Die Menschen, die sich am 15. Oktober 2013 auf den Weg nach Europa machen, dahin, wo sie Essen, Reichtum und Glück erwarten, kennen die Gefahren der Wüste. Aber sie gehen hinein.

Als Samani, ein junger Mann aus Niger, 25 Jahre alt, gemeinsam mit 112 anderen Männern, Frauen und Kindern aufbricht, ist er 2500 Kilometer von seinem Ziel entfernt, der Küste des Mittelmeers. Die Flüchtlinge werden nur bis zur algerischen Grenze kommen, die Wüste wird die meisten von ihnen verschlucken. Samani wird überleben, er wird erzählen können von dieser Reise, die in einem besseren Leben enden sollte, einem Leben in Europa.

Samani reist allein. Seit einem Jahr ist er verheiratet, ein Freund seines Vaters hat die Braut für ihn ausgesucht. Anfangs war ihm seine Frau fremd, sagt er, aber nach ein paar Monaten Ehe begann Samani diese Frau zu lieben, auf eine scheue, abwartende Weise.

Leider erwiderte sie seine Liebe nicht, und so hofft er nun auf Europa: darauf, dass der Erfolg in der Fremde sein Ansehen im Dorf hebt, darauf, dass eine Rückkehr, in einem Auto womöglich, in seiner Frau die Liebe entfacht.

Der Weg nach Europa führt durch die Sahara, die größte Wüste der Erde. Die Araber nennen die Sahara „sehr große Wüste“ oder auch bahr bila ma, „Meer ohne Wasser“. Sie erstreckt sich über neun Millionen Quadratkilometer, das ist 26-mal die Fläche Deutschlands, vom Atlantik bis zum Roten Meer.

Vier Tage später, vielleicht auch fünf, genau lässt sich das nicht mehr feststellen, werden 92 jener Menschen tot sein. Ihr Tod ist der Schlusspunkt eines Dramas, das Wochen vorher begonnen hat: mit Abschiedsküssen und Umarmungen, mit guten Wünschen und mit Erwartungen, die nicht zu erfüllen sind.

Was sie durchmachten, erzählen diejenigen, die überlebt haben. Wir haben sie besucht, in ihren Dörfern im Süden Nigers, nahe der Grenze zu Nigeria. In langen Gesprächen haben sie beschrieben, in ihrer Muttersprache Haussa, wie ihre Reise Richtung Europa verlief. Ein alter Mann, der seine Frau, seine Schwiegertochter und zwei seiner Enkel verloren hat, lächelte mitunter, während er erzählte; der Dolmetscher erklärte später, es sei in seinem Stamm Sitte, sich Trauer nicht anmerken zu lassen.

An den Unglücksort sind wir nicht gefahren, die nigrische Regierung warnt Europäer davor, an die algerische Grenze zu reisen. Allerdings gibt es Filmaufnahmen vom Ort der Katastrophe, ein nigrischer Journalist hat sie gemacht, kurz nachdem die Leichen entdeckt worden waren.

Es ist ein afrikanisches Drama, aber seine Ursache ist nicht in Afrika allein zu suchen, in seiner Armut und seinem Elend. Wer solche Dramen verstehen will, sollte genauso nach Europa schauen, auf diesen behaglichen Kontinent, der sich mit sich selbst ganz wohlfühlt, der sich abschottet gegen Menschen, die von draußen kommen, gegen alles, was Probleme macht.

Überlebender Samani, Ehefrau
Hoffnung auf die Rückkehr in einem eigenen Auto

Flüchtlinge aus Afrika machen Probleme. Um sie fernzuhalten, hat die EU die Grenzen der „Festung Europa“, lautlos fast, nach Süden verschoben, bis hinein ins Innere Afrikas. Es gibt genügend politische Argumente für solche Manöver; um den Terrorismus, das organisierte Verbrechen, den Waffenschmuggel zu bekämpfen, müssten die Länder Nordafrikas ihre Grenzkontrollen hochrüsten, das ist das schlagkräftigste solcher Argumente. Ein Bollwerk ist so entstanden, unüberwindbar für Menschen wie Samani, die bereit sind, alles zurückzulassen, um einem besseren Leben in Europa entgegenzulaufen. Wer dagegen anrennt, riskiert, dabei zu sterben. Aber es ist ein unsichtbares Sterben. Kein spektakuläres Sterben wie das Sterben auf überfüllten Booten, die kurz vor Europas Festland kentern.

Entwicklungshilfe, das bedeutet aus europäischer Perspektive auch, Menschen und Geld nach Afrika zu transferieren, um unerwünschten Zuzug auszutrocknen. In Niger werden Polizei und Justizverwaltung von europäischen Fachleuten geschult, damit die Bevölkerung dableibt. Länder wie Algerien oder Marokko bekommen EU-Gelder, damit sie stärker als bisher gegen Flüchtlinge vorgehen.

Menschen, die es dennoch riskieren, versuchen deshalb, die Kontrollpunkte zu umgehen. Sie verlassen die Hauptrouten kurz vor der Grenze und fahren auf unmarkierten Wegen Richtung Norden, hinein in die Sahara.

Samani und seine Mitfahrer starten in Arlit, einer Stadt im Norden Nigers, sie lebt von französischen Ingenieuren, die hier eine Uranmine betreiben. Die Gruppe hat auf der Straße mit Schleppern um den Preis gefeilscht und irgendwann ihre Habe auf zwei Lastwagen verteilt: Wasserkanister, Kleidung, etwas zu essen. Dann, gegen vier Uhr früh, kurz vor dem Morgengebet, haben sie in der Dunkelheit ihre Plätze eingenommen: die Männer am Rand, die Beine nach außen baumelnd, sie halten sich an Seilen fest, die die Fahrer gespannt haben; in der Mitte Alte, Frauen und Kinder. Außen ist es zugig und staubig, in der Mitte ist es stickig und heiß. Auf dem kleineren Wagen, einem Nissan-Pick-up, ist so wenig Platz, dass die Männer stehen müssen.

24 Menschen fahren auf dem kleinen Wagen, 89 auf dem großen. Frauen sind darunter, Kinder, Kleinkinder, Babys; allein reisende Männer, Ehepaare, ganze Sippen. Das erste Ziel des kleinen Konvois soll Tamanrasset sein, eine Wüstenstadt im Süden Algeriens. Einige planen, in Tamanrasset zu bleiben, jedenfalls erst einmal; andere wollen weiter nach Norden. Sie hoffen auf Arbeit, um sich das Fahrgeld für die nächste Etappe zu verdienen.

Panorama:
Die Hütte von Samani
Es ist ein afrikanisches Drama, aber seine Ursache ist nicht in Afrika allein zu suchen.