Über 6 Millionen Deutsche fanden im Zweiten Weltkrieg den Tod. Einen von ihnen hat mein Vater auf dem Gewissen, den Bauern Willi Rogge aus Dötlingen. Er wurde kurz vor Kriegsende umgebracht, weil er sich zu sehr darauf freute, von Engländern befreit zu werden. Erfahren habe ich erst jetzt davon, durch einen Fund im Staatsarchiv. Die Akten zeigen, wie schwer sich deutsche Gerichte damit taten, kleine Nazis gerecht zu bestrafen. Und mir ist klargeworden, dass ich von zwei unrühmlichen Bastarden groß gezogen worden bin - meine Mutter war auch bei Hitlers letzten Kämpfern.


Von Cordt Schnibben
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Das ist Oberleutnant Georg Schnibben, Adjutant des Kommandeurs einer Kampfgruppe aus fanatischen Nazis, die im April 1945 in Niedersachsen Jagd machen auf kriegsmüde Deutsche. In Dötlingen, so hat Schnibben erfahren, hetze der Bauer Willi Rogge gegen Hitler, außerdem sei er ein Plünderer. Schnibben beauftragt vier Männer, sich den Bauern vorzuknöpfen.

Das ist Elfriede Schnibben, im Cockpit eines Segelflugzeuges. Dies Foto hing früher in meinem Kinderzimmer über dem Bett, ich zeigte es stolz meinen Freunden. Jetzt habe ich erfahren, dass es auf dem Segelflugplatz Joel bei Dötlingen gemacht wurde, dort war die Kampfgruppe Wichmann stationiert.

Das ist Willi Rogge, ein Bauer, der seit 1933 im „Gaumusterdorf“ Dötlingen dadurch auffällt, dass er nicht einstimmt in das große „Heil Hitler“-Geschrei. Er hat seinen eigenen Kopf und äußert seine Meinung, ohne sich von Einschüchterungen entmutigen zu lassen.

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INFO
Konzeption: Cordt Schnibben; Jens Kuppi, Jens Radü
Supplements: Lena Steeg, Sara Weber
Täterkinder-Debatte: Isabelle Buckow, Friederike Schröter
Dokumentation: Andre Geicke
Gestaltung: Elsa Hundertmark, Hanz Sayami
Programmierung: Chris Kurt, Michael Niestedt
Illustrationen: Kat Menschik
Animationen: Lorenz Kiefer
Film: Olaf Heuser
Tonschnitt: Marco Kasang
Bildredaktion: Thorsten Gerke
Info-Grafiken: André Stephan, Gernot Matzke
Schlußredaktion: Lutz Diedrichs, Reimer Nagel
Koordination: Jule Lutteroth
Fotos: UIP / DPA, Staatsarchiv Oldenburg, Bundesarchiv, FRIEDRICH / INTERFOTO,
National Archiv Canada, Time & Life Pictures/Getty Images
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KAPITEL 1
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WERWOLF

Die Männer, die mein Vater (Foto) ihm auf den Hals hetzt, sind Freiwillige, „Werwölfe“ (Begriff) werden diese fanatischen Endkämpfer von den Nazi-Führern genannt. Adolf Hitler hatte am 28. März 1945 (Chronik) den Befehl zur Bildung der Gruppen erlassen: „Nur entschlossene, tapfere Männer und Frauen jeden Alters sind für diese besonderen Kampfaufgaben geeignet.“ Die Nazi-Führer sahen in ihnen eine Wunderwaffe, um bei den Alliierten die Angst vor einem Guerillakrieg zu schüren, vor allem aber durch Terror gegen Deutsche und mit Morden „die Welle des Verrats“ (Akte öffnen) zu stoppen.

Wenn ich versuchte, mit meinem Vater über seine Jahre unter Hitler zu reden, dann flüchtete er sich immer in dieselbe Verteidigungsspirale: Sein Idealismus, sein Einsatz für die richtige Idee des Nationalsozialismus, seine Vaterlandsliebe seien missbraucht worden von Hitler und seinesgleichen. Es sei ihm darum gegangen, die Schmach der Niederlage im Ersten Weltkrieg auszumerzen und die „ demütigenden Fesseln des Versailler Vertrages“ abzustreifen, er wollte wieder stolz auf Deutschland sein können.

So wusste ich kaum etwas darüber, was mein Vater zwischen 1933 und 1945 gemacht hat - bis ich vor kurzem im Staatsarchiv in Oldenburg fünf Kartons fand. Unterlagen über einen Kriegsverbrecherprozess und die Tätigkeit der „Kampfgruppe Wichmann“, zu der auch meine Mutter gehörte. Die fünf Kartons lassen mich tief in die Hirne meiner Eltern schauen: Wie sie geredet, wie sie gedacht, was sie gemacht haben, als ich noch nicht auf der Welt war. Zwei Menschen, die mir unheimlich sind, in ihrer Unmenschlichkeit, in ihrem Fanatismus, in ihrer Verlogenheit. Zwei Menschen, die mir vertraut sind, weil sie mich zu dem gemacht haben, der ich bin.

Dass mein Vater ein überzeugter Nationalsozialist war, überrascht mich nicht, er blieb es bis zu seinem Tod. Dass er zusammen mit anderen - heimtückisch, kaltherzig - einen Bauern umgebracht hatte, der das Ende des Krieges herbeisehnte, verwirrt mich. Dass meine Mutter - sie starb als ich 13 Jahre alt war - eine Nazi-Mutter war, verändert den Blick auf meine Kindheit radikal.

Meine Eltern waren - das erzählen mir die Akten - wie jene Millionen Deutsche, die in Filmen, Fernsehsendungen und Romanen über Hitlers Volk nur am Rande vorkommen: die Unterstützer und Vollstrecker eines Regimes, dessen Macht dar­auf beruhte, Georg und Elfriede Musternazi mit Arbeit, Privilegien und Lebenssinn zu versorgen.

Eigentlich war schon alles vorbei, Mitte April 1945: Im Osten zerlegte die Rote Armee das „Tausendjährige Reich“, in Hessen und im Ruhrgebiet standen die Einheiten der U. S. Army, und im Norden rückten britische Truppen jeden Tag weiter auf Bremen und Hamburg vor. Der Soldat Georg Schnibben, 30 Jahre alt, war mit einem Bauchsteckschuss vom Russlandfeldzug heimgekehrt und wehruntauglich, seine Mutter und Schwester, in Bremen ausgebombt, kamen bei Bauern in Dötlingen in der Nähe von Wildeshausen unter.

Adolf Hitler saß im Führerbunker in Berlin, noch zwei Wochen vom Selbstmord entfernt. Propagandaminister Joseph Goebbels schrieb am 1. April in sein Tagebuch, „dass die Moral sowohl bei der Bevölkerung als auch bei der Truppe außerordentlich abgesunken ist“.

Mein Vater folgt den Aufrufen der NS-Führer sich „in der Heimaterde fest zu krallen“, gegen den „Bolschewismus“ und die „Truppen des Judentums“ Widerstand zu leisten, die „Ausrottung des deutschen Menschen“ zu verhindern.

Er tritt, wie er im Juli 1945 bei seiner ersten Vernehmung zu Protokoll gibt, dem Freikorps Adolf Hitler bei. Als Mitglied der „Kampfgruppe Wichmann“ soll er sich von britischen Truppen im Gau Weser-Ems „überrollen lassen und in zivil dem Feind Schaden zufügen“. Sein Kommandant Heinz Wichmann bekommt vom Gauleiter den Auftrag, dass „Volksverräter und Defätisten und ähnliche Elemente mit aller Schärfe und Schnelligkeit ausgemerzt“ werden müssen.

Am Abend des 13. April 1945 kommt es in Huntlosen, nordwestlich von Dötlingen gelegen, in der örtlichen Gewerbeschule zu einer Besprechung, die acht Jahre lang Gerichte beschäftigen wird. In vier Prozessen versuchen die Richter im Nachkriegsdeutschland eine Tat zu sühnen, die jeder Mensch sofort als kaltblütigen, heimtückischen Mord erkennt.

Kampfgruppenkommandant Heinz Wichmann, so wird es aus den Akten deutlich, hat seinen Adjutanten Schnibben, den Landrat und die Freiwilligen Wilhelm Piening und Heinrich Cordes zusammengerufen, um sich über den beschuldigten Bauern ein Urteil zu bilden. Schnibben muss später für die Staatsanwaltschaft eine Skizze anfertigen, weil er behauptet, bei der Besprechung nur anwesend gewesen zu sein, aber durch Telefonate und Befehlsstress nichts mitbekommen zu haben.

Heinrich Cordes, 35 Jahre alt, seit 1929 in der NSDAP und in der SA, trägt in der Runde vor, was der stellvertretende Ortsgruppenleiter der NSDAP ihm gesagt hat: Rogge sei gefährlich, ein Plünderer und Hetzer. Schnibben verweist auf einen Befehl des Generaloberst Blaskowitz, dass Plünderer und Verräter rücksichtslos bestraft werden müssen, alle sind sich einig darin, dass der Bauer - angesichts „der ernsten Lage des Vaterlandes, wo täglich Tausende unserer Soldaten fallen“ - sein „Recht zu leben verwirkt“ habe. Den Beschuldigten verhören sie nicht, alle Vorwürfe gegen ihn werden später in den Prozessen verworfen.

Wilhelm Piening, 49 Jahre alt, seit Mai 1932 in der NSDAP, bei der SA angestellt, bekommt mit Cordes den Auftrag, noch in der Nacht mit Heinrich Brockshus, dem stellvertretenden Ortsgruppenleiter der NSDAP, zu sprechen. Bei Kerzenlicht erweitert der die K lagen über Rogge noch um den Hinweis, dieser habe Dorfbewohnern gedroht, sie wegen ihrer Hitlertreue an die heranrückenden Briten zu verraten, und dann würden sie alle gehenkt. „Der Mann muss weg“, gibt Brockshus den Männern der Kampfgruppe mit auf den Weg.

Piening trägt die Anschuldigungen frühmorgens seinem Kommandanten vor. Heinz Wichmann, 30 Jahre alt, 1931 Eintritt in den NS-Schülerbund, Funktionär in der HJ, im Krieg von 1939 bis Juli 1944, seit einer Woche Kommandant der Kampfgruppe, gibt den Befehl: „Umlegen, Piening, umlegen!“

Wegen eines befürchteten Panzerangriffs muss Piening zunächst in Deckung gehen. Kommandant Wichmann kehrt um 15.30 Uhr von einer kurzfristig nötigen Brustoperation zurück, legt sich schlafen, sagt seinem Adjutanten Schnibben, er wolle nicht gestört werden, wird aber von dem nach 30 Minuten geweckt. Wichmann lässt Piening kommen, gibt ihm den Befehl, Rogge zu erschießen. Schnibben soll ihm Leute mitgeben.

Nach dem Krieg wird mein Vater von Ermittlern als der Initiator des Mordes gesehen.

Was mich heute verstört: Ich habe nie hart genug nachgefragt, was mein Vater gemacht hat von 1933 bis 1945, erst aus seinen Angaben gegenüber den britischen Ermittlern und den deutschen Richtern wurde mir nun aus den Akten sein Lebenslauf klar.

Arbeitslos, seit Mai -33 Mitglied der NSDAP, ab April -35 Redaktionssekretär der nationalsozialistischen „Bremer Zeitung“, ab November 38 Geschäftsführer bei der Hitlerjugend, ab August 39 Soldat, im Russland-Feldzug zweimal verwundet, im Juli 1944 aus der Wehrmacht entlassen, danach in der Gebietsführung Nordsee der Hitlerjugend.

Also der Lebenslauf eines jungen Arbeiters, der mit 20 Jahren Nationalsozialist wird und so Karriere macht. Und sich nach zehn Jahren eigentlich eingestehen müsste, dass sein Leben auf dem Dienst für ein Verbrecherregime beruht. Aber mein Vater entschließt sich, lieber diesen Bauern umbringen zu lassen, der seit 1933 mit seiner Meinung über Hitler recht hatte.

Und in den ersten Vernehmungen versucht Schnibben dann, seine Mitschuld zu leugnen. Er beschuldigt Cordes, mit Rogge eine offene Rechnung gehabt zu haben, und deshalb zu ihm gefahren zu sein, um ihm „eine Tracht Prügel“ zu verpassen.

Cordes und Piening setzen sich in den Vernehmungen gegen die Äußerungen Schnibbens zur Wehr, beschuldigen ihn, der eigentliche Inspirator des Mordes gewesen zu sein.

Während der gemeinsamen Überführung der Verhafteten von Delmenhorst in die Untersuchungshaft nach Oldenburg versuchen sich die Täter, auf eine gemeinsame Version zu verständigen. Schnibben schlägt vor, alles auf den - zu diesem Zeitpunkt noch nicht verhafteten - Kommandanten Wichmann und dessen Befehle zu schieben.

Den Tätern dämmert, dass ihre Strafen härter ausfallen, wenn sie als Werwölfe auftreten.

Die NS-Propaganda hatte die Werwölfe größer und gefährlicher gemacht, als sie tatsächlich waren. Über den Sender „Radio Werwolf“ waren jeden Abend um 19 Uhr Heldengeschichten verbreitet worden, über Attentate auf US-Soldaten, Sprengstoffanschläge, Überfälle auf Nachschubtransporte und Strafaktionen gegen „Deserteure und Überläufer“. Die britische Presse warnte vor den Werwölfen und „ihrem tollkühnen Kampfeswesen“, die US-Truppen stellten sich auf einen „langen und bitteren Guerillakrieg“ ein.

Die Inhaftierten der Kampfgruppe versuchen in den Vernehmungen den Eindruck zu vermitteln, sie seien eigentlich reguläre Soldaten und als solche nach militärischen Regeln zu beurteilen. Fanatische Freiwillige der letzten Stunde mit Mordauftrag wollen sie nicht mehr sein, sondern ganz normale Befehlsempfänger, die zum Töten gezwungen wurden. In den Vernehmungen geben sie zu Protokoll, sie seien in Werwolfmethoden geschult worden, dann als Freikorps militärisch eingesetzt worden.

Besonders Schnibben gibt sich große Mühe, den unpolitischen Charakter der Kampfgruppe herauszustellen, sie hatte, so sagt er gegenüber den Vernehmern aus, „no political tasks to accomplish, it had solely to deal with military affairs“.

Tatsächlich aber war die Kampfgruppe der Gauleitung unterstellt, militärisch war sie nicht zu gebrauchen, die Ausrüstung war lächerlich:

hundert Mann, die Hälfte Jugendliche, zwei Autos, ein Krad, ein paar Fahrräder, Handfeuerwaffen. Ihre Hauptaufgabe bestand darin, Jagd auf deutsche Soldaten zu machen, die desertieren wollten, und auf Deutsche, die sich auf den Frieden freuten.

Wilhelm Piening trifft an der Tür Adeline Rogge, die Ehefrau, und den Sohn, sagt ihnen, Willi Rogge müsse dringend zum Gefechtsstand der Kampfgruppe kommen. Der schon schlafende Bauer - es ist 21 Uhr - wird geweckt, steigt ins Auto.

In den ersten Vernehmungen äußern sich die Täter - Monate später - sehr unterschiedlich zur Tat. Ihr Traum von einem selbstbewussten, mächtigen Deutschland ist zerbombt, ihr Vaterland von Besatzungsmächten zerlegt, ihr geliebter Führer hat sich umgebracht, ihre Familien sind zerstreut, sie selbst stehen vor einer ungewissen Zukunft.

Und nach dem Krieg müssen sie sich verantworten für eine Tat, die sie noch Monate vorher als Dienst am Volk gesehen haben, für die sie vom Kommandanten und von der Gauleitung gelobt und in der Zeitung gefeiert wurden.

Wilhelm Piening ist derjenige unter den Tätern, der den größten Wendekreis hat. Er braucht lange, um zu begreifen, dass seine Schüsse unter britischer Besatzungsmacht anders zu bewerten sind als unter Hitler. In einem mehrseitigen handschriftlichen Brief an seinen Rechtsanwalt bringt er seine auch im November 1945 noch ungebrochene nationalsozialistische Weltsicht in Stellung, um zu begründen, warum die im Aktenverkehr benutzte Bezeichnung „Mordsache Piening“ eine „irrige Beeinflussung der Richter und der Öffentlichkeit“ darstelle. Er schlägt als neutrale Formulierung vor: „Erschießung des Plünderers und Volksverräters Rogge“, da die Erschießung von Überläufern „eine militärische Notwendigkeit“ sei.

Mein Vater ist derjenige unter den Tätern, der schon in der ersten Vernehmung durch seine Antworten erkennen lässt, dass er die Umkehrung der Maßstäbe begriffen hat und deshalb konsequent seinen Anteil an der Tat zu verwischen versucht.

Der Prozess in Oldenburg zeigt beispielhaft, wie schwer sich Gerichte im Nachkriegsdeutschland damit taten, Unrecht kleiner und großer Nazis zu bestrafen. Die Richter müssen nach Maßgabe zweier Gesetze urteilen. Da ist einmal das deutsche Strafgesetzbuch mit Paragraf 211: Mord, ja oder nein- Wenn nicht, dann Paragraf 212, Totschlag. Und zum anderen das Kontrollratsgesetz Nr. 10, eines der Gesetze, die die Alliierten erlassen haben, um die Verantwortlichen des Hitler-Regimes verurteilen zu können. Das Gesetz Nr. 10 vom 20. Dezember 1945 bildete die Rechtsgrundlage für Prozesse gegen Personen, die wegen Kriegsverbrechen oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt wurden.

„Juristisches Neuland“ betrete man mit diesem Prozess, hat der Oberstaatsanwalt einem der Anwälte vor dem Prozess mitgeteilt, und das führt zu seltsamen Bewertungen und zu Revisionen und neuen Prozessen.

Alle Angeklagten - außer dem NSDAP-Leiter -, so sieht es das Gericht im ersten Prozess, seien der Meinung gewesen, der Bauer sei ein Plünderer, erster Irrtum der Täter, und da es den Befehl gab, Plünderer umzubringen, fühlten sie sich im Recht, zweiter Irrtum der Täter. Darum sei der Mord an dem Bauern kein Mord, die Täter hätten „nicht vorsätzlich einen Menschen getötet“.

Ihren Irrtum hätten sie nicht fahrlässig verschuldet, da man von ihnen nicht verlangen könne, den Vorwurf der Plünderei zu überprüfen. Zudem konnten sie aufgrund der in „Presse und Rundfunk verbreiteten Fälle, in denen genau so gehandelt worden war ... des Glaubens sein, dass auch gegen Rogge eingeschritten werden müsse“. Der Schütze und seine drei Komplizen könnten daher weder wegen Mord (§211) noch Totschlag (§212) verurteilt werden.

Allerdings: Die Angeklagten hätten dennoch ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen, da entscheidend sei, „welchen Eindruck die Tat auf einen außerhalb stehenden Beschauer macht“. Die „Geringschätzung des Menschenlebens, seine Vernichtung in einem übereilten formlosen Verfahren stellt eine schwere Verletzung der Menschenwürde dar“.

Die Tat, so das Gericht, sei jedem dieser Angeklagten „persönlichkeitsfremd“, jeder habe im „Krieg seine Pflicht gegeben“, einige seien „mehrfach verwundet“, „Massenpsychose“ habe „zur Überwindung innerer Hemmungen beigetragen“.

Ich habe mich wochenlang durch die Vernehmungsprotokolle und Gerichtsunterlagen gewühlt, und je länger ich las, desto wütender wurde ich. Zum einen ärgerte ich mich über die Richter: Wieso schlossen sie aus, dass es sich um Mord oder Totschlag handelt?

Wieso waren sie mehr damit beschäftigt, mildernde Umstände zusammenzutragen, als die kriminelle Energie der Täter herauszuarbeiten? Ich begann, mich für die Richter der Prozesse zu interessieren. Da war zum Beispiel August von Döllen, während des Kriegs Oberstabsrichter bei der 180. Infanteriedivision, die in den Niederlanden gegen gelandete Einheiten der Alliierten eingesetzt war. Die Wehrrichter sollten unter anderem desertierende Soldaten zum Tode verurteilen, mehr als 20 000 Wehrmachtsangehörige wurden auf diese Weise hingerichtet.

Direkt nach dem Krieg hatten alle belasteten Juristen den Staatsdienst verlassen müssen, und das waren fast alle. Leitende Juristen kamen in Internierungslager.

Viele dieser belasteten Richter rutschten schon von 1946 an wieder in den Staatsdienst, schließlich saßen 80 Prozent des ehemaligen Justizpersonals wieder an den Schreibtischen und in den Gerichtssälen. „Das Recht ist ... hunderttausendfach gebeugt worden“, stellte Rudolf Augstein 1965 fest, „doch noch nicht ein Richter, noch nicht ein Staatsanwalt aus der NS-Zeit“ habe vor dem Strafrichter gestanden. Die wenigen, die danach auf die Anklagebank kamen, wurden freigesprochen, immer nach dem Motto des ehemaligen Marinestabsrichters und späteren Ministerpräsidenten Hans Filbinger: „Was damals rechtens war, kann heute nicht unrecht sein.“

So haben sich auch mein Vater und seine Komplizen verteidigt. Ihre vier Prozesse waren so etwas wie ein Muster dafür, wie die deutsche Nachkriegsjustiz daran scheiterte, das millionenfache Unrecht der kleinen Nazis zu ahnden.

Es ist nicht schön, seinen Vater aus Gerichtsakten kennenzulernen. Seine Winkelzüge sind aus den Vernehmungsprotokollen und Gerichtsakten so deutlich herauszulesen, als könnte man ihn nachträglich an einen Lügendetektor anschließen. Solange sein Kommandant nicht in Haft ist, sind dessen Befehle der Anlass für den Mord. Später schieben beide zusammen die Tat auf die Anweisungen des Gauleiters, der sich zur selben Zeit in Bielefeld vor Gericht verantworten muss und deshalb nicht in Oldenburg im Gefängnis sitzt.

Mein Vater log, trickste, wurde immer wieder dabei ertappt, wie er mit Kassibern Druck auf die Mittäter ausübte. Er wurde deshalb in ein anderes Gefängnis verlegt, meiner Mutter wurde das Besuchsrecht entzogen. Als der Anwalt meines Vaters wiederholt Einspruch dagegen einlegte, antwortete der Staatsanwalt schließlich, mein Vater dürfe mit ihr nicht sprechen, da meine Mutter zu den Personen gehöre, „die an der den Gegenstand dieses Verfahrens bildenden Mordtaten beteiligt sind“.

In langen Briefen tauschen sich mein Vater und meine Mutter aus. Von Reue ist in diesen Briefen nichts zu spüren, auch über drei Jahre nach dem Mord - so lange dauert die U-Haft - ist Rogge für meinen Vater ein Plünderer: Er hat meiner Mutter aufgetragen, Belastungszeugen in Dötlingen aufzutreiben, die den Ruf Rogges beschädigen sollen.

In den Briefen, die meine Mutter ins Gefängnis schickt, beschwört sie ihre nationalsozialistische Haltung, versichert meinem Vater, „dass Du jetzt und später alles von mir verlangen kannst, was dieser Einstellung entspricht“. Über einen geheimnisvollen „Frontspaziergang“ am 1. Mai 1945 tauschen sie sich aus, über die Vernehmungen durch den Staatsanwalt, über Zeugen, die sie ansprechen und die ihn entlasten sollen, über den Ermordeten, der in seinen Augen immer noch ein Plünderer ist.

„Treue“ ist in ihren Briefen das Synonym für: Wir denken so, wie wir vorher gedacht haben. Meine Eltern verstanden sich als zähe Kampfgruppe: Sie versorgt ihn mit sauberer Wäsche und ideolo­gischem Beistand, mit Goethe-Zitaten und Ratschlägen für Vernehmungen; er kämpft hinter Gittern mit Lügen, Kassibern und Drohungen dafür, möglichst schnell rauszukommen. Und er antwortet auf Goethe mit Seneca: „Unsere geistige Haltung verleiht uns Adel, wenn wir die Kraft finden, uns aus jeder Lage über das Schicksal zu erheben.“ Im Gefängnis „stärken sich Kampfbereitschaft, Mut und Ausdauer derart, dass uns diese Kraftquelle ermöglicht, das Schicksal in die Schranken zu fordern“.

Sie sehen sich in einem „Schicksalskampf“, das Wort fällt immer wieder, zwei Unbelehrbare im Kampf um den Endsieg, die beklagen, dass in diesem „Trümmerdeutschland“ nichts mehr so ist wie in der Vergangenheit, wo alles „mit wenig Mühe in den Schoß gefallen“ ist. „Partei ist wie ein Spuk verweht, ohne Saft und Kraft!“ So schreiben sie sich zwei, drei Jahre nach einem Krieg, der alles widerlegt hat, an das sie geglaubt haben.

In den Briefen treten mir zwei fremde Menschen entgegen, fremd in doppeltem Sinn: So zärtlich und einfühlsam habe ich sie nie erlebt, so kaltblütig und berechnend auch nicht. Es sei zunächst angebracht gewesen, „mit Samtpfötchen aufzutreten, da man immer noch glaubte, mir eine größere Rolle in unserem Fall zusprechen zu können“, schreibt mein Vater. „Nur nicht einschüchtern lassen durch diese Schreiberlinge!“

Sie entwickelt in ihren Briefen das Konzept einer „demokratischen Diktatur“: Wahl der Parteiführer von unten nach oben, Blockleiter wählen Gauleiter, die wählen die Führer.

Kapitel VII: Befehl

Die Besprechung Wegeners mit Wichmann eine Woche vor dem Mord wird in den Zeugenaussagen von Wichmann und Schnibben nun zum Mordbefehl gegen jeden Defaitisten und Überläufer. Und: Noch am Tag der Tat, so Schnibben, habe Wichmann gegen Mittag mit der Gauleitung telefoniert und den Vorschlag gemacht, den aufsässigen Bauern Rogge in Oldenburg einzusperren und zu vernehmen, die Gauleitung habe ihm jedoch gesagt, das „solle das Freikorps vorne erledigen“.

Im Juni 1947, also zwei Jahre nach seiner ersten Vernehmung, erwähnt Schnibben diese Anweisung der Gauleitung zum ersten Mal. Begründung:„Weil ich es mir vorbehalten hatte, sie bei einer Gegenüberstellung mit Wegener diesem selbst ins Gesicht zu schleudern.“ Er habe es als „eine ganz große Gemeinheit“ empfunden, dass die Gauleitung über „die Hoffnungslosigkeit der Situation“ genau unterrichtet war, den Freiwilligen aber verschwieg, „dass alles längst verloren war“.

Erst nachdem Wichmann Schnibbens neue Aussage vorgehalten wird, erinnert sich auch der an sein Telefonat mit der Gauleitung, sogar an den Wortlaut:„ Sie wissen doch ganz genau, Wichmann, wie man mit Volksverrätern verfährt. Gerade weil jetzt ein Angriff droht, haben Sie gemäß dem Befehl des Gauleiters zu verfahren.“

Aber auch dieser letzte Winkelzug hilft den Angeklagten nicht. Das Gericht macht den Tätern klar: Sich bei solch einer Tat auf militärische Befehle zu berufen sei selbst nach den Maßstäben des Hitler-Regimes nicht möglich.

Als Kronzeugen für diese Auslegung zitiert das Gericht Propagandaminister Goebbels:„Es ist in keinem Kriegsgericht vorgesehen, dass ein Soldat bei einem schimpf­lichen Verbrechen dadurch straffrei wird, dass er sich auf seinen Vorgesetzten beruft, zumal wenn dessen Anordnungen in eklatantem Widerspruch zu jeder menschlichen Moral stehen.“

Im Brief an meine Mutter empört sich mein Vater über dieses Argument und das Goebbels-Zitat: „Einmal wird sogar Goebbels, der ,größte Lügner aller Zeiten, „zu unserem Ungunsten herangezogen. Ein Treppenwitz der Weltgeschichte!“

Der Oberste Gerichtshof für die britische Zone erklärt, dass „weder Anlass noch Umstände und Ausführungsart der Tötung - irgendetwas mit Dienst und Aufgaben der Wehrmacht zu tun“ hatten. Endlich sagt jemand den „fronteinsatz­untauglichen“ Männern, die sich noch einmal Uniformen übergezogen hatten, dass ihre Bewaffnung und ihr Zustand nicht mehr dazu reichten, britische Panzer aufzuhalten, sondern nur noch dazu, unbewaffnete Zivilisten zu killen.

Piening meldet Wichmann am nächsten Morgen: „Volksverräter Rogge ist hingerichtet.“ Schnibben fährt nachmittags zur Gauleitung, erstattet Bericht und verfasst zusammen mit dem Schriftleiter des Gaupressedienstes die Meldung, die am nächsten Tag in der „Oldenburgischen Staatszeitung“ erscheint:

„Verräter gerichtet. Am Ortseingang von Dötlingen, Kreis Oldenburg, wurde am Sonntagmorgen die Leiche eines Mannes gefunden, an dessen Kleidern ein Zettel mit der Aufschrift befestigt war: ‚Wer sein Vaterland verrät, stirbt!‘ Es handelt sich um einen sattsam bekannten bolschewistenfreundlich eingestellten Dötlinger Einwohner, der in den letzten Tagen wiederholt geäußert hatte, er wolle deutschbewusste Männer und Frauen dem Feind ausliefern. Rächer deutscher Ehre haben diesem Vaterlandsverräter den verdienten Lohn ausgezahlt. Dieses Volksurteil wird bei allen ehrlichen Deutschen Beifall finden und allen Feiglingen, die ihr Vaterland in ernster Zeit verraten, eine Warnung sein.“

Die britischen Truppen rücken weiter voran, die Kampfgruppe weicht zurück. Zwei Wochen später ist der Krieg vorbei. Am 18. Juni 1953, kurz vor meinem ersten Geburtstag, kommt das Schwurgericht in Oldenburg zusammen, um in nur einem Tag den Schlussstrich zu ziehen unter den achtjährigen Streit darüber, ob sechs unbelehrbare Nazis in den letzten Kriegstagen einen Bauern umbringen durften, der sich auf die baldige Befreiung durch die Alliierten freute.

In einem Vorverfahren vor einem britischen Militärgericht drohte den Angeklagten die Todesstrafe. Weil die Alliierten jedoch verfügten, dass Deutsche die Deutsche getötet haben, vor ein deutsches Gericht gehörten, kamen die Täter mit dem Leben davon.

Im ersten Prozess (Dezember 1947) und im zweiten Prozess (November 1948) hatten sich die Mörder Willi Rogges auf militärische Befehle berufen. Der Oberste Gerichtshof für die Britische Zone unterstreicht im November 1949 in seiner Revisionsbegründung jedoch, dass sie nicht als Soldaten zu beurteilen sind, sondern als Freiwillige, die einen Zivilisten ermordet haben. In der Begründung heißt es: Seite 4.

Im ersten Prozess vor dem Landgericht in Oldenburg reichten die Strafen von lebenslang bis vier Jahre Zuchthaus. Im zweiten Prozess fielen die Strafen deutlich milder aus, im vierten Prozess - nachdem der Bundesgerichtshof die Sache zur erneuten Verhandlung zurückverwiesen hatte - sprach das Gericht die endgültigen Urteile.

Kommandant Wichmann bekam in diesem letzten Prozess eine Strafe von drei Jahren wegen vorsätzlicher Tötung, mein Vater als Adjutant zwei Jahre und neun Monate wegen Beihilfe zur vorsätzlichen Tötung, alle anderen - auch der Schütze Piening - zwei Jahre und sechs Monate. Gauleiter Paul Wegener wurde freigesprochen.

Die Täter erscheinen im Urteil als Verführte, die sich - „von der Massenpropaganda gegen sogenannte Volksverräter beeinflusst“ - durch Befehle zu einer Tat treiben ließen, die „nicht durch eine unmenschliche Gesinnung bestimmt ist“. Der Mord zeige „kein eigentlich kriminelles Gepräge“, entsprechend milde seien die Täter zu bestrafen. Der Bataillonsadjutant Schnibben habe es allerdings „in der Hand gehabt, sich mäßigend einzuschalten“. Das habe er nicht getan, sein Verhalten in den Prozessen habe zudem „ein so ungünstiges Licht auf seine Wahrheitsliebe geworfen, dass er als völlig unglaubwürdig anzusehen ist“.

Sein Leben, seine Ideale, seine Enttäuschung, seine Irrtümer, seine Kriegserlebnisse, seine Verbrechen hätten das Material sein können für viele Gespräche zwischen Vater und Sohn.

Er wollte nicht, und mir reichte es - 15, 16 Jahre alt -, die Faschisten als Mörderbande anzuprangern und mich gegen Judenwitze am Mittagstisch zu wehren. Ich weiß nicht, ob ich den Mut gehabt hätte, meinen Vater mit seinem Mord zu konfrontieren, wenn ich die Akten eher gefunden hätte. Ich hätte ihn quälen müssen, wie ein Vater seinem Sohn zusetzt, der Schlimmes verbrochen hat.

Warum konntet ihr diesen mutigen Bauern nicht einfach leben lassen? Habt ihr ihn umgebracht aus Rache dafür, dass er nicht so irrte wie ihr? Warum hast du so jämmerlich gelogen in den Vernehmungen? Hast du befürchtet, von den Engländern aufgehängt zu werden?

Ein Volk von Tätern zu schaffen, das war das Ziel von Hitler, Goebbels & Co., also das Verbrechen zu vergesellschaften, und so konnte jeder leicht zum Mörder werden. Wirklich? Die Millionen Täter haben Millionen Kinder und Enkel hinterlassen, die sich mit dieser Frage herumschlagen. Wie konnte aus dem Mörder nach dem Krieg der Mensch werden, der mir beibrachte, was Recht und Ordnung ist? Was steckt von ihm in mir? Was hätte ich getan?

Viele der Täterkinder sind zu Erben des Schweigens geworden. Weil über den Krieg nicht geredet wurde, wurde über nichts von Belang mehr geredet zwischen Eltern und Kindern, jedes Treffen war ein ritualisierter Austausch von Nichts, bei uns war das so, bei vielen meiner Freunde ist es auch so.

Das hat Folgen für das Bild, das die Deutschen vom Nationalsozialismus haben. Wurde die Generation gefragt, die 1945 mindestens 15 Jahre alt war, dann antwortete jeder Zweite auch 40 Jahre nach dem Krieg noch, er habe im Nationalsozialismus seine Ideale verwirklicht gesehen. Werden dagegen deren Kinder und Enkel gefragt, räumen nur 6 Prozent von ihnen ein, ihre Vorfahren seien eher positiv (4 Prozent ) oder sehr positiv (2 Prozent) eingestellt gewesen. Nur 3 Prozent glauben an Antisemitismus bei ihren Eltern und Großeltern, nur ein Prozent sehen ihre Vorfahren an Verbrechen in der Nazi-Zeit beteiligt. Aber: 17 Millionen Deutsche dienten in der Wehrmacht, 700.000 waren in der SS und der Waffen-SS aktiv, 4 Millionen in der SA, 7,5 Millionen gehörten der NSDAP an.

Es sind inzwischen jährlich Hunderte, die in Seminaren und Gesprächsgruppen logistische und psychologische Unterstützung bei der Verarbeitung von Verbrechen ihrer Eltern und Großeltern suchen. Sie eint die Erkenntnis, dass die Verbrechen ihrer Eltern nicht hinter einem wie auch immer gearteten Schlussstrich verschwinden, sie treibt der Wille, mehr als nur Mitleid mit den Opfern ihrer Eltern zu haben.

Immer noch beschäftigt mich die Furcht, mich als Täterkind zu wichtig zu nehmen, besonders dann, wenn sich drei Tage lang auf einer Konferenz alles um Täterkinder dreht, wie kürzlich im ehemaligen KZ Neuengamme geschehen. Da treffen dann die Söhne von hohen Nazis wie Hans Frank, dem „Schlächter von Polen“, dort im Zweiten Weltkrieg Generalgouverneur, oder Hanns Ludin, zuständig für die Deportation der slowakischen Juden, auf die Kinder und Enkel von Ortsgruppenleitern, Henkern, Lagerärzten. Wenn sich erwachsene Männer und Frauen, die schon lange Eltern sind, wieder darüber definieren, dass sie als Kinder ein ähnliches Schicksal hatten, macht es das Leben komplizierter, als sich mancher vorgestellt hat. Je mehr Freunde ich teilhaben ließ an meiner Geschichte, desto mehr ging ich mir auf die Nerven. Ja, ich wollte erzählen, nein, ich wollte nicht vor ihnen sitzen wie ein Mensch, den man zu bemitleiden hat wegen seiner Eltern und zu bestaunen wegen seiner Geschichte.

Aber wenn dann eine junge Frau - die Enkelin eines hohen SS-Mannes - während des Treffens in Neuengamme aufsteht und erzählt von einem Großvater, der aus dem Krieg nach Hause kam und dort weitermachte, wo er in Polen aufgehört hatte, der seine Tochter und seine Enkelin über Jahre vergewaltigte, spätestens dann wird deutlich, wie groß das Leid von Täterkindern sein kann.

In den letzten Monaten in seinem Haus - inzwischen allein, weil seine dritte Frau gestorben war - verschwand mein Vater wieder ganz im Krieg, er schleppte sich als müder Werwolf durch die Tage. Er rief mich oft an, behauptete in Hannover, Bielefeld oder Berlin zu sein, auf einem Kriegskameradentreffen, und bat mich, ihn nach Hause zu bringen, er finde den Weg nicht allein. Ich riet ihm jedesmal, aus dem Fenster zu schauen und mir zu beschreiben, was er sehe. Es war immer die Garage hinter seinem Haus. Ich besorgte ihm einen Heimplatz.

Meine Eltern sind mir - da ich in den letzten Monaten aus den Akten erfahren habe, wer sie wirklich waren - so vertraut geworden wie vorher nie.

Da ich sie nicht loswerde, lasse ich sie an meinem Leben teilhaben. Sie begleiten mich jetzt ins Theater, wenn ich Hans Falladas „Jeder stirbt für sich allein“ anschaue, die Bühnenfassung eines Romans über den zähen Widerstandskampf eines Berliner Ehepaares gegen das um sie ­herum wuchernde Nazi-Regime. Sofort abknallen, die beiden Volksschädlinge?

Meine Eltern sind auch mit mir zusammen in die Berliner Ausstellung „Wien- Berlin“ gefahren, in der die Kunst der ersten drei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts gezeigt wird.

Ich habe ihnen, den Bewunderern von Goethe und Seneca, das unwiderstehliche Bild „Bekenntnis“ des Wieners Fritz Schwarz-Waldegg gezeigt und das verstörende Panorama „Der tolle Platz“ von Felix Nussbaum. Und auch das Gemälde „Das Verhör“ von Friedl Dicker. Schön, oder? Dicker und Nussbaum sind in Auschwitz vergast worden, Schwarz-Waldegg wurde im Vernichtungslager Maly Trostinez ermordet. Und neulich saßen meine Eltern neben mir, als im Fernsehen „Schindlers Liste“ wiederholt wurde.

Ich habe den Film anders gesehen als vor Jahren, jetzt spielten meine Eltern mit. Über drei Szenen hätte ich gern mit meinem Vater geredet. „Sie fürchten uns, weil wir die Macht haben, aus Willkür zu töten“, sagt Schindler zu Amon Göth, dem Lagerkommandanten, neben ihm lächeln meine Eltern. „Sie können als Männer zu ihren Familien zurückkehren“, ruft Schindler den Wachmännern zu, die am Ende in der Fabrik die letzten Juden umzingeln, „oder als Mörder.“ Mein Vater steht vor ihnen, das Gewehr an der Wange.

In den Goldring, den die geretteten Juden Schindler als Abschiedsgeschenk überreichen, prägen sie den Spruch: „Wer auch nur ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt.“

KAPITEL
1
Werwölfe
BRIEFWECHSEL
1946-1949
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