Höhlentauchen: Manie oder Herausforderung?

Das Höhlentauchen gilt als eine der risikoreichsten Sportarten überhaupt. Sobald der "Speläonaut" die bekannte Welt hinter sich gelassen hat, ist er vollkommen auf sich allein gestellt: Dunkelheit, Kälte und streckenweise katastrophale Sichtverhältnisse säumen den abenteuerlichen Weg zu unbekannten Tropfsteinhöhlen, Grotten und sagenhafte Unterwasserwelten.

Unverbesserlicher Höhlentaucher: Jochen Hasenmayer
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Unverbesserlicher Höhlentaucher: Jochen Hasenmayer

Der Schwabe Andreas Kücha betreibt seit 1982 Höhlenforschung und wagte sich vor knapp 20 Jahren das erste Mal selbst in die Unterwasserwelt. "Wichtig für jeden Taucher ist es, mit kleiner Ausrüstung zu beginnen und sich dann langsam an größere Gerätschaften zu wagen", meint der 35-Jährige aus Gerstetten. Statistisch gesehen ist das Höhlentauchen etwa 130 mal gefährlicher als das Sporttauchen: "Die Höhlendecke ist immer über Dir, ein sofortiges Auftauchen im Ernstfall schlicht unmöglich", bestätigt Kücha.

In den Anfangsjahren des Höhlentauchens kam es daher immer wieder zu tödlichen Unfällen. Selbst der seit den sechziger Jahren aktive und erfahrene Höhlentaucher Jochen Hasenmayer musste seine Liebe zum Tauchen teuer bezahlen: Fehlerhafte Tiefenmesser verleiteten ihn 1989 dazu, nach einem Tauchgang im Wolfgangsee zu schnell an die Wasseroberfläche zurückzukehren - er ist seit dem Dekompressionsunfall querschnittsgelähmt.

Was für andere das Ende einer Karriere bedeutet hätte, spornte Hasenmayer zu neuen Hochleistungen an: Mit seinem selbst konstruierten Mini-U-Boot "Speleonaut" erkundet er auch weiterhin den "Blautopf", einen Quellsee in der schwäbischen Alb. Hier hatte der passionierte Höhlentaucher schon 1985 eine bis dahin vollkommen unbekannte, riesige Unterwasserhalle entdeckt, die er den "Mörikedom" taufte. "Wenn sich unerwartet vor Ihnen gigantische Tropfsteinkaskaden von der Höhe zehnstöckiger Gebäude erheben, dann ist das ein unvergesslicher Anblick", schwärmt der Entdecker noch heute. Und warnt gleichermaßen davor, um den Preis solcher Entdeckungen das eigene Leben zu riskieren.

Das Tauchgerät als Waffe

Überlebenswichtiges Equipment in der Höhle: Ausreichend Licht und Sauerstoff
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Überlebenswichtiges Equipment in der Höhle: Ausreichend Licht und Sauerstoff

Weit mehr als beim Sporttauchen ist der Höhlentaucher bei seinen Expeditionen auf sich selbst angewiesen. Gerade in stark verschlammten Tauchrevieren kann die Sicht so schlecht sein, dass sich gemeinsam tauchende Kollegen trotz geringer Entfernung nicht sehen. Die Profis setzen deshalb immer auf größtmögliche Autonomie. Zu den Standardsicherheitsmaßnahmen zählt das Verlegen einer Führungsleine, die den Taucher auch bei stark getrübter Sicht an die Oberfläche zurück leitet.

Zur Minimalausrüstung eines Höhlentauchers gehören außerdem zwei getrennte Atemsysteme, Ersatzflaschen, die im Notfall ausgetauscht werden können oder für Sauerstoff sorgen, falls sich der Aufstieg unerwartet verzögert. Auch eine ausreichende Lichtversorgung mit mindestens drei Lampen an stabilem Helm muss gewährleistet sein. Bei Unterwasseraufenthalten von 14 bis 15 Stunden kann die gesamte Tauchausrüstung daher einschließlich Kamera über 200 Kilogramm wiegen - ein kaum zu bewältigender Ballast.

Andreas Kücha und sein Kollege Jürgen Bohnert von der "Höhleninteressengemeinschaft Ostalb" entwickelten daher den "Rebreather BK2", ein Tauchgerät, das die ausgeatmete Luft in einen Kalkbehälter lenkt, ihr dort das Kohlendioxid entzieht und sie wieder zurück leitet - der Taucher kann bis zu zehn Mal länger unter Wasser bleiben. Als Faustregel gilt: Auf dem Hinweg sollte maximal ein Drittel des Pressluftvorrats verbraucht werden. Das zweite Drittel muss für den Rückweg reichen, während der Rest unbedingt als Reserve zurückgehalten werden sollte.

Frieren für die Forschung

Aber auch die Kälte setzt den Höhlentauchern zu. Selbst Trockenanzüge aus modernsten Hightech-Materialien können einer schrittweisen Unterkühlung des Organismus bei extrem langen Unterwasseraufenthalten nicht viel entgegensetzen. Der Trick der Taucher: Sie integrieren mit Akku betriebene Miniheizungen in ihr Outfit, wie sie auch Motorradfahrer bereits benutzen. Mindestens ebenso wichtig wie Wärme ist eine den Strapazen angemessene Ernährung. "Viel Flüssigkeit, Vitamine und Schokolade gehören unbedingt dazu," erzählt Kücha.

Die Psyche als Falle

Doch auch die perfekte technische Ausrüstung nützt nichts, wenn es dem Taucher an psychischer Stabilität mangelt. "Ich habe niemals Angst vor dem Tauchgang, aber immer Respekt vor der Höhle", beschreibt Kücha seine Grundeinstellung zum Tauchen. Seinen ersten Tiefenrausch erlebte er 1993 in der "Emergence du Ressel", einer Höhle in Südfrankreich. "Beim Abstieg von 50 auf 80 Meter Tiefe kam der Rausch ganz langsam, ich wurde nervös und unkonzentriert, während mein Puls stieg und ich plötzlich Bilder aus meiner Kindheit sah - eine Wiese mit Löwenzahn um mich herum. Ich bin dann zwar umgedreht aber es wurde noch schlimmer, ein richtiger Film", beschreibt Kücha seine Eindrücke. Schuld sei er selbst gewesen, weil er mit Pressluft in sehr großer Tiefe getaucht sei. "Das würde mir heute nicht mehr passieren."

Doch nicht nur der Tiefenrausch droht: Es ist bekannt, dass bei akuter Gefahr mit dem Adrenalinschub auch Herz- und Atemfrequenz steigen. Gelingt es dem Taucher in einer solchen Situation nicht, die aufkommende Angst herunterzuschrauben, wird eine Spirale in Gang gesetzt, die tödliche Folgen haben kann: Logisches Denken wird unmöglich, Flucht erscheint als einziger Ausweg, die so genannte "Siphonpanik" beginnt. Mit dem Lufthunger steigt der Atemwiderstand und damit die Erstickungsangst - jetzt hilft nur noch Ruhe bewahren, Fluchtversuchen widerstehen, auf den Grund legen, und die Atmung beruhigen.

Jeder ernsthaft interessierte Kandidat sollte sich vor dem ersten Höhlengang fragen, ob er zu Klaustrophobie oder Panikattacken neigt und in der Lage ist, auch in lebensbedrohlichen Situationen die Nerven zu bewahren. Anfangs sollte man ausschließlich mit einem erfahrenen Höhlentaucher auf Tour gehen. Eine detaillierte Vorbereitung auf die Beschaffenheit der Höhle und ihre Risiken ist unabdingbar, die Kenntnis von Plänen und genauen Beschreibungen verschafft Sicherheit.

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