereiten, damit das nicht mehr passiere. In diese Schreibsätze legte ich immer ein neues Kohlepapier und las den Inhalt der Dokumente später in Spiegelschrift. Dann hatte ich noch Zugang zu Geheimakten aus dem Panzerschrank, wenn ich Informationen für schwierige Exposés brauchte. Es war eine Art Detektivarbeit.

SPIEGEL ONLINE: In welchen Fällen hat Ihnen Ihr Wissen genutzt?

Pemper: Das Wichtigste war wohl der Vorschlag, den ich Oskar Schindler im Spätherbst 1943 gemacht habe, nämlich seine Produktion von Emaillewaren auf Rüstungsgüter zu erweitern. Ich hatte gelesen, dass General Oswald Pohl, der Chef des SS- Wirtschafts- Verwaltungs- Hauptamtes in Berlin Oranienburg beschlossen hatte, nur diejenigen jüdischen Zwangsarbeitslager weiter zu betreiben, die eine kriegswichtige und Sieg entscheidende Produktion nachweisen konnten. Das war eine der Spätfolgen der Kapitulation von Stalingrad. Es fehlte an Material und Arbeitskräften. Da hat man plötzlich die Vernichtungsaktionen auf später verlegt und wieder Wert auf die Arbeitsleistung der Juden gelegt. Ich konnte Schindler natürlich nicht sagen, woher ich die Informationen hatte und versuchte, ihm möglichst unauffällig klarzumachen, was er tun konnte, um seinen jüdischen Arbeitskräften zu helfen. Er erweiterte dann tatsächlich seine Produktion auf Granatenteile. Hätte Schindler die Idee nicht aufgegriffen, hätte es nie eine Liste und damit auch keinen Fall Schindler gegeben, weil das Lager aufgelöst worden wäre.

Vernichtung durch Arbeit: Häftlinge im KZ Plaszow
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SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie je die Absicht, Ihren Peiniger Göth zu töten?

Pemper: Nein, weil ich wusste, dass das unabsehbare Konsequenzen gehabt hätte. Abgesehen davon, dass Göth ein 1,92 Meter großer Hüne von 120 Kilogramm war und ich ihm physisch in jeder Hinsicht unterlegen war, hätten hunderte von Menschen eine solche Tat mit ihrem Leben bezahlen müssen. Außerdem wäre ihm sofort der nächste, noch schlimmere Kommandant gefolgt.

SPIEGEL ONLINE: Welchen Eindruck hatten Sie von Oskar Schindler?

Pemper: Er war ein sehr gut aussehender, athletisch gebauter und vor Kraft strotzender Mann, der auf den ersten Blick genauso gut ein linientreuer Nazi hätte sein können. KZ-Kommandant Amon Göth hingegen wirkte fast wie ein überfetter Amant, ein Frauenliebhaber, den man auf Grund seines halbwegs angenehmen Aussehens durchaus hätte unterschätzen können. Das ist das Interessante: Beide stammten aus einem vergleichbaren Milieu, dem gehobenen Mittelstand, und doch wurde aus dem einen ein Massenmörder und aus dem anderen ein weltberühmter Lebensretter. Es hätte auch ganz anders laufen können. Wenn es den Krieg nicht gegeben hätte, dann hätte Göth die Druckerei seines Vaters geerbt und Schindler vermutlich versucht, mit Hilfe der Mitgift seiner Frau die in Konkurs gegangene Fabrik seines Vaters zu retten. Personen der Zeitgeschichte wären jedoch weder der eine noch der andere geworden.

SPIEGEL ONLINE: Warum hat Schindler den Juden geholfen?

Pemper: Er hat den Prozess eines moralischen Wandels durchlaufen. Er ist nicht als Lebensretter nach Krakau gekommen, sondern er wollte lediglich Geld verdienen. Schindler hatte eine sehr fromme katholische Mutter, die ihm vermutlich eingepflanzt hat, bestimmte Grundsätze der zehn Gebote zu befolgen. Etwas von diesen moralischen Prinzipien wird bei dem Kind und späteren Unternehmer Schindler hängen geblieben sein. Deswegen war er jedoch keinesfalls ein Vorzeigechrist ? seine Frauengeschichten und Alkoholexzesse sind ja bereits legendär.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Schindlerjuden sind noch am Leben?

Pemper: Einschließlich Lebenspartnern, Kindern und Enkeln sind es weltweit ungefähr 6000. Im Lager haben etwa 1200 überlebt, von denen 1000 auf der Liste standen. Die restlichen 200 kamen im Winter 1944/45 aus verschiedenen, in der näheren Umgebung aufgelösten Lagern und wurden von Schindler aufgenommen.

Unternehmer und Menschenretter: Fabrikant Oskar Schindler
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SPIEGEL ONLINE: Wie beurteilen Sie den Film von Steven Spielberg?

Pemper: Es gibt Szenen wie die mit Helene Hirsch im Weinkeller, die man von meiner Warte aus ersatzlos streichen könnte. Aber ein wenig Erotik gehört wohl zu jedem Hollywood-Film. Ansonsten bin ich sehr dankbar, dass ein Großmeister des Kinos sich des Themas angenommen und es weltweit einem riesigen Publikum nahe gebracht hat. Ich hoffe, dass viele Menschen darüber nachdenken.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass die Menschen in Deutschland sich in einer vergleichbaren politisch-ökonomischen Ausgangssituation und ähnlichen Machtstrukturen heute anders verhalten würden?

Pemper: Ich glaube, dass zunächst das Trauma des verlorenen Ersten Weltkriegs den Boden für derart extreme Entwicklungen wie unter den Nazis geschaffen hat. Die heutige Generation weiß, dass Deutschland nur mit Hilfe der demokratischen Länder wieder auf die Beine gekommen ist und sie kennt die Vorteile der Demokratie sehr genau. Vielleicht wird das dazu beitragen, dass sich etwas Vergleichbares niemals wiederholen wird. Ich bin nicht der Auffassung, dass man hierzulande den Antisemitismus im Blut hat, ich bezweifle, dass das etwas spezifisch Germanisches ist.

SPIEGEL ONLINE: Sie besuchen heute Schulen und versuchen in zahlreichen Gesprächen und Diskussionen, der jüngeren Generation zu vermitteln, was Sie erlebt haben. Ist man es nicht irgendwann leid, die grausamen Bilder immer wieder ins Bewusstsein zu rufen?

Pemper: Es ist unsere Verpflichtung als Überlebende, die Nachwelt über die Gräueltaten der Nazis zu informieren. Auch für mich ist es wichtig, von der Vergangenheit zu berichten, um auf diese Weise mit den eigenen Schuldgefühlen fertig zu werden, dem Unverständnis darüber, dass sehr viel wertvollere Menschen als ich sterben mussten, während ich selbst überlebt habe.

Das Interview führte Annette Langer



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