2D-Künstlerin Alexa Meade Völlig verflacht

Alexa Meade bepinselt stundenlang reale Wiesen, Spiegeleier oder Menschen, bis diese aussehen wie Gemälde. Warum will sie alles auf zwei Dimensionen reduzieren?

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Los ging es mit Schatten. Alexa Meade war gerade zu einem Auslandssemester in Kopenhagen - und Schatten wie diese, so lang und imposant, hatte sie noch nie gesehen. Dieser Eindruck ließ sie auch nicht los, als sie längst zurück in den USA war und ihr Politikstudium abschloss. Sie wollte die Schatten festhalten. Nur, wie sollte das gehen: Etwas sicht- und haltbar machen, das so flüchtig ist?

Meade versuchte es so: Sie nahm schwarze Farbe, einen Pinsel und stellte sich an einem sonnigen Tag auf eine Wiese. Auf die Stellen, an denen der Gartenzaun Schatten warf, trug sie die Farbe auf.

Heute malt die 28-Jährige nicht mehr auf Gras, sondern vor allem auf Menschen. Und wer Meades fertige Bilder sieht, muss zweimal hingucken: Sie sehen aus wie Gemälde, zweidimensional, dicke Farbschichten sind zu erkennen. Doch sie sind eben nicht auf einer Leinwand aufgetragen. Selbst in die Ohren und in die Nasen ihrer Models pinselt Meade Farbe, um die Illusion perfekt zu machen. Für die Körper braucht sie bis zu zwei Stunden. Für das ganze Setting drumherum, den Raum, die Kleidung und Accessoires, hat sie schon bis zu 60 Stunden gemalt.

Von der Bestechung zur freien Auswahl

Eine künstlerische Ausbildung hat Meade nicht genossen. Sie arbeitete zunächst in der Politik und war 2008 während Barack Obamas Wahlkampf Teil dessen Presseteam in Colorado. Vielleicht sei es gut gewesen, Malen nie an einer Hochschule gelernt zu haben, sagt Meade heute. Sonst wäre sie vielleicht nie auf die Idee gekommen, dass auch Gras, ein Spiegelei oder eine Grapefruit als Leinwand dienen können.

Zu Beginn ihrer Künstlerkarriere war Meade häufig gefrustet: Die Farbe wollte weder am fettigen Ei, noch an der sauren Frucht halten. Und als sie anfing, auf menschlichen Körpern zu malen, musste sie ihre kleine Schwester bestechen, damit die sich stundenlang still auf einen Stuhl setzte - dafür gab es eine Einladung ins "Moby Dick House of Kebap".

Heute muss sich Meade ihre Models nicht mehr mühsam suchen, im Gegenteil. Im März 2010 wurde ihre Arbeit in einem Kommentar unter einem Blogeintrag erwähnt, versehen war er mit einem Link zu ihrer Homepage. Dann ging es sehr schnell: Sie bekam immer mehr Anfragen, CNN berichtete, und für Meade folgten Ausstellungen in Tokio, München, Madrid, Zürich, London und Paris - dort wird sie auch am 19. Juni in der Pinacothèque ausstellen.

2D statt 3D

Das Politikstudium und die Öffentlichkeitsarbeit hätten ihr geholfen, sagte Meade. Denn auch da gelte: "Wenn man bloß eine Kleinigkeit verändert, hat das Einfluss auf das Gesamtbild."

Ihr ursprünglicher Plan sei es gewesen, mit 25 Jahren im Wahlkampf für ihre eigene Polit-Karriere zu stecken. "Heute habe ich größere Träume", sagt Meade. Sie wolle immer die Möglichkeit haben, sich mit genau dem zu beschäftigen, was sie tatsächlich interessiere. Gerade erfindet sie zum Beispiel Spielzeug und verwandelt mit ihrem Freund, dem Hacker Chris Hughes, die gemeinsame Wohnung in Los Angeles in ein Fun House, so nennen sie das: Die Wände sind bunt gestrichen, die Treppenstufen in Regenbogenfarben; sie haben eine Fantasiewährung für ihr Zuhause erfunden und wenn Freunde das Paar besuchen, können sie in einem fiktiven Geschenkeladen Einhornfleisch kaufen. Sie wissen beide, dass es alberne Ideen sind. Aber sie machen ihnen gute Laune.

In einer Zeit, in der Filmemacher die dritte Dimension bejubeln, will Meade die Beschränkung auf zwei Dimensionen. "Wir werden heutzutage oft überfordert mit Eindrücken", sagt sie. Auch deshalb will sie etwas Simples schaffen, "das zwar verwirrend wirkt, aber sehr real ist". Und dafür brauche sie nicht einmal special effects. Sondern bloß Farbe, Pinsel und Zeit.

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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
KaroXXL 09.06.2015
1. Warum will sie alles auf zwei Dimensionen reduzieren?
Ganz einfach, weil es für Aufsehen sorgt und wohl noch nicht dagewesen ist ;) Und Spaß macht es höchstwahrscheinlich auch. Es geht doch nur darum etwas Neues zu bringen, immer wieder. Das bringt Aufmerksamkeit und mehr. In den allerwenigsten Fällen steht ein bewusster tiefsinniger Gedanke oder Gründe dahinter.
felisconcolor 09.06.2015
2.
sehr interessante Arbeiten und selbst ich als künstlerischer Laie kann mir etwas darunter vorstellen ohne vorher seitenlange Beschreibungen des Künstlers zu seinem Werk durchzulesen.
tweet4fun 09.06.2015
3. Warum will ein Forist sein Denken auf eine Dimensionen reduzieren?
Zitat von KaroXXLGanz einfach, weil es für Aufsehen sorgt und wohl noch nicht dagewesen ist ;) Und Spaß macht es höchstwahrscheinlich auch. Es geht doch nur darum etwas Neues zu bringen, immer wieder. Das bringt Aufmerksamkeit und mehr. In den allerwenigsten Fällen steht ein bewusster tiefsinniger Gedanke oder Gründe dahinter.
Ganz einfach, weil mehrdimansionales Denken für Anstrengung sorgt und wohl noch nicht dagewesen ist ;) Und Spaß macht es höchstwahrscheinlich auch. Es geht doch nur darum etwas Neues zu vermeiden, immer wieder. Das bringt Kopfschmerzen und mehr. In den allerwenigsten Fällen steht ein bewusster tiefsinniger Gedanke oder Gründe dahinter.
you_name_it 09.06.2015
4.
gefällt mir, hat mich an die Bilder Edward Hopper erinnert.
Bin_der_Neue 09.06.2015
5. Genial
Das find ich ja mal geil! Natürlich wäre es wesentlich einfacher, von vorherein nur das Gemälde auf Leinwand zu malen, wenn am Ende nur Bilder davon existieren. Aber darum geht es ja nicht, sondern um neue Wege in der Kunst. Und der Effekt, wenn man in natura vor solch einem "dreidimensionalen" Ölgemälde steht, dürfte sowie nicht in Worte zu fassen sein. Klasse finde ich auch die Aufnahme, in der die "reale" Frau die "gemalte" Frau im Arm hat. Einfach genial.
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