Eschede, 10:59 Uhr Zehn Jahre nach der ICE-Katastrophe

In einer Dokumentation berichtet SPIEGEL TV über das Zugunglück von Eschede, das die Menschen über alle Grenzen erschüttert hat.

Sendetermin: Freitag, 23.05.2008, 22.15 - 00.15 Uhr, VOX

"Ich dachte, es sei eine Übung," beschreibt Pastor Matthias Stalmann rückblickend den Moment, als er erstmals das Zug-Inferno erblickte, „bis mir dann klar wurde: Wer schrottet für eine Übung so einen Zug?"

Stalmann war einer der ersten Notfallseelsorger, die am 3. Juni 1998 die Unfallstelle in dem niedersächsischen Heideort erreichten. Um 10.59 Uhr war der ICE 884 "'Wilhelm Conrad Röntgen" auf der Fahrt von München nach Hamburg kurz vor dem Bahnhof von Eschede verunglückt. Ein gebrochener Radreifen hatte die größte Zugkatastrophe in der Geschichte der Bundesrepublik ausgelöst. 101 Menschen starben, 105 wurden zum Teil schwer verletzt.

SPIEGEL TV rekonstruiert in einer 100-minütigen Dokumentation ein Zugunglück, das die Menschen über alle Grenzen erschüttert hat. Zu Wort kommen diejenigen, deren Lebenslinien sich an diesem Tag in einem bis dato unbekannten 4000-Einwohner-Städtchen kreuzten: Ärzte und Feuerwehrleute, Seelsorger und Sanitäter. Ebenso wie Überlebende und Angehörige sprechen sie über den Tag der Tragödie und die schwierige Zeit danach – einige von ihnen zum ersten Mal.

Darunter auch Peter Pinkall. Er leidet noch immer unter den Folgen des Unfalls: "Ich habe ein schönes Leben gehabt, alles, was sich ein Mann nur wünschen kann. Und jetzt? Von hundert auf null!" Heute ist der 55-jährige alleinerziehende Vater auf Hartz IV angewiesen. Seit dem Zugunfall war er nie wieder berufstätig, verlor jeden Halt, musste jahrelang psychologisch betreut werden.

"Sie sah aus, als ob sie schläft," sagt Harald Korb. Eine halbe Stunde saß er noch neben seiner toten Frau Gabriele in Wagen 4 und nahm Abschied. Er selbst überlebte schwer verletzt. „Die Erinnerungen bleiben immer haften, sie werden schwächer, aber sie bleiben da."

Ewald Hüls organisierte als Leitender Notarzt die medizinische Versorgung der Opfer von Eschede. Die Eindrücke, die er in dem Einsatz sammelte, veränderten sein Leben nachhaltig: "Diese Menschen standen alle voll im Leben, wollten in Urlaub, hatten Berufsziele. Und genau an dieser Stelle in Eschede war mit einem Schlag alles aus."

Auch die Einsatzkräfte litten unter dem Anblick der Apokalypse: verstümmelte Menschen, verzweifelte Angehörige, Kinderspielzeug zwischen Trümmerteilen – eindringliche Szenen, die sie nachts in ihren Träumen verfolgten. Die ehrenamtliche Helferin des Roten Kreuzes, die tagelang Leichenteile einsammelte, der Rettungsassistent, der in einem Waggon auf eine schwerverletzte Frau und ihr totes Kind stieß – sie alle tragen die schwere Last der Erinnerung. Mit ihr umzugehen, konnten sie häufig nur mittels psychologischer Nachsorge erlernen.

Reinhard Gehringer verlor in Eschede seine Familie: die dreieinhalbjährige Laura, den sechsjährigen Lukas sowie seine Ehefrau Marianne. Als er am 3. Juni 1998 abends in der Lüneburger Heide ankam, machte er sich selbständig auf die Suche nach seinen Angehörigen. Es vergingen drei Tage zwischen Hoffen und Bangen, bis er traurige Gewissheit hatte. Die Suche nach den Verantwortlichen lässt ihn bis heute nicht zur Ruhe kommen: "Eschede war doch keine Naturkatastrophe", so Gehringers Vorwurf.



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