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Editorial

Ein neuer SPIEGEL online

Ob das Lesen am Monitor das Lesen in Buch und Zeitschrift verdrängt - diese, endlose, Debatte zieht sich hin, seit es elektronische Medien gibt. Erst war es das Fernsehen, das die Menschen angeblich zu Analphabeten machte. Nun sind es die Online-Dienste, die, mit Sexchats und Pornobildern gar, die Gesellschaft verdummen.

Es ist eine Diskussion von gestern. Auch die neuen elektronischen Medien, so zeigt sich, vermögen allenfalls in Randbereichen wie dem Markt der Lexika, Ratgeber oder Atlanten dem gedruckten Produkt ein wenig Konkurrenz machen. Aber wer will schon "Krieg und Frieden" am Bildschirm lesen? Oder auch nur den ganzen SPIEGEL mit 276 Seiten diese Woche?

Immer mehr entwickeln die Medien-Angebote, die in wachsender Zahl auf den Computerbildschirmen um Aufmerksamkeit werben, einen eigenen Charakter: als komplementäres und eigenständiges Medium, das ergänzt, nicht ersetzt.

Der SPIEGEL hat deshalb seine Web-Seiten, die er im Oktober 1994 erstmals präsentierte, stark ausgeweitet. In Zusammenarbeit mit dem SPIEGEL-Ressort Electronic Services, das auch die Online-Produkte in Compuserve und T-Online sowie die SPIEGEL-CD-Rom betreut, hat die Düsseldorfer Wysiwyg Software Design die Optik besorgt, der Hamburger Internet Provider Point of Presence die Technik. Das neue Angebot, ohne grafische Exzesse, gliedert sich in vier Stränge.

- Nach wie vor finden Sie das Wichtigste aus dem wochenaktuellen SPIEGEL , ab sofort pünktlich am Montagmorgen um 9 Uhr - in der Rubrik "Magazin".

- Das Beste aus SPIEGEL special und SPIEGEL EXTRA sowie das Programm von SPIEGEL TV stehen unter dem Icon "Andere SPIEGEL" .

- Der wochenaktuelle "Schwerpunkt" beleuchtet ein Thema - diese Woche die Berlin-Wahl, das Abschneiden der PDS und die Krise bei der SPD - besonders gründlich: Hyperlinks erschließen Hintergrundmaterial aus dem Internet, Beiträge oder Gespräche aus früheren SPIEGEL-Ausgaben ermöglichen den Blick zurück, bei einer wöchentlichen Kurzumfrage ist Ihre Meinung erwünscht.

- In der "Online World" sollen Netsurfer auf ihre Kosten kommen: Statt endloser Link-Listen bringt SPIEGEL online unter dem Icon "Scanner" Kurztips auf Web-Seiten, die wochenaktuell sehenswert sind (diesmal zum Jubiläum am 1.November: "100 Jahre Kino"), die News von morgen, den seit einem Jahr erfolgreichen Navigator zu den wichtigsten Medien im Web, die Rubrik "Meinung" und vieles mehr. Auch hier ein wöchentlicher Schwerpunkt, unter der Rubrik "Exklusiv": SPIEGEL-Redakteure und Gastautoren schreiben exklusiv für SPIEGEL online zu den Themen, die in der Netzgemeinde wichtig sind - diese Woche mit Beiträgen des Wissenschaftsjournalisten Ranga Yogeshwar, des Gründer-Preisträgers Henrik Klagges ("Mr.Unix-Cockpit") und des Mac-Spezialisten Bernd Wendorf.

Das wohl umfassendste elektronische deutschsprachige Medien-Angebot im Web ist frei zugänglich. Als erstes großes Publikumsblatt in Europa bietet DER SPIEGEL damit auch Platz für elektronische Anzeigen. In den USA ist Electronic Advertising längst ein schnell wachsender Markt, hierzulande rechnen Werbetreibende nach einer Untersuchung der "Wirtschaftswoche" und der Nürnberger Marktforschungsgesellschaft GfK für 1996 mit "breitem Interesse".

Beim Surfen durch SPIEGEL online ist viel zu entdecken. Und SPIEGEL online wird sich ständig verändern. Wo jetzt vielleicht noch, wegen der Tempogrenzen im Datastream, Illustrationen eingespart werden, entfalten sich morgen womöglich schon bunte Grafiken und Fotos. Wo jetzt vielleicht eine interaktive Funktion nur in gewissen Zeitabständen greift, gibt es morgen schon schnellere Antworten. Wo heute vielleicht noch Ton in der Qualität von Radio Eriwan aus den Boxen tönt, ist morgen schon der SPIEGEL-Audio-Service wie aus dem Autoradio zu hören. Wo heute noch keine Videos zu sehen sind, gibt es morgen vielleicht schon Trailer aus SPIEGEL TV.

SPIEGEL online fährt auf der Infobahn,seit über einem Jahr, mit angepaßter Geschwindigkeit. Nicht alles, was möglich ist, ist auch sinnvoll. Und nicht jeder, der überholt, kommt besser ans Ziel.

Uly Foerster, DER SPIEGEL, Ressortleiter Electronic Services







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