Geheimnisse der Gletscher Tresore der Geschichte

Es ist ein grausamer Fund, den Bergretter Maurizio Vicenzi im Sommer 2004 auf einem Gletscher der Ortler-Gruppe macht: Drei tiefgekühlte Leichen ragen aus den Eismassen heraus. Wenige Tage später birgt ein Team aus Pathologen und Historikern die sterblichen Überreste. Im Tal machen sie sich daran, das Geheimnis der unbekannten Toten zu lüften.

Sendetermin: Freitag, 17.02.2006, 22.25 - 00.25 Uhr, VOX

Derartige Funde sind in den Alpen keine Seltenheit mehr. Aufgrund der Rekordschmelze ziehen sich die Gletscher massiv zurück. Immer wieder entdecken Wanderer ausgeschmolzene Objekte aus längst vergangenen Zeiten. Die Universität Innsbruck hat sogar einen eigenen Sonderforschungsbereich zum Thema "Gletscher-Archäologie" eingerichtet. "Gletscher sind Tresore der Geschichte", so der verantwortliche Archäologe Harald Stadler. "Der Klimawandel hat die Türen geöffnet."

Mit Ursachen und Folgen des Gletscherrückgangs befassen sich die Glaziologen der ETH Zürich. Im Rahmen einer aufwendigen Expedition versuchen die Wissenschaftler herauszufinden, warum der Schweizer Gornergletscher regelmäßig einen See bildet, der dann sintflutartig ausbricht. Mehrere Monate im Jahr verbringen die Glaziologen auf dem Eis, um bis zu 400 Meter tiefe Bohrlöcher zu bohren. Mit ihren Experimenten gelingt es ihnen, das geheimnisvolle Abfluss-System zu entschlüsseln.

Die Zukunftsaussichten der Glaziologen sind alarmierend. "Wenn die Entwicklung fortschreitet, ist der Gornergletscher in 150 Jahren verschwunden," so das Fazit der Forscher.

Nicht nur ökologisch, auch wirtschaftlich wäre ein weiterer Gletscherrückgang eine Katastrophe. Aus diesem Grund starten mehrere Skigebiete in Österreich einen Modellversuch zum Schutz der Eismassen. Im Sommer 2005 decken sie besonders gefährdete Stellen mit einem dünnen, weißen Vlies ab. Das Ergebnis ist ermutigend: "Wir konnten 1,60 Meter Eis vor der Abschmelze retten", sagt die verantwortliche Wissenschaftlerin Dr. Andrea Fischer.

Gletscher-Archäologen gehören zu den wenigen Wissenschaftlern, die sich über den Rückgang der Eismassen freuen können. Die im Ortler-Gebiet geborgenen Leichen liefern ihnen neue Hinweise auf ein besonders grausames Kapitel der Geschichte. Das Wissenschaftlerteam fand heraus, dass die Toten dem so genannten Gletscherkrieg im Ersten Weltkrieg zum Opfer fielen. "Im Brustkorb einer Leiche haben wir eine Kugel gefunden", so Pathologe Egarter.

SPIEGEL TV gewährt einen umfangreichen Einblick in einen der spannendsten neuen Forschungsbereiche der vergangenen Jahre und zeigt die mühsame Bergung der kostbaren Funde. Expeditionen mit Europas führenden Glaziologen nehmen den Zuschauer mit in riesige Eishöhlen und tiefe Gletscherseen. Mit Hilfe von Computeranimationen werden Entstehung, Bewegung und Rückgang der Gletscher dargestellt.



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